{"id":3350,"date":"2019-07-11T11:30:38","date_gmt":"2019-07-11T09:30:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3350"},"modified":"2021-11-21T19:38:38","modified_gmt":"2021-11-21T18:38:38","slug":"wahrheit-als-frage-spiegel-und-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/07\/11\/wahrheit-als-frage-spiegel-und-realitaet\/","title":{"rendered":"Wahrheit als Frage, Spiegel und Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/65644806_10157376674707232_6289311393980088320_o-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3353\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/65644806_10157376674707232_6289311393980088320_o-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/65644806_10157376674707232_6289311393980088320_o-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/65644806_10157376674707232_6289311393980088320_o-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/65644806_10157376674707232_6289311393980088320_o.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>(c) Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Im letzten Symphoniekonzert\nder musica viva Saison 2018\/19 am 5.7. im Herkulessaal dirigierte die einmal mehr\nv\u00f6llig souver\u00e4ne Susanna M\u00e4lkki die Urauff\u00fchrung von Miroslav Srnkas \u201eSpeed of\nTruth\u201c \u2013 f\u00fcr Soloklarinette, Chor und Orchester \u2013 und als deutsche\nErstauff\u00fchrung Enno Poppes von ihr erst k\u00fcrzlich in Helsinki aus der Taufe\ngehobenes Orchesterwerk \u201eFETT\u201c. J\u00f6rg Widmann, diesmal \u201anur\u2018 als Klarinettist unterwegs,\ninterpretierte nicht nur den Solopart bei Srnka, sondern gl\u00e4nzte auch durch\neine geradezu perfekte Darbietung von Pierre Boulez\u2018 \u201eDialogue de l\u2019ombre double\u201c\nf\u00fcr Klarinette und Tonband.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Um es gleich vorwegzunehmen: Der Abend hinterlie\u00df bei mir einen recht heterogenen Eindruck. Und ohne <em>J\u00f6rg Widmanns<\/em> in zweifacher Hinsicht \u201evermittelnder\u201c Funktion, einerseits als Solist in Miroslav Srnkas <em>\u201eSpeed of Truth\u201c <\/em>wie auch, mal wieder allein auf der B\u00fchne des Herkulessaals, mit Pierre Boulez\u2018 interessantem Schattenspiel <em>\u201eDialogue de l\u2019ombre double\u201c <\/em>als Bindeglied oder nur vermeintlich einsamer Insel zwischen den beiden gro\u00dfbesetzten Beitr\u00e4gen, w\u00e4re dies ein unsortierter Gemischtwarenladen geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Srnka hatte sich zum Ziel gesetzt, mit seinem St\u00fcck \u00fcber \u201eWahrheit\u201c zu reflektieren \u2013 angesichts der aktuellen Diskussion \u00fcber Fake-News und der Wirkung manipulierter, digitaler Medien ein eigentlich vielversprechender Ansatz. Dem stehen auch die auf den ersten Blick recht einheitlichen Textfragmente, die der Chor wiedergibt \u2013 von Graffiti \u00fcber Aristoteles, Emerson bis Emily Dickinson \u2013 nicht entgegen. Die Idee Srnkas einer Rollenverteilung \u2013 die Soloklarinette agiert als \u201eVetrauensperson\u201c, der Chor als manipulierte, aber auch durch scheinbar stetes Wiederholen selbst manipulierende Masse, deren Aussagen durch das in wenige, klanglich \u00e4u\u00dferst homogene Gruppen aufgeteilte Orchester, quasi als Bots, verst\u00e4rkt oder aber ad absurdum gef\u00fchrt werden \u2013 geht jedoch nicht auf. Das liegt vor allem daran, dass gerade der Chor in dieser Komposition doch sehr schwach wirkt; beim H\u00f6rer stellt sich so der vielleicht intendierte, psychologische Effekt kaum ein. Widmann bietet die halsbrecherischen Schwierigkeiten auf der Klarinette \u2013 \u00fcber