{"id":3331,"date":"2019-07-07T06:11:22","date_gmt":"2019-07-07T04:11:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3331"},"modified":"2019-07-08T06:18:40","modified_gmt":"2019-07-08T04:18:40","slug":"ein-unterschaetztes-genie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/07\/07\/ein-unterschaetztes-genie\/","title":{"rendered":"Ein untersch\u00e4tztes Genie"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Joseph Martin Kraus<\/strong>, Aufnahmen von 1991 bis 2007;  Amphitryon\u00a0\u00a0 Kantaten\u00a0\u00a0 Sinfonien\u00a0\u00a0 Kammermusik <\/p>\n\n\n\n<p>Capriccio C7325<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0123.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3332\" width=\"344\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0123.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0123-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0123-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte es Mozart nicht gegeben, Joseph Martin Kraus geh\u00f6rte heute selbstverst\u00e4ndlich zu den ganz Gro\u00dfen der klassischen Musik. Aber so wird er immer mit dem G\u00f6tterliebling verglichen und dadurch ist sein Nachruhm \u2013 wenigstens bei uns in Mitteleuropa \u2013 der Qualit\u00e4t nicht angemessen. Seine \u00dcbersiedelung nach Stockholm, dem guten Ruf des h\u00f6chst musischen damaligen schwedischen K\u00f6nigs Gustav III. folgend, wozu ihm ein Studienkollege geraten hatte, bezahlte er erst einmal mit einer langen Durststrecke, bis seine erste Oper \u201eProserpina\u201c ihm den gew\u00fcnschten Erfolg und die Stellung als Hofkompositeur eintrug. Bei steigernder Arbeitsbelastung komponierte er dennoch unaufh\u00f6rlich. Seine Schwindsucht, die schon sehr fr\u00fch auftrat, setzte seinem jungen Leben (er teilt mit Mozart das Geburtsjahr 1756) 1792 ein Ende, kurz nachdem im selben Jahr auch sein G\u00f6nner \u2013 Schwedens K\u00f6nig \u2013 nach dem ber\u00fchmten Attentat im M\u00e4rz 1792 verstorben war. F\u00fcr sein Begr\u00e4bnis hatte er noch eine dreis\u00e4tzige Trauersymphonie geschrieben in c-Moll, von der ein H\u00f6rer schrieb, dass diese Musik die wahre Trauer verhindert habe durch ihre hohe Kunst. <\/p>\n\n\n\n<p>In dieser CD-Box sind Teile aus den Intermezzi zu Moli\u00e8res\n\u201eAmphitryon\u201c enthalten, weltliche Kantaten nach Texten von Metastasio, acht\nseiner 14 Symphonien und zwei Streichquartette samt einem Fl\u00f6tenquintett\nenthalten. Jeder H\u00f6rer kann sich also ein eigenes H\u00f6r-Bild davon machen, wie\ndie Musik des Zeitgenossen von Mozart ihn ber\u00fchrt und bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beschr\u00e4nke mich hier auf die beiden ersten CDs, denn die\nanderen sind in anderer Form schon fr\u00fcher erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weltlichen Kantaten singt die Sopranistin Simone Kermes, Dirigent ist Werner Erhardt mit dem Ensemble K\u00f6ln. So virtuos diese Musik komponiert ist und gesungen wird, ist sie doch auf die Dauer einer ganzen CD \u2013 trotz der eingeschobenen instrumentalen Zwischenspiele \u2013 etwas erm\u00fcdend. Ein derart hoher \u2013 ich wage zu sagen: manchmal fast hysterischer in seinem exzessiven Vibrato \u2013, an die Grenzen gehender Koloratursopran ist sowieso Geschmacksache, meine Liebe ist es eher weniger. Und nat\u00fcrlich hat Kraus diese St\u00fccke f\u00fcr eine der ber\u00fchmtesten