{"id":335,"date":"2015-12-19T17:21:41","date_gmt":"2015-12-19T16:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=335"},"modified":"2016-01-21T23:09:16","modified_gmt":"2016-01-21T22:09:16","slug":"lichter-aus-der-ferne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/19\/lichter-aus-der-ferne\/","title":{"rendered":"Lichter aus der Ferne"},"content":{"rendered":"<p>Ars produktion, ARS 38 157, EAN: 4260052 381571<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Northern_lights_cover.jpg\" rel=\"attachment wp-att-304\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-304\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Northern_lights_cover-300x300.jpg\" alt=\"Northern_lights_cover\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Northern_lights_cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Northern_lights_cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Northern_lights_cover.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gemeinsam mit dem Folkwang Kammerorchester Essen unter seinem Chefdirigenten Johannes Klumpp erweckt die Geigerin Kathrin Ten Hagen, teils mit dem Bratscher Itamar Ringel als Solopartner, Werke nordeurop\u00e4ischer Komponisten zum Leben. Es erklingen Kompositionen von Ole Bull, <\/em><em>P\u0113teris Vasks, Kurt Atterberg, Anders Eliasson und Jean Sibelius.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach ihren <em>Eastern Impressions<\/em> erschien die zweite CD Kathrin Ten Hagens mit dem Titel <em>Northern Lights<\/em>, in welchem die preisgekr\u00f6nte Geigerin den H\u00f6rer mitnimmt auf eine Reise durch diverse skandinavische Tonlandschaften. Was schon im ausf\u00fchrlichen und sehr pers\u00f6nlichen Booklettext von Daniel Knaack (im Gespr\u00e4ch mit beiden K\u00fcnstlern und dem Dirigenten) anklingt, zeichnet jeden einzelnen Ton dieser Aufnahme aus: Absolute Hingabe, sei es durch tiefste Verinnerlichung oder \u00e4u\u00dferste Leidenschaft, verbunden noch dazu mit technischer Virtuosit\u00e4t, Perfektion ohne Perfektionismus, selbst in noch so schwierigen Passagen der Werke; kurz, absolute Tadellosigkeit. Allein deshalb verdient die vorliegende Aufnahme eine W\u00fcrdigung in The-New-Listener.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der spielerischen Qualit\u00e4t als positivem Faktor sind es auch die Vielfalt, die individuell gestaltete Auswahl der Werke und deren kompositorische Reife, die dabei nicht nur die geographische Provenienz gemein haben, sondern auch eine Aura des Geheimnisvollen, Entfernten, frei jedoch von K\u00e4lte. Oder in den Worten des Booklets: \u201edie Weite, Unendlichkeit und zugleich unmittelbare menschliche N\u00e4he.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der hohe Anspruch eines jeden Werks legt dabei die wochenlange Arbeit der Musiker offen, mit der sie dieses keineswegs selbstverst\u00e4ndliche Ergebnis hervorbrachten. Am wenigsten fesselt noch die Er\u00f6ffnung: <em>Solitude sur la Montagne <\/em>(oder <em>S\u00e6terjentens s\u00f8ndag<\/em>) des Norwegers Ole Bull, der dazu eigentlich nur die Melodie schrieb, w\u00e4hrend sein Zeitgenosse Johan Severin Svendsen den Streichersatz dazu beisteuerte. Dieses dreimin\u00fctige Werk, das nicht von ungef\u00e4hr an <em>Solveigs Wiegenlied<\/em> von Edvard Grieg erinnert, k\u00f6nnte leicht zum blo\u00dfen musikalischen Souvenir verkommen, w\u00fcrden die Musiker nicht daraus eine innige Elegie gestalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Einstieg eignet sich die <em>Solitude<\/em> insofern, da sie gleich darauf zum ersten gro\u00dfen Opus dieser Reihe \u00fcberleitet, zu <em>Vox amoris <\/em>von P\u0113teris Vasks. Der lettische Zeitgenosse verbindet in diesem Werk von 2009 einen Hochgesang der Liebe mit einem Hymnus auf die Sch\u00f6pfung und auf Gott. Insgesamt handelt es sich um ein dreiteiliges Werk, das Transzendenz und Passion bis hin zur Schmerzgrenze verbindet, wobei aber alles eine Einheit bildet, ohne irgendeine h\u00f6rbare Kluft. Ten Hagen und die Kammermusiker nehmen sich f\u00fcr jede Nuance in <em>Vox amoris<\/em> Zeit, f\u00fcr jede Entwicklung bzw. Steigerung