l\u00e4ngere Strecken quasi Zweistimmigkeit unter Verwendung aller Tricks der Multaphon-Techniken \u2013 mit \u00dcberzeugung dar; aber das Ergebnis ist dann halt auch \u201enur\u201c ein Solokonzert mit weitgehend \u00fcberfl\u00fcssigem Brimborium drumherum. Da hat man von Srnka in letzter Zeit (Klavierkonzert!) durchaus Besseres geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr J\u00f6rg Widmann war nach eigener Aussage die Begegnung mit Boulez\u2018 <em>Dialogue de l\u2019ombre double<\/em> in den Achtzigern ein Schl\u00fcsselerlebnis f\u00fcr seine eigene musikalische Entwicklung, und er selbst  hat das St\u00fcck sp\u00e4ter oft gespielt. Auch im Herkulessaal gelingt ihm \u2013 und der Technik des SWR Experimentalstudios \u2013 eine makellose Wiedergabe dieses Meisterwerks des gro\u00dfen Franzosen. Den vielf\u00e4ltigen Faltungsprozessen des Raumklanges, besonders an den Stellen, wo Tonband \u2013 es enth\u00e4lt nur ebenfalls vom Live-Interpreten aufgenommene Klarinettenkl\u00e4nge \u2013 und Solist gleichzeitig in Aktion treten, und Widmanns gleicherma\u00dfen von stupender Virtuosit\u00e4t, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Reaktionsschnelligkeit gepr\u00e4gter Interpretation kann man sich nicht entziehen \u2013 gro\u00dfer Beifall.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders gespannt durfte man auf Enno Poppes Orchesterst\u00fcck <em>\u201eFETT\u201c<\/em> mit 4-fachen Bl\u00e4sern sein, da der Komponist seine ausgekl\u00fcgelte Mikrotonalit\u00e4t bisher eher kleinen bzw. mittleren Besetzungen anvertraute. Poppe ist es in den letzten Jahren \u00fcberzeugend gelungen, ein mikrotonales \u201eharmonisches\u201c System zu etablieren, wo es wieder so etwas wie \u2013 verst\u00e4ndliches \u2013 Sequenzieren, Modulieren oder Kadenzieren gibt \u2013 ebenso Verbindungsglieder zwischen den Welten von Halb-, Viertel- und Achtelt\u00f6nigkeit, die aber nicht im Spektralen liegen. Das h\u00f6rt man in \u201eFETT\u201c auch stellenweise; jedoch liegt Poppes Schwerpunkt diesmal eher im Gegenteil. Er fasziniert hier \u2013 durchgehend achtelt\u00f6nig \u2013 mit gewaltigen Akkordballungen, klopft diese v\u00f6llig kompromisslos auf deren Expressivit\u00e4t ab. So entsteht eine, besonders in der Steigerung auf den Schluss hin, \u00fcber Strecken nervenzehrende Spannungsspirale, formal erstaunlich klar und von teilweise auch wahrhaft gewaltt\u00e4tigem Ausdruck, die so fast an die Tradition romantischer sinfonischer Dichtungen erinnern mag. Das BR-Orchester kann hier aus dem Vollen sch\u00f6pfen, eine vorz\u00fcgliche Leistung nach sicherlich harter Arbeit. Wie schon bei Srnka hat die fantastische <em>Susanna M\u00e4lkki<\/em> stets alles im Griff, ihre souver\u00e4ne Zeichengebung strahlt Ruhe und Klarheit aus \u2013 trotzdem kann sie gerade Poppes Emotionsrausch zielgerichtet lenken, geradezu intraven\u00f6s aufs Publikum \u00fcbertragen. Die Akkorde hauen mich zwar nicht immer aus den Schuhen, aber am Schluss vom Sitz \u2013 Teile des Publikums reagieren allerdings mit Unverst\u00e4ndnis<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 9.7.2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Symphoniekonzert der musica viva Saison 2018\/19 am 5.7. im Herkulessaal dirigierte die einmal mehr v\u00f6llig souver\u00e4ne Susanna M\u00e4lkki die Urauff\u00fchrung von Miroslav Srnkas \u201eSpeed of Truth\u201c \u2013 f\u00fcr Soloklarinette, Chor und Orchester \u2013 und als deutsche Erstauff\u00fchrung Enno Poppes von ihr erst k\u00fcrzlich in Helsinki aus der Taufe gehobenes Orchesterwerk \u201eFETT\u201c. 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