{"id":343,"date":"2015-12-21T11:45:58","date_gmt":"2015-12-21T10:45:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=343"},"modified":"2015-12-21T11:45:58","modified_gmt":"2015-12-21T10:45:58","slug":"ein-leben-in-symphonien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/21\/ein-leben-in-symphonien\/","title":{"rendered":"Ein Leben in Symphonien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">NAXOS, 8.501111; EAN: 7 30099 11114 0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0015.jpg\" rel=\"attachment wp-att-344\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-344\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0015-297x300.jpg\" alt=\"0015\" width=\"297\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0015-297x300.jpg 297w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0015-768x776.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0015-1013x1024.jpg 1013w\" sizes=\"(max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das gesamte Symphonieschaffen des gro\u00dfen russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra sowie dem Royal Liverpool Philharmonic Choir (in den Symphonien Nr. 2, 3 und 13), der Huddersfield Choral Society (in der Symphonie Nr. 13) und den Solisten Alexander Vinogradov (in den Symphonien Nr. 13 und 14) als Bass und Gal James (in der Symphonie Nr. 14) als Sopran unter dem Dirigat von Vasily Petrenko ist nun als 11 CD-Box bei NAXOS erh\u00e4ltlich mit Einspielungen aus den Jahren 2009 bis 2014.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein anderes Genre zieht sich so sehr durch das Leben von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch wie das der Symphonie: 1924\/25 schrieb der 1906 geborene Komponist sein fr\u00fches Erstlingswerk und verstummte schlie\u00dflich symphonisch 1971 mit seiner f\u00fcnfzehnten Symphonie, vier Jahre vor dem Herzinfarkttod des bereits schwer Krebskranken 1975. Sein utopisches Ziel war zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht erreicht, \u2013 24 Streichquartette und 24 Symphonien wollte er schreiben, \u00e4hnlich dem von so vielen Komponisten wie auch ihm selbst verfassten Zyklus von 24 Pr\u00e4ludien und Fugen durch alle Tonarten \u2013 lediglich 15 konnte er vollenden, sowohl Symphonien als auch Streichquartette.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Versuch, das gesamte symphonische Werk Schostakowitschs auf einen Nenner zu bringen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn zu divergierend sind sie doch alle. Bereits zwischen der eing\u00e4ngigen ersten und der undurchschaubaren, mit bis zu dreizehnstimmigem Fugato verstrickenden, h\u00f6chst komplexen zweiten Symphonie liegen Welten, auch die L\u00e4ngen der Werke schwanken insgesamt zwischen knapp 20 und 80 Minuten, ebenso ist die Besetzung sehr wechselnd. Sucht man doch nach Verkn\u00fcpfungspunkten zwischen Schostakowitschs Symphonien, so sollte sein Gesp\u00fcr f\u00fcr bei\u00dfende Ironie und todernsten Sarkasmus ins Zentrum ger\u00fcckt werden &#8211; bei kaum einem anderen Komponisten wird noch immer so heftig spekuliert, was er aussagen wollte mit solchen fast frivol-markanten Passagen, sei es der pl\u00f6tzliche \u00fcberlang auftrumpfende Schluss der F\u00fcnften, sei es das verst\u00fcmmelte Rossini-Zitat in der F\u00fcnfzehnten, sei es der H\u00f6llentanz der Malague\u00f1a als zweiter Satz der Vierzehnten, der erst in den letzten Takten sein wahres Gesicht zeigt, sei es die Umfunktionierung der Loreley in selbigem Werk, die sich von ihrem Felsen st\u00fcrzt und im unmittelbaren Anschluss als scheinbar andere Person schlie\u00dflich \u00fcber ihr eigenes Grab spricht, verbunden mit zwei identischen Glockenschl\u00e4gen, die einen parallel grinsen und G\u00e4nsehaut machen, oder sei es die ganze fast an Haydn erinnernde Form der &#8222;Neunten&#8220;, die statt Ruhm und G\u00f6tterfunken in aller K\u00fcrze alles Milit\u00e4rische veralbert, karikiert und dem System die lange Nase zeigt. Tausendfach diskutiert man seit jeher, ob Schostakowitsch nun f\u00fcr oder gegen das System war, ob er seine Meinung zeitweise \u00e4nderte und wie sich dies in seinem Schaffen abbildet &#8211; Extremfall die nach Stalins Tod geschriebene Zehnte, die heute meist als &#8222;Befreiung aus dem System allgemein