zeitgen\u00f6ssischen S\u00e4ngerinnen geschrieben, Lovisa (Sofia) Augusti (1756-1790), aber sicherlich nicht f\u00fcr die Auff\u00fchrung von f\u00fcnf dieser Kantaten hintereinander. Da erm\u00fcdet man einfach beim Zuh\u00f6ren. Selbstredend ist die Musik genial komponiert, auch ausgezeichnet realisiert und aufgenommen, der Einwand gilt also mehr der Dramaturgie und auch der S\u00e4ngerin als dem Komponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Joseph Martin Kraus in allen Bereichen zu Hause war,\nzeigt sein Werkverzeichnis, das alle Sparten umfasst von der Oper bis zur\nKirchenmusik, von leichten Singspielen \u00fcber viele Lieder bis hin zu einer Menge\nKammermusik, Symphonien und Konzerte. Dass er mit dem schwedischen Dichter-Musiker\nCarl Michael Bellman befreundet war, zeigt nicht nur die Musik zu mehreren\nSingspielen, sondern vor allem die schon zwei Monate nach Mozarts Tod\nentstandene \u201eTrauerelegie auf Mozarts Tod\u201c vom Januar 1792, der vermutlich\nersten musikalischen Antwort auf dieses Ereignis.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste CD enth\u00e4lt also Intermedien und Divertissement zu\nMoli\u00e8res \u201eAmphitryon\u201c, die Kraus 1784 auf Wunsch Gustavs III. komponierte.\nDamals hatte er mit seiner Oper \u201eProserpina\u201c schon r\u00e9\u00fcssiert, war ein\ngefeierter Komponist und begleitete seinen K\u00f6nig kurz darauf auf einer\nausgiebigen Europareise. Auch in dieser Musik kommt dem Sopran eine tragende\nRolle zu, gesungen von Chantal Santon, den Tenorpart singt der schon von\nanderen Aufnahmen bekannte Tenor Georg Poplutz, der Bonner Kammerchor ist mit\nvon der Partie und wieder dirigiert Werner Ehrhardt das Concerto K\u00f6ln. Sehr\nmelodisch und nat\u00fcrlich tonal ist diese Musik \u2013 Kraus hat sich in seinen\nKlaviersonaten auch sehr weit in die Chromatik gewagt \u2013, und sie wird seinem\nK\u00f6nig sicher nicht missfallen haben. Denn was da an feinster Instrumentation zu\nh\u00f6ren ist, ist aufregend, und die immer vorhandene Leichtigkeit dieser Musik\nbeschreibt sein Sch\u00fcler Pehr Frigel (1750-1842) \u2013 nachzulesen im vorz\u00fcglichen\nBooklet \u2013 wie folgt: \u201e&#8230;.eine Arbeit, wo sich all das findet, was an\nSpielerischem, Naivem, Neuem, Feurigem und Gef\u00e4lligem komponiert werden kann.\nMan war nun verwundert zu sehen, dass Kraus\u2018 Genius sich nicht nur auf das\nTraurige, das Chromatische beschr\u00e4nkte, sondern dass er ebenfalls ein Meister\ndes Heiteren und des Strahlenden war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kurzum, diese f\u00fcnf CDs bieten eine \u2013 noch dazu recht preiswerte und vorz\u00fcglich aufgenommene \u2013 M\u00f6glichkeit, die Musik dieses Meisters, der vor allem Christoph Willibald Gluck (1714-1787) zu seinen Vorbildern z\u00e4hlte, den aber auch Joseph Haydn sch\u00e4tzte, zu erleben und sich sein eigenes Urteil dar\u00fcber zu bilden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Ulrich Hermann, Juli 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Martin Kraus, Aufnahmen von 1991 bis 2007; Amphitryon\u00a0\u00a0 Kantaten\u00a0\u00a0 Sinfonien\u00a0\u00a0 Kammermusik Capriccio C7325 H\u00e4tte es Mozart nicht gegeben, Joseph Martin Kraus geh\u00f6rte heute selbstverst\u00e4ndlich zu den ganz Gro\u00dfen der klassischen Musik. 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