{"id":3341,"date":"2019-07-09T06:36:45","date_gmt":"2019-07-09T04:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3341"},"modified":"2019-07-08T06:38:34","modified_gmt":"2019-07-08T04:38:34","slug":"ravel-ohne-pianissimo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/07\/09\/ravel-ohne-pianissimo\/","title":{"rendered":"Ravel ohne Pianissimo"},"content":{"rendered":"\n<p>Coviello classics, COV 91910; EAN: 4 039956 919100<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0126.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3342\" width=\"379\" height=\"338\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0126.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0126-300x268.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 379px) 100vw, 379px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Alfonso G\u00f3mez spielt\ndas gesamte Klavierwerk von Ravel f\u00fcr Coviello Classics ein. Er beginnt mit\nJeux d\u2019eau und der Pavane pour une infante d\u00e9funte und arbeitet sich \u00fcber die\ndrei Gro\u00dfformate Miroirs, Gaspard de la nuit und La Valse hin zu den eher kleineren\nSt\u00fccken, Sonatine, Pr\u00e9lude und dem Menuet; es folgt La tombeau de Couperin und\n\u00c0 la mani\u00e8re de \u2026, dann kommen Menuet antique und Menuet, bevor die Doppel-CD\nmit den Valses nobles et sentimentales schlie\u00dft. Es fehlen lediglich kleinere\nSt\u00fccke wie die S\u00e9r\u00e9nade grotesque und La parade sowie die Klavierbearbeitungen\naus Daphnis et Chlo\u00e9. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik Ravels fordert den Pianisten nicht blo\u00df auf\nmechanischer Ebene, wo sie ma\u00dfgebliche Neuerungen schuf und vorhandene Grenzen\nspielerisch sprengte, sie wirkt vor allem auf musikalischer Ebene,\ntranszendiert Fingerfertigkeit durch nuancierten Anschlag zur Technik und\nRhythmus zum Groove. Neben Schubert und Debussys geh\u00f6rt Ravel zu denjenigen\nKomponisten, die vor allem im Pianissimo ihre gr\u00f6\u00dfte Kraft offenbaren. Und genau\nhier liegt bereits die Schw\u00e4che der vorliegenden Aufnahme begraben: Alfonso\nG\u00f3mez bekommt kein wahres Pianissimo hin, er unterschreitet nie den Bereich,\nden ich als Piano einordnen w\u00fcrde. Dies unterminiert, um nur einige Beispiele\nzu nennen, den Beginn von La valse, der als tiefes und konturloses Brodeln, als\neine Art \u201eUrlaut\u201c wahrgenommen werden sollte, und nicht wie in dieser Aufnahme\ndeutlich konturiert hervorhallend. Dies macht auch die Ondine teils recht\nbeh\u00e4big und \u201ezu wirklich\u201c f\u00fcr ihre mystische Gestalt; und die Noctuelles wirken\nmehr wie ausgewachsene V\u00f6gel, jedenfalls nicht wie Nachtfalter. <\/p>\n\n\n\n<p>Dem setzt G\u00f3mez jedoch akkurat-pr\u00e4zises Spiel auf der\nRhythmusebene entgegen, was gerade den Walzerstudien \u00fcber weite Strecken sehr\nzugute kommt, die immer in der Schwebe zwischen sp\u00fcrbarem Walzertakt und\ndiametral entgegengesetzter Rhythmik verharren. Gelungen erscheint auch das\nspanische Element, das in erster Linie Alborada del gracioso befeuert, diesem\nSt\u00fcck aus Miroirs einen wahnwitzigen Trieb verleiht, der in teuflischen\nRepetitionsnoten kulminiert. Mitrei\u00dfende Spielfreude h\u00f6ren wir in Jeux d\u2019eau,\neiner regelrecht naturalistischen Darstellung eines Wasserspiels (dieser\nNaturalismus, vor allem typisch f\u00fcr Debussy [z.B. Pr\u00e9ludes Livre 1 und La Mer],\nsetzt sich sp\u00e4ter in den Miroirs fort, kommt aber auch in Gaspard de la nuit\nzum Tragen). G\u00f3mez bleibt locker und schafft eine feine Abstimmung zwischen\nMelodie und Umspielung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei jeder Ravel-Aufnahme lege ich besonderen Wert auf die\norchestral gesetzte Pavane pour une infante d\u00e9funte. Mechanisch leicht zu\nbew\u00e4ltigen offenbart gerade das Thema in seinen drei unterschiedlichen\nErscheinungen die Qualit\u00e4ten eines Pianisten. Der schlichten Melodie in der\nOberstimme ist ein Pizzicato-Bass im Viertelma\u00df und eine ebenfalls Pizzicato zu\nspielende F\u00fcllfigur zun\u00e4chst im Achtel- und sp\u00e4ter im Sechzehntelma\u00df\nbeigegeben. Die dynamische Hierarchie ist klar: am deutlichsten die Melodie,\ndann der sonore Bass und kaum wahrnehmbar die nur harmonisch wichtige F\u00fcllung,\ndie ung\u00fcnstigerweise mit den starken Fingern der rechten Hand zu spielen ist;\ninteressanter allerdings die Frage nach dem Pedal: streng genommen kann man die\nersten beiden Darbietungen des Themas nicht oder nur minimal mit Pedal\nversehen, um das \u201eStreicher\u201c-Pizzicato nicht zu verw\u00e4ssern, doch das wiederum\nverlangt dichtes Fingerpedal (enormes Legato mit leichtem Liegenblieben) in der\nMelodie. All dies klanglich abzustimmen und in orchestralen Farben zu\nrealisieren, grenzt an Unm\u00f6glichkeit \u2013 Juan Jos\u00e9 Chuquiseno gelang dies unvergleichlich;\nandere ebenso stimmige Darbietungen h\u00f6rte ich von Richter und von Austb\u00f8. G\u00f3mez\nbem\u00fcht sich wenig, die Stimmen \u00fcberhaupt abzuw\u00e4gen und die Melodie zu \u201esingen\u201c,\ndaf\u00fcr hallt die Mittelstimme \u2013 gut mit Pedal getr\u00e4nkt \u2013 viel zu sehr \u00fcber die\nwichtigeren Randstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich die Aufnahme mit Alfonso G\u00f3mez\ntechnisch-mechanisch auf h\u00f6chstem Niveau ist und der Pianist sich bei vielem durchaus\num Pr\u00e4zision und Feinheit bem\u00fcht hat, entt\u00e4uscht die Aufnahme gerade im\nVergleich zu der erst im Januar erschienenen Gesamtaufnahme mit H\u00e5kon Austb\u00f8\ndurch ihren Mangel an Pianissimo und die teils zu oberfl\u00e4chlich gedachten\nPassagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nJuni 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Coviello classics, COV 91910; EAN: 4 039956 919100 Alfonso G\u00f3mez spielt das gesamte Klavierwerk von Ravel f\u00fcr Coviello Classics ein. 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