{"id":338,"date":"2015-12-20T18:08:24","date_gmt":"2015-12-20T17:08:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=338"},"modified":"2015-12-21T11:46:58","modified_gmt":"2015-12-21T10:46:58","slug":"ungesucht-sich-versenkende-gelassenheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/20\/ungesucht-sich-versenkende-gelassenheit\/","title":{"rendered":"Ungesucht sich versenkende Gelassenheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Wiesensee-S\u00fcllberg-2015-12.jpg\" rel=\"attachment wp-att-339\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-339 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Wiesensee-S\u00fcllberg-2015-12-300x177.jpg\" alt=\"Wiesensee S\u00fcllberg 2015-12\" width=\"300\" height=\"177\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Wiesensee-S\u00fcllberg-2015-12-300x177.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Wiesensee-S\u00fcllberg-2015-12-768x454.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Wiesensee-S\u00fcllberg-2015-12.jpg 851w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Namen muss man sich merken: Der 1993 in W\u00fcrzburg geborene, in M\u00fcnchen lebende Pianist Amadeus Wiesensee begeisterte das Publikum einer Weihnachts-Matin\u00e9e in der Kulinarik-Hochburg S\u00fcllberg in Hamburg-Blankenese mit einem so vielseitigen wie anspruchsvollen Recitalprogramm. Ich hatte schon mehrfach zuvor Kollegen von ihm schw\u00e4rmen geh\u00f6rt: Den musst du h\u00f6ren. Der wird seinen Weg machen. Eine ganz und gar au\u00dfergew\u00f6hnliche Begabung. \u2013 Ich kann dem nach diesem Auftritt nur zustimmen. Anscheinend handelt es sich \u00fcbrigens bei Amadeus Wiesensee mindestens um eine Doppelbegabung: Derzeit Student in der Klasse von Antti Siirala an der M\u00fcnchner Musikhochschule, kann Wiesensee auch bereits ein abgeschlossenes Philosophiestudium vorweisen und wurde mit dem prestigetr\u00e4chtigen \u201aAmalia-Preis f\u00fcr neues Denken\u2019 ausgezeichnet. Sein Spiel zeigt sich gepr\u00e4gt durch Reflexion, Diskretion, Balance, Wohlklang und Liebe f\u00fcrs Detail, und nie hat man den Eindruck, dass ihm zwischendurch einmal gedankenlos exekutierte Passagen oder gar Anfl\u00fcge von Selbstdarstellung unterlaufen w\u00fcrden.<br \/>\nWiesensee begann sein Recital, f\u00fcr welches ihm ein nuancenreicher, wohlintonierter Bechstein-Fl\u00fcgel der besseren Sorte zur Verf\u00fcgung stand, mit Johann Sebastian Bachs Englischer Suite in e-moll. Schon hier fiel sofort sein Augenmerk f\u00fcr Durchsichtigkeit, klare Hervorhebung der Hauptstimmen, melodische Kontinuit\u00e4t und \u00fcber alledem eine wohltuende Balance der Kr\u00e4fte auf, ein durchgehendes Bed\u00fcrfnis nach stimmiger Proportionierung und eine geschmacksichere Sorgfalt im Stilistischen. So gespielt, entsteht die oft gestellte Frage, ob man Bach auf einem modernen Fl\u00fcgel spielen solle, erst gar nicht. Man findet bei ihm keine Gould\u2019schen Extravaganzen, bei aller gefassten Innigkeit auch keine romantisierende Sentimentalit\u00e4t oder neoklassizistische Biederkeit, und fast \u00fcberall ist der durchgehende, nat\u00fcrliche Fluss der Musik gew\u00e4hrleistet.<br \/>\nEs folgte Beethovens Es-Dur-Sonate Opus 27 Nr. 1, das Geschwisterwerk der sogenannten Mondschein-Sonate. Auch hier herrscht Ausgewogenheit allerorten, klare Orientierung innerhalb der verschr\u00e4nkten Gesamtarchitektur, bewusst abgewogener Wohlklang, und eine alles durchdringende Redlichkeit der Auffassung, der nichts so fremd ist wie der t\u00f6richte Schein der Pr\u00e4tention.