und verstehen es, dem Werk ein breites Ausdrucksspektrum angedeihen zu lassen, von \u00e4u\u00dferst zart und weich bis zu herausfordernd intensiv und energisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verhaltener wiederum ist das mittlere Werk, diesmal aus Schweden: Die Suite Nr. 3 op. 19 f\u00fcr Violine, Bratsche und Streichorchester von Kurt Atterberg. Das Sujet, welches Atterberg verwendete, ist belgischer Herkunft, n\u00e4mlich <em>S\u0153ur B\u00e9atrice<\/em> von Maurice Maeterlinck. Es erz\u00e4hlt die tragische Geschichte einer Ordensschwester, die ihr (privates) Gl\u00fcck in der Welt sucht und dabei ein Martyrium durchl\u00e4uft. Doch ist Atterbergs Musik bei aller Ernsthaftigkeit keineswegs d\u00fcster. Sowohl das <em>Prelude<\/em> als auch die <em>Pantomime<\/em> haben ihre Basis in den choralartig gesetzten Streichern. Auch hier zeigt das Folkwang Kammerorchester seine musikalische Einf\u00fchlsamkeit in der Begleitung. Und die solistische Chemie zwischen Itamar Ringel, bei dem sich jeder Bratscherwitz von selbst verbietet, und Kathrin ten Hagen \u00fcberzeugt durch gegenseitige Achtung und Gleichwertigkeit. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die <em>Vision<\/em>, laut Booklet eine Art Danse macabre, wo die beiden Solisten stets die Balance halten, eben auch in schnellen Passagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen \u00e4u\u00dferlich radikalen Bruch und auch den H\u00f6hepunkt der <em>Northern lights <\/em>bildet das Konzert f\u00fcr Violine und Streichorchester eines anderen Schweden: Anders Eliasson. Obgleich man ihn f\u00fcr ein Enfant terrible halten k\u00f6nnte beim ersten H\u00f6ren dieser Musik, handelt es sich doch in Wahrheit um ein so k\u00fchnes wie ungemein vielschichtiges und konsequent durchstrukturiertes Werk, dessen ersten Satz <em>Allegro con fuoco <\/em>die K\u00fcnstler ohne jegliche Erm\u00fcdung und unn\u00f6tige Dramatisierung, aber mit viel Energie und Flexibilit\u00e4t gestalten. Eliasson leugnet gerade hier nie seine fr\u00fche T\u00e4tigkeit als Jazztrompeter sowie seine komplette kompositorische Unabh\u00e4ngigkeit. Im zweiten Satz <em>Lento<\/em> zeigt sich die atmosph\u00e4rische Verwandtschaft zu den \u00fcbrigen Opera der CD: das Lichterhafte, das Entfernte, das Gelassene. Das abschlie\u00dfende <em>Presto <\/em>vereint allerlei technische und kontrapunktische Einf\u00e4lle, die vielleicht gelegentlich ein wenig an Ives oder Bartok erinnern m\u00f6gen, zu einem gro\u00dfen Ganzen, an dem nichts \u00fcberfl\u00fcssig wirkt. Auch hier geben s\u00e4mtliche Musiker nochmals ihr Bestes, angef\u00fchrt von einer stets agilen Kathrin ten Hagen, die selbst in heikelsten Lagen mit ihrer gro\u00dfen Sicherheit besticht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun best\u00fcnde die Gefahr, dass sich das letzte Werk, die sp\u00e4te Suite f\u00fcr Violine und Streichorchester op. 117 von Jean Sibelius, wie eine glatte Zugabe anh\u00f6ren k\u00f6nnte. Nicht so bei diesen K\u00fcnstlern und ihrem selbstkritischen Maestro Johannes Klumpp. Jedes Tempo wird als solches ernst genommen, zugleich gestaltet Sibelius seine Musik leicht und fr\u00fchlingshaft. Besonders der Schluss <em>Im Sommer<\/em>. <em>Vivace, <\/em>\u00fcberrascht durch Ten Hagens absolute Beherrschung der Sechzehntell\u00e4ufe, denen sie zudem Charakter zu verleihen versteht. Nichts daran klingt gehetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn diese Nordlichter bereits vor einem Jahr erschienen, sei diese wunderbare Aufnahme \u2013 nicht nur f\u00fcr Weihnachten \u2013 hier noch einmal ausdr\u00fccklich empfohlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars produktion, ARS 38 157, EAN: 4260052 381571 Gemeinsam mit dem Folkwang Kammerorchester Essen unter seinem Chefdirigenten Johannes Klumpp erweckt die Geigerin Kathrin Ten Hagen, teils mit dem Bratscher Itamar Ringel als Solopartner, Werke nordeurop\u00e4ischer Komponisten zum Leben. Es erklingen Kompositionen von Ole Bull, P\u0113teris Vasks, Kurt Atterberg, Anders Eliasson und Jean Sibelius. 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