{"id":3394,"date":"2019-08-11T21:48:04","date_gmt":"2019-08-11T19:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3394"},"modified":"2019-08-11T21:48:06","modified_gmt":"2019-08-11T19:48:06","slug":"isolation-und-schmerz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/08\/11\/isolation-und-schmerz\/","title":{"rendered":"Isolation und Schmerz"},"content":{"rendered":"\n<p>Supraphon, SU 4266-2; EAN: EAN: 0 99925 42662 0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0135.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3395\" width=\"288\" height=\"288\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0135.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0135-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0135-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die neueste CD des tschechischen Pianisten\nJan Barto\u0161 besch\u00e4ftigt sich mit dem Klavierwerk Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks. Das Programm\nbeginnt mit der Sonate \u201e1.X.1905\u201c, wandert \u201eAuf verwachsenem Pfade\u201c und \u201eIm\nNebel\u201c hin zu seinem Studienwerk Thema con Variazioni und endet mit seinem\nletzten Klavierst\u00fcck, Reminiscence.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Obgleich das\nKlavieroeuvre von Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek vergleichsweise \u00fcberschaubar ist, umfasst es doch\neinige seiner intimsten und \u00fcberw\u00e4ltigendsten Werke. Auf der vorliegenden CD\nwird die stilistische Vielfalt der Werke frappierend deutlich. Das fr\u00fche Thema\ncon variazioni weist noch klassische Z\u00fcge auf und diente in erster Linie\nStudienzwecken; doch der Komponist war so angetan von ihr, dass er sie sp\u00e4ter\nals sein Opus 1 bezeichnete. In den einzelnen Variationen ahmt Jan\u00e1\u010dek den Stil\nverschiedener Komponisten nach, so dass Brahms, Liszt, Mendelssohn und andere je\nin einem der knappen Abschnitte nachklingen. \u201eAuf verwachsenem Pfad\u201c er\u00f6ffnet\ndie Phase, in der s\u00e4mtliche heute nachwirkenden Klavierwerke Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks\nentstanden. In dieser Zeit floppten mehrere Opern des Komponisten, pers\u00f6nliche\nund politische Schicksalsschl\u00e4ge machten ihm zu schaffen: Am Klavier\nverarbeitete er vieles. Jan\u00e1\u010dek intendierte wohlgemerkt als junger Mann, eine\nPianistenkarriere anzustreben, bevor das Komponieren ihn f\u00fcr sich in Beschlag\nnahm. \u201eAuf verwachsenem Pfade\u201c besteht aus insgesamt f\u00fcnfzehn relativ kurzen\nCharakterst\u00fccken, die in drei Etappen entstanden: 1900 schrieb Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek\nsieben Nummern urspr\u00fcnglich f\u00fcr Harmonium, von denen er zwei wieder strich,\n1908 folgten f\u00fcnf weitere sowie die poetischen Titel der nunmehr zehn Nummern und\n1912 arbeitete er an der zweiten Reihe, von der manches allerdings erst\nnachtr\u00e4glich durch den Hausausgeber auf Basis von Skizzen fertiggestellt wurde.\nJan Barto\u0161 entschied, nur die zw\u00f6lf von Jan\u00e1\u010dek selbst fertiggestellten und f\u00fcr\ndie Reihe vorgesehenen St\u00fccke auf CD zu brennen. Der Tod von Jan\u00e1\u010deks Tochter\nOlga war sicherlich ma\u00dfgeblich f\u00fcr einige der Nummern, die immer wieder in\ntiefe Resignation und d\u00fcstere Einsamkeit zur\u00fcckkehren. Noch beklemmender wirkt\ndie Sonate \u201e1.X.1905\u201c, die der Komponist in einem Anflug an Selbstzweifel in\ndie Moldau warf. Sie beschreibt die st\u00fcrmischen Demonstrationen im Oktober\n1905, die im tragischen Tod eines jungen Arbeiters kulminierten. In der\ntodesnahen Tonart es-Moll gehalten, w\u00fchlt die Sonate auf und best\u00fcrzt zugleich.