und im Einzelschicksal&#8220; angesehen wird. Bezeichnend auch f\u00fcr alle Werke ist die unglaubliche Kunst Dmitri Schostakowitschs, mit seinen Motiven zu spielen, sie obsessiv in durchg\u00e4ngigem Precipitato-Empfinden in die H\u00f6he zu treiben, milit\u00e4rische Ankl\u00e4nge einzubeziehen und diese wieder in der Beklommenheit und Stille versinken zu lassen. Und dies in einer Verbindung mit ausgefeiltester kontrapunktischen Fertigkeit und einem einmaligen Gesp\u00fcr f\u00fcr Instrumentierung, die das gesamte gro\u00dfe Orchester einbezieht und unz\u00e4hlige Soli gebiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vasily Petrenko wagt sich nun an die Gesamteinspielung dieses zw\u00f6lfst\u00fcndigen Marathons, der ihn von 2009 bis 2014 besch\u00e4ftigte. Damit tritt er in die Fu\u00dfstapfen einiger sehr namhaften Dirigenten wie Kirill Kondraschin, Gennadi Roschdestwensky, Valery Gergiev, Rudolf Barshai oder Mariss Jansons, bei dem Petrenko auch einige Zeit lernte und dessen Gesamteinspielung meiner Meinung die alles in allem vielleicht gelungenste ist, auch wenn einige Symphonien beispielsweise unter Gergiev noch etwas mehr Glanz und Unmittelbarkeit verspr\u00fchen. Das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra dirigiert der noch recht junge Orchesterleiter in einer nahezu unwirklich erscheinenden Synchronizit\u00e4t, die bis in die verzwicktesten Rhythmen vollkommen makellos ist. Das Orchester erh\u00e4lt einen trockenen Anstrich, der jedoch nicht ins Spr\u00f6de und vor allem zu keiner Zeit in romantischen Kitsch verf\u00e4llt, was gerade bei den ausgedehnten langsamen S\u00e4tzen das unumst\u00f6\u00dfliche Todesurteil f\u00fcr die Musik darstellen w\u00fcrde. In den meisten Symphonien erreicht es Petrenko, die verzweigten Stimmengeflechte alle h\u00f6rbar werden zu lassen und f\u00fcr eine gute Transparenz zu sorgen, nur in manchen Einzelf\u00e4llen fehlt mir eine zentrale Instrumentalstimme, die von Bedeutung gewesen w\u00e4re und nun in der Klangmasse verloren geht. Dynamisch h\u00e4lt sich das Orchester zwar nicht zwangsl\u00e4ufig an alle vorgegebenen Feinheiten, schafft aber dennoch oder eben sogar damit stets ein lebendig pulsierendes Klanggebilde mit Respekt f\u00fcr die Bogenlinie und die verschiedenen Dynamikebenen in der Partitur. Ein wenig in die Extreme geht Vasily Petrenko bei der Tempofrage, die schmetternden H\u00f6hepunkt in gr\u00f6\u00dfter Pracht dr\u00e4ngen unglaublich nach vorne, w\u00e4hrend die eh schon teils \u00fcberlangen ruhigen Tempi noch mehr in die Breite gezogen werden. Das Dr\u00e4ngen ist alles andere als st\u00f6rend, weil dadurch kein qualitativer Verlust der Musik zu beklagen ist, nach wie vor bleibt alles sauber und durchsichtig, nur die langsamen S\u00e4tze zerbr\u00f6ckeln teils etwas und verlieren dadurch ihre an sich schon gedehnte Form &#8211; besonders deutlich wird dies zum Beispiel bei der sechsten Symphonie, deren erster Satz hier eine L\u00e4nge von knapp 20 Minuten aufweist (bei Jansons im f\u00fcr mein Empfinden perfekten Tempo 15 Minuten). Es w\u00e4re so lange nichts gegen dieses Tempo zu sagen, wenn auch musikalisch entsprechend F\u00fclle und Dichte best\u00fcnde, wie dies bei einem Celibidache die Grundeigenschaft einer jeden Darbietung war, doch ist eben dies bei Konzerten f\u00fcr den Besucher durch die Wirkung des anwesenden Orchesterapparates wesentlich leichter nachvollziehbar als auf nie an die Klangqualit\u00e4t und Unmittelbarkeit eines Livekonzertes reichende Aufnahmen, die deshalb nicht selten (sogar bei dem gro\u00dfen Meister Celibidache manchmal) f\u00fcr den Nachh\u00f6renden unter \u00fcberm\u00e4\u00dfig gedehnten Tempi leiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musiker des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra sind allesamt von beeindruckendem technischen K\u00f6nnen und mit genauestem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Hintergr\u00fcnde und Zerkl\u00fcftungen in dem Symphonieschaffen vertraut, mit dem sie sich sichtlich jahrelang besch\u00e4ftigten, wodurch sie es auch angemessen vermitteln k\u00f6nnen. Die Solisten sind allesamt pr\u00e4zise, k\u00f6nnen sich gut vor das Orchester stellen und werden problemlos mit ihren gr\u00f6\u00dftenteils wirklich anstrengenden