{"id":3408,"date":"2019-08-18T10:29:39","date_gmt":"2019-08-18T08:29:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3408"},"modified":"2019-08-18T10:29:42","modified_gmt":"2019-08-18T08:29:42","slug":"drei-konzerte-einer-geladenen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/08\/18\/drei-konzerte-einer-geladenen-zeit\/","title":{"rendered":"Drei Konzerte einer geladenen Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Solo Musica, SM 308; EAN: 4 260123 643089<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0140.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3409\" width=\"344\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0140.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0140-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/N0140-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf ihrer Debut-CD mit\ndem Titel \u201e1939\u201c pr\u00e4sentiert Fabiola Kim drei Violinkonzerte einer politisch\nzum Bersten geladenen Zeit, die alle die Lage ganz eigen darstellen. Zun\u00e4chst\nh\u00f6ren wir Sir William Waltons politisch distanziertes Violinkonzert h-Moll, dann\ndas Concerto fun\u00e8bre f\u00fcr Geige und Streicher von Karl Amadeus Hartmann und\nzuletzt Bart\u00f3ks endzeitm\u00e4\u00dfiges zweites Violinkonzert. Unterst\u00fctzt wird Kim von\nden M\u00fcnchner Symphonikern unter Kevin John Edusei.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als Karl Amadeus Hartmann sein Concerto fun\u00e8bre schrieb, stand\ner vor einer aussichtslosen Situation, die er in T\u00f6ne bannte. Nach der\nMachtergreifung der Nationalsozialisten blieb er in seinem Heimatland &#8211; trotz\naller Einschr\u00e4nkungen durch die Partei &#8211; und kehrte sich in ein inneres Exil\nzur\u00fcck. In den Rands\u00e4tzen seines Violinkonzerts schimmert etwas Hoffnung durch,\ndie beiden finsteren Mittels\u00e4tze machen allerdings unmissverst\u00e4ndlich, wie\nschlimm die Umst\u00e4nde sind. Die Auff\u00fchrung des Concerto fun\u00e8bres 1940 in der\nSchweiz blieb die letzte des Komponisten bis 1946. <\/p>\n\n\n\n<p>Anders als Hartmann verlie\u00df Bart\u00f3k seine Heimat, als die\nLage zu dringlich wurde. Den Plan dazu fasste er bereits einige Zeit zuvor,\ndoch haderte lange mit dem Vorhaben. In diese Zeit des Abw\u00e4gens, der\nUnschl\u00fcssigkeit und Unsicherheit f\u00e4llt die Entstehungszeit seines zweiten Violinkonzerts,\ndas f\u00fcr diese CD eigentlich um einen Tag \u201ezu fr\u00fch\u201c, am 31. Dezember 1938,\nfertiggestellt wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>William Walton blieb vergleichsweise unbehelligt von der\npolitischen Anspannung, als er an seinem h-Moll-Konzert arbeitete. Erst als es\nuraufgef\u00fchrt wurde, bekam er die Zuspitzung zu sp\u00fcren: denn er konnte England\nnicht verlassen, um der Auff\u00fchrung beizuwohnen. Statt politischer Umst\u00e4nde\nverarbeitete Walton ein ganz anderes Thema, n\u00e4mlich den Biss einer Tarantel,\nden er im Mittelsatz als wahnwitzige Tarantella umsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Fabiola Kim taucht in diese drei g\u00e4nzlich unterschiedlichen\nWelten ein und zieht aus ihnen je den Kern der Stimmung, aus der heraus sie\nentstanden sind. Besonders beklemmend gelingt dies bei Hartmanns Concerto\nfun\u00e9bre, wo sie jeden Ton f\u00fcr sich aufl\u00e4dt und so die Linienf\u00fchrung\nelektrisiert. In Bart\u00f3ks Konzert holt sie besonders schwebende Zust\u00e4nde zum\nVorschein, bleibt zugleich pr\u00e4zise und virtuos. Die teils gewaltigen Br\u00fcche\nnutzt sie f\u00fcr unvermittelte und doch zugleich organische Wandel der Situation.\nEinzig verstehe ich nicht, warum sie in der Kadenz des ersten Satzes so stark\naus der Partitur heraustritt, wo doch die Rhythmik so dezidiert vorgezeichnet\nwurde und zwischen Sechzehntel, Triolen und Punktierungen unterscheidet. Walton\nerklingt deutlich freundlicher als die beiden anderen Konzerte, Kim findet\neinen g\u00e4nzlich verschiedenen Zugang zu dieser Musik. In der Tarantella bl\u00fcht\nsie auf und genie\u00dft die Verr\u00fccktheit und die subtilen Br\u00fcche z.B. zum\nWalzer-Mittelteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufnahmetechnik stellt die Violine deutlich in den\nVordergrund, wor\u00fcber das Orchester oftmals zur\u00fcckbleibt. Gerade bei Bart\u00f3k\nvermisse ich orchestrale Nebenstimmen, die hier von der Geige \u00fcberdeckt werden.\nBei Hartmann kommen sie Streicher besser zum Vorschein als in den anderen\nKonzerten; hier bl\u00fchen die Symphoniker auch am meisten auf, wallen dynamisch\nmehr auf und kommen aus ihrem oftmals eher flachen und fl\u00e4chigen Spiel heraus\nhin zu einer Plastizit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nAugust 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solo Musica, SM 308; EAN: 4 260123 643089 Auf ihrer Debut-CD mit dem Titel \u201e1939\u201c pr\u00e4sentiert Fabiola Kim drei Violinkonzerte einer politisch zum Bersten geladenen Zeit, die alle die Lage ganz eigen darstellen. 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