{"id":3345,"date":"2019-07-13T06:38:59","date_gmt":"2019-07-13T04:38:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3345"},"modified":"2019-07-08T06:55:59","modified_gmt":"2019-07-08T04:55:59","slug":"nordische-folklore-und-persoenlicher-fingerabdruck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/07\/13\/nordische-folklore-und-persoenlicher-fingerabdruck\/","title":{"rendered":"Nordische Folklore und pers\u00f6nlicher Fingerabdruck"},"content":{"rendered":"\n<p>Toccata Classics, TOCN 0004; EAN: 5 060640 070042<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0127.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3346\" width=\"355\" height=\"355\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0127.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0127-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0127-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Organist Gunnar\nIdenstam und der Nyckelharpa-Spieler Erik Rydvall f\u00fchren den H\u00f6rer in die Welt\nder skandinavischen und estnischen Volksmusik ein. Neben traditionellen\nMelodien spielen sie auch neuere St\u00fccke und improvisieren; die Arrangements\nstehen dabei nirgends geschrieben, sondern entstanden mehr oder weniger im\nMoment der Aufnahme. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf vorliegender CD erleben wir die nordische Welt gleichsam\nhistorisch wie zutiefst pers\u00f6nlich. Gunnar Idenstam und Erik Rydvall w\u00e4hlten\nsich einige traditionelle Melodien aus, die teils ins sechzehnte und siebzehnte\nJahrhundert zur\u00fcckreichen, und kombinierten sie mit neueren Kompositionen und\neigenen Improvisationen, die jedoch stets in der Folklore verwurzelt bleiben.\nDie Aufnahme entstand in der Kathedrale von Kristiansand in Norwegen, deren\nneue Orgel erst 2013 von der deutschen Firma Klais erbaut wurde und einige\nBesonderheiten wie Glocken- und Wind-Register aufweist. Erik Rydvall spielt\ndazu die Nyckelharpa, ein mittelalterliches Instrument, das im siebzehnten\nJahrhundert unerwartet und modifiziert in Schweden auftauchte, w\u00e4hrend seine\nBl\u00fctezeit auf dem Kontinent bereits abklang. Die Nyckelharpa, Schl\u00fcsselharfe,\nist ein Streichinstrument, das \u00c4hnlichkeiten zur Geige aufweise, dessen Saiten\nallerdings mit Tasten (\u201aSchl\u00fcsseln\u2018) niedergedr\u00fcckt und somit verk\u00fcrzt werden,\nwas die Tonh\u00f6he definiert. Resonanzsaiten und teils (vor allem bei alten\nInstrumenten) Bordunsaiten geben dem Instrument den charakteristischen,\nnachhallenden Klang. In Schweden hat das Instrument seit seinem Aufkommen eine\nlebendige Tradition und wurde im Laufe der letzten etwa achtzig Jahre deutlich weiterentwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das spannende Element dieser Aufnahme liegt in der Symbiose\naus jahrhundertelanger \u00dcberlieferung und pers\u00f6nlicher, spontaner Ausarbeitung\nauf modernen Instrumenten. So lebt gleichzeitig die Tradition weiter (und wird\nsogar auf CD festgalten) und bleibt doch neu wie unverbraucht. Den zahllosen\nVersuchen, nordische Volksmusik zu transkribieren, schlossen sich die Musiker\ndabei nicht an, sondern fokussierten sich auf m\u00fcndliche Tradition, der sie neue\nT\u00e4nze hinzuf\u00fcgten.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller oberfl\u00e4chlicher Einfachheit mit unerm\u00fcdlich\nunver\u00e4ndert wiederkehrenden Themen und kleinem Ambitus herrscht ansprechende\nKomplexit\u00e4t vor, besonders im Bereich der Rhythmik: Duolen und Triolen stehen\neng nebeneinander, Punktierungen verleihen zus\u00e4tzliche W\u00fcrze. Harmonisch\nsch\u00e4tzen die nordischen L\u00e4nder besonders die gro\u00dfe Septim, die immer wieder ein\naufregendes Kribbeln verleiht, aber auch andere Dissonanzen werden gerne\nstimmig eingebunden. Manche der Werke dieser CD waren sicherlich genuin f\u00fcr die\nNyckelharpa gedacht, andere haben ihren Ursprung wohl auf der Fiedel,\nbeispielsweise der norwegischen Hardingfele, deren Klang heute vor allem durch\nHoward Shores Filmmusik zu Herr der Ringe vertraut erscheint. Doch Fiedelkl\u00e4nge\nlassen sich durch die anatomischen \u00c4hnlichkeiten leicht auf der Harpa umsetzen.\nDie Orgel spielt ebenso eine Rolle in nordischer Folklore, nachdem die L\u00e4nder teils\ngewaltsam christianisiert worden sind. In Liedtranskriptionen finden wir\nzahllose religi\u00f6se Lieder und Psalmen, viele gro\u00dfe Volksmusiksammler waren\nselbst Organisten beziehungsweise komponierten auch Kirchenmusik; so\nbeispielsweise die Lindeman-Dynastie.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunnar Idenstam hat Spa\u00df daran, an der Orgel zu\nexperimentieren und ihr einzigartige Klangkombinationen und Ger\u00e4uscheffekte zu\nentlocken, die er stets in den Dienst der Musik stellt. Sein Hintergrund im\nBereich der symphonischen Rockmusik bleibt dabei unverkennbar und so bringt er\nein atmosph\u00e4risches Element mit in die Folklore. Erik Rydvall nutzt eben dies\nf\u00fcr seine H\u00f6henfl\u00fcge, bleibt parallel immer wachsam und aufmerksam auf seinen\nMitspieler. Gemeinsam erschaffen sie funktionierende Formen und teils lange\nSpannungsb\u00f6gen, haben Freude an den ungeraden Rhythmen und t\u00e4nzerischen\nElementen, werfen sich die Melodien einander zu und greifen sie auf. So\nentsteht ein vielseitiges, stimmiges und lebendiges Album, das uns in die\nVolksmusik einf\u00fchrt und zugleich ein pers\u00f6nlicher Fingerabdruck ist.<\/p>\n\n\n\n<p>[Oliver Fraenzke, Juni 2019]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toccata Classics, TOCN 0004; EAN: 5 060640 070042 Der Organist Gunnar Idenstam und der Nyckelharpa-Spieler Erik Rydvall f\u00fchren den H\u00f6rer in die Welt der skandinavischen und estnischen Volksmusik ein. 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