{"id":3465,"date":"2019-09-23T23:33:47","date_gmt":"2019-09-23T21:33:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3465"},"modified":"2020-05-27T08:49:05","modified_gmt":"2020-05-27T06:49:05","slug":"tief-erspuert-intuitiv-und-klar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/09\/23\/tief-erspuert-intuitiv-und-klar\/","title":{"rendered":"Tief ersp\u00fcrt, intuitiv und klar"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.551401; EAN: 7 30099 14013 3<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0146.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3466\" width=\"256\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0146.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0146-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0146-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der aus Italien\nstammende und in Frankreich lebende Pianist Andrea Vivanet pr\u00e4sentiert Werke\nvon Karol Szymanowski. Auf dem Programm stehen f\u00fcnf der neun Pr\u00e9ludes op. 1,\ndie \u00c9tudes op. 4 und die \u00c9tudes op. 33 sowie abschlie\u00dfend die Masques op. 34.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie im Fieber bl\u00e4tterten wir die Noten durch \u2013 entdeckten\nwir doch hier einen bedeutenden polnischen Komponisten!\u201c So rief der Pianist\nArtur Rubinstein aus, als er erstmals die Pr\u00e9ludes Szymanowskis, sein erstes\nmit Opuszahl versehenes Werk, zu lesen und spielen bekam. Obgleich Szymanowski\nselbst nie eine Laufbahn als Virtuose einschlagen wollte, verfolgte ihn das Klavier\ndurch sein gesamtes Werkschaffen; und sp\u00e4ter musste es aus finanziellen Gr\u00fcnden\nnotgedrungen auf das Konzertieren zur\u00fcckgreifen. Seine eigenen klaviertechnischen\nEinschr\u00e4nkungen hielten ihn nicht davon ab, den darbietenden K\u00fcnstlern seiner\nWerke enorme Schwierigkeiten abzuverlangen: Gab es, neben namhaften Freunden\nwie Rubinstein, schlie\u00dflich auch Pianisten in seiner Verwandtschaft, so unter\nanderem Felix Blumenfeld und weiter entfernt Natalia und Heinrich Neuhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neun Pr\u00e9ludes op. 1 sind auf die Jahre 1899 und 1900\ndatiert, auch wenn einige von ihnen sicherlich schon fr\u00fcher entstanden. Sie,\nwie die 1903\/04 entstandenen vier Et\u00fcden op. 4, verfolgen einen lyrischen und\nweichen Stil, immer wieder gew\u00fcrzt durch rhythmische Divergenzen und zarte\nDissonanzen. Popularit\u00e4t erlangte die dritte der Et\u00fcden, bei welcher die\nfingertechnischen H\u00fcrden im Hintergrund stehen zugunsten eines hinrei\u00dfenden\nThemas und gro\u00dfer Sanglichkeit. Ein ganz anderes Bild geben die sp\u00e4teren\nMasques op. 34 und die kurz darauf fertiggestellten Et\u00fcden op. 33: Hier\nexperimentiert Szymanowski damit, harsche Dissonanzen nicht regelkonform\naufzul\u00f6sen, sondern in neue instabile Kl\u00e4nge weiterzuf\u00fchren, wodurch die Musik\neinen schwebenden Zustand erreicht. Die Masques beziehen sich auf drei\nGestalten der Weltliteratur, Sh\u00e9h\u00e9razade, Tantris (Tristan) und Don Juan (den\ner urspr\u00fcnglich italienisch Don Giovanni bezeichnen wollte), und bringen\nfantasievolle Seelenlandschaften hervor. Die einzelnen Episoden \u00fcberlappen sich\nregelm\u00e4\u00dfig und in immer neuen Formationen, was eine stete Spannung evoziert.\nWalter Georgii r\u00fchmte die Masques: \u201eSeit Debussy ist kein so pers\u00f6nlicher\nKlavierstil mehr gefunden worden.\u201c Die Et\u00fcden op. 33 verfolgen ebenso den\nfreien und unaufgel\u00f6sten Stil; jede f\u00fcr sich ist von miniaturistischer Dauer,\ndoch geh\u00f6ren sie untrennbar und mit \u201eattaca\u201c verbunden zusammen, wodurch sie\neinen umfassenden Eindruck bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Spiel Andrea Vivanets zeichnet sich aus durch Lebendigkeit und Organik. Einen nicht zu untersch\u00e4tzenden Einfluss hat dies besonders auf die sp\u00e4teren Werke in ihren nahezu undurchdringlichen Harmonien und ihrer Sprunghaftigkeit. W\u00e4hrend die meisten Pianisten verst\u00e4ndnislos vor den nur noch subtil auftretenden Bez\u00fcgen zwischen den Episoden stehen (vor allem in harmonischer Hinsicht), gelingt es Vivanets Temperament, die Teile zusammenzuhalten und schl\u00fcssig von einem in den anderen \u00fcberzugehen. Kleine Reminiszenzen hebt Vivanet hervor, um das Verst\u00e4ndnis beim H\u00f6ren zu st\u00e4rken. Die grellen Harmonien kostet er aus und genie\u00dft die Reibungen zwischen den T\u00f6nen: so wie beispielsweise die in Sh\u00e9h\u00e9razade oft auftretende Non a-ais\u2018, die er in Debussys Manier schweben l\u00e4sst. In den fr\u00fcheren Werken Szymanowskis fokussiert Vivanet die reiche Melodik und die Wendigkeit der St\u00fccke, wobei die reine Fingerfertigkeit in den Hintergrund r\u00fcckt. Der Pianist versteht die St\u00fccke, selbst die komplexesten unter ihnen, und gibt alles hinein, sie auch dem H\u00f6rer verst\u00e4ndlich zu machen. So entsteht eine der am tiefsten ersp\u00fcrten, intuitivsten und klarsten Aufnahmen von Szymanowskis Musik.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/the-must-listener\/\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/MustListener.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2902\" width=\"189\" height=\"119\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/MustListener.jpg 403w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/MustListener-300x189.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nSeptember 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.551401; EAN: 7 30099 14013 3 Der aus Italien stammende und in Frankreich lebende Pianist Andrea Vivanet pr\u00e4sentiert Werke von Karol Szymanowski. 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