{"id":3362,"date":"2019-07-25T09:40:35","date_gmt":"2019-07-25T07:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3362"},"modified":"2019-07-23T21:55:16","modified_gmt":"2019-07-23T19:55:16","slug":"der-musik-die-daemonen-austreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/07\/25\/der-musik-die-daemonen-austreiben\/","title":{"rendered":"Der Musik die D\u00e4monen austreiben"},"content":{"rendered":"\n<p>Gutman Records, CD191; EAN: 8 719325 404012<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0129-1024x922.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3363\" width=\"326\" height=\"293\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0129-1024x922.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0129-300x270.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0129-768x691.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/N0129.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 326px) 100vw, 326px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Um C\u00e9sar Francks gro\u00df\nangelegte Violinsonate in A-Dur errichtet die niederl\u00e4ndische Violinistin Merel\nVercammen gemeinsam mit der Pianistin Dina Ivanova das Programm ihrer CD\n\u201eSymbiosis\u201c. Neben Francks Meilenstein h\u00f6ren wir die D-Moll-Sonate von Irene\nRegina Wieniawska, die ihre Werke unter dem Pseudonym Poldowski herausgab,\nsowie \u201eSprookjes: Musical Tales for Violin and Piano\u201c der niederl\u00e4ndischen\nKomponistin Mathilde Wantenaar. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber manche Werke herrschen D\u00e4monen, die sich auf die Auff\u00fchrungsweise auswirken. Bei diesen D\u00e4monen handelt es sich um mechanisch oder technisch \u00fcberh\u00f6hte Anforderungen, die in den Musikern bereits vor der Erschlie\u00dfung gewisse Angst vor den Werken sch\u00fcren. Viele Musiker \u00fcberspielen die Angst durch mechanische Perfektion und rasende Tempi, missbrauchen die Herausforderungen zur Selbstdarstellung und vernachl\u00e4ssigen im Umkehrschluss die wahre Musik, die in den Werken enthalten ist. Auf diese Weise h\u00f6ren wir manche Werke fast ausschlie\u00dflich als rasende Technikorgien ohne tats\u00e4chlichen Inhalt und bestaunen vielleicht die raschen Finger, erleben aber nicht die Musik. Beispiele hierf\u00fcr sind unter anderem Paganinis Capricen, Listzs Mephistowalzer, Prokofieffs Solokonzerte, Ravels Gaspard de la Nuit und Miroirs oder eben Francks Violinsonate.<\/p>\n\n\n\n<p>Merel Vercammen und Dina Ivanova treiben die D\u00e4monen aus. Sie lassen sich nicht beschr\u00e4nken durch die technischen H\u00fcrden oder auf Selbstdarstellung, sondern erforschen die Musik von innen heraus. Dabei halten sie den emotionalen und den analytischen Aspekt in der Waage, werden also weder von den Emotionen \u00fcberw\u00e4ltigt, noch von der Theorie abstumpft; sie verstehen die Sonate. Die Beziehungen zwischen jedem Ton werden ersp\u00fcrt, wodurch sie den H\u00f6rer sogar durch die gro\u00dfen Fl\u00e4chen der Recitativo-Fantasia hindurch sicher geleiten, ohne die Spannung einbrechen zu lassen. Das ber\u00fcchtigte Allegro erklingt gelassen und beh\u00e4lt dennoch die vorw\u00e4rtstreibende Energie. Selten vernimmt man das Hauptthema im Klavier so herausgemei\u00dfelt und ausgestaltet wie bei Dina Ivanova, die allgemein die einzelnen Stimmen in eine funktionierende Hierarchie stellt, so dass sich alles am rechten Platz der Wahrnehmung befindet. Der erste Satz strahlt innige Ruhe aus, w\u00e4hrend das Finale in t\u00e4nzerischer Beschwingtheit gl\u00e4nzt und eine scherzhafte Note erh\u00e4lt. So ergibt sich ein beinahe narratives Element, das den H\u00f6rer vom fragend getragenen Ausgangspunkt aus \u00fcber Turbulenzen und Meditationen bis hin zu einem Ziel f\u00fchrt, das eigentlich gerade in der Unvereinbarkeit liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Komponistin Mathilde Wantenaar und ihre Sprookjes lernte Merel Vercammen durch einen Kompositionswettbewerb kennen, in dem sie das Werk auff\u00fchrte, welches schlie\u00dflich sogar den Jury- wie den Publikumspreis gewann. Die drei kurzen St\u00fccke stehen in einem postromantischen und bildhaften Stil, der den H\u00f6rer unmittelbar anspricht und seine Fantasie anregt. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfartige Repertoire-Entdeckung gelang den\nMusikerinnen mit der Violinsonate d-Moll von Irene Regina Wieniawska, der\nTochter von Henryk Wieniawski. Da sie weder vom Namen ihres Vaters, noch von\ndem ihres Ehemanns profitieren wollte, publizierte sie ihre Werke unter dem\nPseudonym Poldowski. Die dreis\u00e4tzige Violinsonate pr\u00e4sentiert einen\nfranz\u00f6sischen Stil, der in der Tradition ihres Vaters und Francks steht, aber\nauch neue Elemente von unter anderem Debussy einflie\u00dfen l\u00e4sst und eine eigene\nNote offenbart, die ich bislang aber noch nicht einordnen kann. Gerade der\nKlavierpart ist hoch virtuos und verleiht der Musik etwas Flirrendes und\nzugleich Filigranes. Vercammen und Ivanova halten fest zusammen bei allen\nWerken der CD, b\u00fcndeln ihre technischen und musikalischen Vorstellungen,\nwodurch sie etwas Gemeinsames erschaffen. Ivanova bleibt dynamisch eine Stufe\nunter Vercammen, holt aber wichtige Themen und Figuren in den Vordergrund,\nl\u00e4sst also die Violine sich entfalten, ohne selbst dabei klanglich zu\nverschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich weder Poldowski noch Wantenaar zuvor geh\u00f6rt habe, l\u00e4sst sich kein Vergleich ziehen; die Aufnahme von Francks Sonate geh\u00f6rt in jedem Fall zu den stimmigsten und reflektiertesten, zudem stringentesten und musikalischsten, welche die letzten Jahre erschienen sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gutman Records, CD191; EAN: 8 719325 404012 Um C\u00e9sar Francks gro\u00df angelegte Violinsonate in A-Dur errichtet die niederl\u00e4ndische Violinistin Merel Vercammen gemeinsam mit der Pianistin Dina Ivanova das Programm ihrer CD \u201eSymbiosis\u201c. 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