Solopassagen fertig. Lediglich der Konzertmeister nimmt manch ein Solo ein wenig zu spr\u00f6de abgehackt und der Piccolofl\u00f6tist kann nicht durchgehend die unschlagbare Wirkung erzielen, die von der enormen H\u00f6he ausstrahlen kann und in manch einer Vergleichseinspielung oder im Livekonzert f\u00fcr Atemlosigkeit sorgt. Hervorzuheben sind vor allem die Soli von Fagott, Klarinette und Oboe sowie die gediegenen Bl\u00e4serchor\u00e4le wie im zweiten Satz der letzten Symphonie. Nicht weniger das vielstimmige Schlagwerk ist positiv zu erw\u00e4hnen, zu keiner Zeit \u00fcberdeckt es das Orchester und ist dennoch immer in gutem Ma\u00dfe pr\u00e4sent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Orchesterleistung darf auch die des Royal Liverpool Philharmonic Choir, teils unter Verst\u00e4rkung von M\u00e4nnerstimmen der Huddersfield Choral Society, nicht vergessen werden. Der Chor ist sehr bodenst\u00e4ndig mit solidem und kr\u00e4ftigem Klang, er kann in allen Dynamikstufen frei gestalten und schafft in jeder Umgebung eine durchdringende Wirkung und Atmosph\u00e4re. Wenngleich nicht mit der selben faszinierenden Synchronizit\u00e4t wie das Orchester agierend, ist diese ins Orchester eingepasste Stimmvielfalt wirklich eindrucksvoll und dem gro\u00dfartigen Instrumentalk\u00f6rper angemessen. In zwei Symphonien wirkt Alexander Vinogradov als sonorer Bass mit dunkler Stimme und sehr angenehmem, ruhigem Timbre. In der Vierzehnten steht ihm zudem die Sopranistin Gal James zur Seite, die ihre hektischen und selbstzerst\u00f6rerischen Partien so glaubhaft her\u00fcberbringt, dass man meinen k\u00f6nnte, sie selber sei das lyrische Ich, das sein wahres Schicksal besingt. Trotz der so unterschiedlichen Rollen und Stimmf\u00e4rbungen mischen sich die beiden Solisten gut und haben eine langgeprobte \u00dcbereinstimmung mit dem restlichen Klangk\u00f6rper, der seinerseits untrennbar mit dem Vokalpart verbunden scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit neuester Aufnahmetechnik eingespielt herrscht eine ph\u00e4nomenale Klanglichkeit, die einen fast live ins Geschehen zu versetzen vermag. Der mehr als ausf\u00fchrliche Booklettext von Richard Whitehouse auf Englisch gibt einen guten Einblick in jedes einzelne dieser gro\u00dfartigen Werke und bietet eine n\u00fctzliche Verst\u00e4ndnisgrundlage f\u00fcr die Umst\u00e4nde dieser doch oft subjektiv konnotierten Musik. Ein zus\u00e4tzlicher Kommentar zu jeder Symphonie vom Dirigenten Vasily Petrenko l\u00e4sst auch ein wenig dessen Gedanken zu den Symphonien durchscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles in allem eine sehr empfehlenswerte Gesamteinspielung des gesamten Symphonieschaffens Dmitri Dmitijewitsch Schostakowitschs. Pers\u00f6nlich kenne ich auch allgemein keine Gesamteinspielung irgendeines gro\u00dfes \u0152uvres, wo es nichts zu kritisieren g\u00e4be und wo alle Aufnahmen vollendet gelungen w\u00e4ren. Dies kann man denn auch nicht erwarten, doch liegt hier eine mehr als beeindruckende Sammlung auf 11 CDs mit absoluten Spitzenmusikern und einem wirklich verst\u00e4ndigen Dirigenten vor, die dem H\u00f6rer diese fantastische Musik vermittelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke; Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NAXOS, 8.501111; EAN: 7 30099 11114 0 Das gesamte Symphonieschaffen des gro\u00dfen russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra sowie dem Royal Liverpool Philharmonic Choir (in den Symphonien Nr. 2, 3 und 13), der Huddersfield Choral Society (in der Symphonie Nr. 13) und den Solisten Alexander Vinogradov (in den Symphonien Nr. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/21\/ein-leben-in-symphonien\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Leben in Symphonien<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[345,29,30,346,344,200,342,343,341],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=343"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4929,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/343\/revisions\/4929"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=343"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=343"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=343"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}