\nZu Beginn h\u00f6ren wir eine isolierte Melodie im Sopran, der eine weltfremde\nArpeggio-Begleitung beigegeben wird; in der Mittelstimme funkt ein\npeitschenartiges Motiv dazwischen, das immer weiter aufbegehrt, bis es die\nOberhand gewinnt. Die Aufteilung in drei derartige Ebenen ist typisch f\u00fcr Jan\u00e1\u010dek,\ndoch selten derart unmittelbar wie hier; besonders auch im weiteren Verlauf, wo\ntriolische und duolische absteigende Linien sich aneinander reiben und den\nletzten Funken Hoffnung in die Tiefe treiben. Der zweite Satz kreist ewig um\ndas immer gleiche Motiv, bevor ein grollender Bass die tr\u00fcbe Stimmung in blanke\nAngst kippen l\u00e4sst. Jan\u00e1\u010dek schrieb einen dritten Satz, den er allerdings von\nder Premiere in den Kamin warf. Die Pianistin dieser Premiere war es, die viele\nJahre sp\u00e4ter eine Abschrift der ersten zwei (also diejenige der aufgef\u00fchrten)\nS\u00e4tze fand und publizierte. \u201eIm Nebel\u201c erkundet wieder neue Kl\u00e4nge und\nWirkungen, gerade die ersten beiden S\u00e4tze arbeiten mit unwirklichen Schwebungen\nund undurchdringbaren Wendungen, wenngleich das Notenbild \u00e4u\u00dferst geordnet\naussieht. Im Finale bricht der fatale Realismus aus und zerbricht die\naufgebaute Stimmung. Bedr\u00fcckte R\u00fcckblicke an vergangene Schicksalsschl\u00e4ge,\nVerarbeitung und Resignation bestimmen das Bild der vier kurzen Nummern. Auch Jan\u00e1\u010deks\nletztes Klavierst\u00fcck, Reminiscence, verweilt in dieser Melancholie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pianist Jan Barto\u0161\nbegegnet jedem der Werke auf eine eigene Weise. Im fr\u00fchen Variationswerk l\u00e4sst\ner einen beinahe klassischen Geist \u00e0 la Beethoven oder Mendelssohn auferstehen,\nbleibt klar und virtuos in der Melodief\u00fchrung. Die romantischen Miniaturen des\nZyklus\u2018 \u201eAuf verwachsenem Pfade\u201c erhalten unter Barto\u0161\u2018 Fingern eine zarte,\nmelancholische, aber nicht vertr\u00e4umte Art, bei der die Transparenz gewahrt\nbleibt. Jan\u00e1\u010deks Dreistimmigkeit kommt dabei gut zum Tragen, Barto\u0161 setzt die\nparallel ablaufenden und zugleich gegens\u00e4tzlichen Welten deutlich voneinander\nab. Die selbe Klarheit leiht Barto\u0161 auch der Klaviersonate 1.X.1905, deren\nbrachiale Gewalt er in den Hintergrund stellt, um daf\u00fcr die Isolation und den\nSchmerz zu fokussieren. Mit einem Minimum an Kraft und mit gewisser\npers\u00f6nlicher Distanz will Barto\u0161 die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Wirkung entfalten.\nHineinziehen in die Musik l\u00e4sst sich der Pianist nur in den ersten beiden\nS\u00e4tzen von \u201eIm Nebel\u201c, deren Unmittelbarkeit niemand entrinnen kann. Hier\ngelingt ein sensibel-fragiles Spiel, wie man es von gelungenen\nDebussy-Aufnahmen kennt; in den letzten beiden S\u00e4tzen kehrt er zu seinem pr\u00e4zisen\nund mit einfachen Mitteln enorm geladenen Spiel zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, August 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Supraphon, SU 4266-2; EAN: EAN: 0 99925 42662 0 Die neueste CD des tschechischen Pianisten Jan Barto\u0161 besch\u00e4ftigt sich mit dem Klavierwerk Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks. Das Programm beginnt mit der Sonate \u201e1.X.1905\u201c, wandert \u201eAuf verwachsenem Pfade\u201c und \u201eIm Nebel\u201c hin zu seinem Studienwerk Thema con Variazioni und endet mit seinem letzten Klavierst\u00fcck, Reminiscence. 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