<br \/>\nAmadeus Wiesensee ist kein typischer Virtuose, sondern vor allem ein Musiker, der alles zu erfassen und umzusetzen sucht und darin einen wunderbar zauberhaften, poetischen Zugang vermittelt. Bei Beethoven darf das Drama noch vehementer, bei aller bereits vorhandenen Leidenschaftlichkeit noch entschiedener in den Konflikt getrieben werden. Doch schon hier, wie auch sp\u00e4ter bei Brahms und vor allem nat\u00fcrlich Skriabin, erweist er sich in st\u00fcrmischeren Momenten und resolut vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden Passagen auch als trefflicher Tastentiger mit kraftvoller Pranke, die allerdings fast immer sehr dosiert und kultiviert zum Einsatz kommt.<br \/>\nVon Skriabin kombinierte Wiesensee die Neunte Sonate, die sogenannte \u201aSchwarze Messe\u2019, mit dem Poem \u201aVers la flamme\u2019, also zwei himmlische H\u00f6llentrips. Erstaunlich, wie lange er vermochte, die Dynamik wie fast schon illusorisch vorgeschrieben auf niedriger Flamme zu halten, bevor die Entfesselung des Geschehens so zugespitzt war, dass er alle Zur\u00fcckhaltung aufgab. Hier liegt unendliches Verfeinerungspotential, und es ist Wiesensee zuzutrauen, dass er uns k\u00fcnftig mit einer feinnervigen Sensibilit\u00e4t begl\u00fcckt, wie sie allenfalls Sofronitzky in dieser Musik zu \u00fcbermitteln vermochte \u2013 und au\u00dferdem mit einem Bewusstsein der zugrundeliegenden Struktur, das sich in dieser Musik fast nie dem H\u00f6rer mitteilt.<br \/>\nDen Schlussteil bildeten die 1892 komponierten sieben Fantasien op. 116 von Johannes Brahms. Die meisten Pianisten, seien sie noch so arriviert, sind musikalisch in diesen St\u00fccken hoffnungslos verloren und ergehen sich in willk\u00fcrlichen Manierismen, Aufwallungen und Verd\u00e4mmerungen jenseits aller metrischen Fassbarkeit. Wiesensee geht einen anderen Weg \u2013 den der Klarheit, Aufrichtigkeit, Nat\u00fcrlichkeit und weitgehenden Verinnerlichung. Auch wenn vieles noch charakteristischer, noch klarer erstehen, das Korrelieren der einzelnen Phrasen zu \u00fcbergeordneten B\u00f6gen noch vertieft werden kann \u2013 er lie\u00df hier, wo die Beherrschung des Pianistischen alleine so offensichtlich nicht ausreicht, alle seine jungen Kollegen weit hinter sich \u2013 jedenfalls alle die, die ich in den letzten Jahren geh\u00f6rt habe.<br \/>\nAls Zugaben waren der November aus Tschaikowskys \u201aJahreszeiten\u2019 und ein Arrangement von Bachs Choralvorspiel \u201aNun komm der Heiden Heiland\u2019 zu h\u00f6ren \u2013 letzteres wahrhaft ergreifend in der ungesucht sich versenkenden Gelassenheit und puren Sch\u00f6nheit der Darbietung.<br \/>\nAmadeus Wiesensee hat alle Anlagen, inklusive einer gerade f\u00fcr sein Alter erstaunlichen und weit \u00fcberdurchschnittlichen Reife, um sich zu einem der im positivsten Sinne pr\u00e4genden Musiker seiner Generation zu entwickeln. Bereits jetzt vermag er, auf durchaus unspektakul\u00e4r fesselnde Weise ein Publikum einen ganzen Abend lang in Bann zu halten, zu ber\u00fchren und auf eine poesiedurchtr\u00e4nkte Reise mitzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley; Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Namen muss man sich merken: Der 1993 in W\u00fcrzburg geborene, in M\u00fcnchen lebende Pianist Amadeus Wiesensee begeisterte das Publikum einer Weihnachts-Matin\u00e9e in der Kulinarik-Hochburg S\u00fcllberg in Hamburg-Blankenese mit einem so vielseitigen wie anspruchsvollen Recitalprogramm. Ich hatte schon mehrfach zuvor Kollegen von ihm schw\u00e4rmen geh\u00f6rt: Den musst du h\u00f6ren. Der wird seinen Weg machen. 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