{"id":3411,"date":"2019-08-21T22:46:46","date_gmt":"2019-08-21T20:46:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3411"},"modified":"2019-08-23T10:00:59","modified_gmt":"2019-08-23T08:00:59","slug":"eine-entdeckung-der-anderen-art","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/08\/21\/eine-entdeckung-der-anderen-art\/","title":{"rendered":"Eine Entdeckung der anderen Art"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u00dcber YouTube entdeckte ich das St\u00fcck \u201eProsperos Beschw\u00f6rungen\u201c op. 53 von Egon Wellesz nach Shakespeares \u201eDer Sturm\u201c mit J\u00f6rg Birhance als Dirigent des Orquesta Sinf\u00f3nica de Xalapa.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Egon Wellesz, Prosperos Beschw\u00f6rungen op. 53 (1934-1936) (Prosperos Incantation)\" width=\"604\" height=\"340\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/N4eyXu9H528?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Eines der wahrlich bedeutenden St\u00fccke der ersten H\u00e4lfte des\n20. Jahrhunderts taucht wieder auf. Auch wenn aufgrund mangelnder finanzieller\nF\u00f6rderung an ein CD-Projekt noch lange nicht zu denken ist, so kann man es nun\nwenigstens \u00fcber YouTube h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rede ist von den f\u00fcnf symphonischen St\u00fccken mit dem Titel \u201eProsperos Beschw\u00f6rungen\u201c op. 53 nach Zitaten aus Shakespeares \u201eDer Sturm\u201c aus der Feder des Komponisten und Musikwissenschaftlers Egon Wellesz. Heute vollkommen in Vergessenheit geraten, z\u00e4hlte Wellesz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs als einflussreicher Tonsetzer und Musikschriftsteller. Er promovierte bei Guido Adler und entzifferte als erster die byzantinische Notenschrift des Mittelalters, zudem schrieb er die fr\u00fcheste Biographie \u00fcber Sch\u00f6nberg, bei dem er zwei Jahre lang Kontrapunkt studierte. Als Wellesz \u201eProsperos Beschw\u00f6rungen\u201c komponierte, wirkte er gerade als au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor an der Universit\u00e4t Wien und wurde als erster Komponist aus \u00d6sterreich nach Haydn zum Ehrendoktor in Oxford ernannt. Als die Nationalsozialisten \u00d6sterreich \u00fcbernahmen, emigrierte der j\u00fcdischst\u00e4mmige Wellesz als \u201eentarteter\u201c Komponist nach England, wo er nach dem Krieg begann, sich der Symphonik zuzuwenden und neun ma\u00dfstabgebende Gattungsbeitr\u00e4ge vollendete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eProsperos Beschw\u00f6rungen\u201c wurden zwischen 1934 und 1936 komponiert, die Urauff\u00fchrung fand am 19. Februar 1938 im Wiener Musikverein statt, wo Bruno Walter die Wiener Philharmoniker dirigierte. Walter nahm die St\u00fccke sogleich auch f\u00fcr sein kommendes Konzertprogramm in Amsterdam auf, wo sie Strauss\u2018 \u201eTod und Verkl\u00e4rung\u201c ersetzten. Wellesz konnte nach der Auff\u00fchrung nicht mehr nach \u00d6sterreich zur\u00fcckkehren, da die Nationalsozialisten die Herrschaft bereits an sich gerissen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieses St\u00fcck dank des immensen Einsatzes von J\u00f6rg\nBirhance (den ich vor einigen Jahren bereits mit Wellesz\u2018 Erster Symphonie\nerleben durfte) nun wieder erklingt und das Konzert sogar mit Video aufgenommen\nwurde, gibt Grund zur Hoffnung, den Namen Wellesz bald \u00f6fter wieder zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcnf S\u00e4tze beruhen auf Zitaten aus Shakespeares \u201eDer\nSturm\u201c und hei\u00dfen \u201eProsperos Beschw\u00f6rung\u201c, \u201eAriel und der Sturm\u201c, \u201eAriels\nGesang\u201c, \u201eCaliban\u201c sowie \u201eFerdinand und Miranda\u201c mit Epilog. Bei einem Blick in\ndie Partitur sticht unmittelbar die enorme Detailvielfalt ins Auge, mit der\nWellesz seine Noten versehen hat. Die Tempi sind minuti\u00f6s ausgearbeitet, \u00fcber\ngro\u00dfe Strecken ist sogar in Sechzehntelnoten zu schlagen und die einzelnen\nStimmen differenzierte er bis in die Vierundsechzigstelebene aus. Dabei gibt\nsich die Musik dicht und intensiv, die brillante Instrumentation mit\ngeschickten Dopplungen und Klangkombinationen besticht. Die\ndurchchromatisierten Linien sowie die dissonanzengeschw\u00e4ngerten Harmonien\nevozieren eine unwirkliche bis magische Sph\u00e4re, die schwer greif- oder\ndurchdringbar ist, daf\u00fcr aber umso direkter wirkt. Fast durchgehend laufen\nverschiedene Ebenen in der Musik zeitgleich ab, die zueinander in Beziehung\nstehen, ohne auf Anhieb passen zu wollen \u2013 eine Art Ausgangspunkt f\u00fcr eine\n\u201eneue\u201c Kontrapunktik.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg Birhance beweist nicht nur den Mut, solch ein\ngewaltiges und enorm komplexes Werk aufs Programm zu setzen, sondern auch, die\nextremen Tempi einzuhalten \u2013 weshalb das St\u00fcck auch zehn Minuten l\u00e4nger dauert\nals in der Partitur ausgeschrieben. Doch diese Zeit f\u00fcllt Birhance auch aus,\nmit hinrei\u00dfender Spannung, die einen alles um sich herum vergessen machen. Er\nf\u00fcgt die auseinanderklaffenden Stimmen in ihrer Verschiedenheit zusammen, setzt\nfeine Akzente und entlockt dem Orchester einen plastisch-mehrdimensionalen\nKlang. Zwar mag das Orquesta Sinf\u00f3nica de Xalapa nicht die\nmechanisch-technischen Voraussetzungen der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Orchester haben,\nwas sich bei der Synchronizit\u00e4t gerade der Bl\u00e4ser abzeichnet, daf\u00fcr besitzen\nsie die Offenheit, diese f\u00fcnf St\u00fccke auf sich wirken und sich auf ihre\nEigent\u00fcmlichkeit einzulassen. Sie setzen den Perfektionismus Birhances um bis\nin die ausdifferenziertesten Artikulationen, Dynamiken und Rhythmen. Sp\u00e4testens\nim Epilog f\u00fcgt sich dann alles zusammen, wenn die R\u00fcckbez\u00fcge auf die vorherigen\nS\u00e4tze zu einer formalen Geschlossenheit f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nAugust 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber YouTube entdeckte ich das St\u00fcck \u201eProsperos Beschw\u00f6rungen\u201c op. 53 von Egon Wellesz nach Shakespeares \u201eDer Sturm\u201c mit J\u00f6rg Birhance als Dirigent des Orquesta Sinf\u00f3nica de Xalapa. 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