{"id":3487,"date":"2019-09-29T12:32:02","date_gmt":"2019-09-29T10:32:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3487"},"modified":"2019-09-28T12:40:17","modified_gmt":"2019-09-28T10:40:17","slug":"diese-kammermusik-ist-dreidimensional","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/09\/29\/diese-kammermusik-ist-dreidimensional\/","title":{"rendered":"Diese Kammermusik ist dreidimensional!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nathanael Carr\u00e9 geht seinen\neigenen Weg, wenn er seine Lieblingst\u00fccke f\u00fcr das Ensemble Nuanz neu arrangiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Fl\u00f6tist Nathanael Carr\u00e9 holt unverbrauchtes, seltenes Repertoire aus der Versenkung und taucht scheinbar bekanntes in leuchtende Farben eines virtuosen Neuarrangements. So hat er aus den Klavierparts der Kompositionen von Gabriel Faur\u00e9, Jean Francaix, Jacques Ibert, aber auch selten gespielten St\u00fccken von Georges H\u00fce, Paul Taffanel, Andr\u00e9 Jolivet oder Francois Borne etwas neues gemacht, n\u00e4mlich kunstvoll differenzierte Orchestrierungen f\u00fcr das hellh\u00f6rig aufspielende, von ihm im Jahr 2015 gegr\u00fcndete Ensemble Nuanz. Vereint sind hier die beiden Geiger Evgeny Popov und Alexander Jussow, Jan Melichar und Robin Porta an den Violen, der Cellist Jan Pas sowie Stefan Koch-Roos am Kontrabass.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Carr\u00e9s profunden Erfahrungen als Orchestermusiker und Dirigent ist zu verdanken, dass er die einstigen Klavierparts in wirkungsvolle orchestrale Dimensionen hinein ausgeweitet hat. Alleinstellungsmerkmale finden, Klischeevorstellungen konterkarieren: Das ist die Devise des jungen Franzosen, der gerne mal das Spezialistentum von Wettbewerbsjurys fr\u00f6hlich ignoriert und sich stattdessen \u00fcber Crowdfunding-Kampagnen des Publikumserfolges und \u00fcber seine Unabh\u00e4ngigkeit versichert. Auch \u00fcber eine aufgekl\u00e4rte k\u00fcnstlerische Haltung sprach er mit Stefan Pieper.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0144.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3437\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0144.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0144-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/N0144-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Herr Carr\u00e9, Sie haben gerade\nein sehr ungew\u00f6hnliches Video ver\u00f6ffentlicht. Sie \u00f6ffnen Ihren Fl\u00f6tenkoffer und\nentnehmen ihm Farbe und Pinsel, beginnen zu malen. Welche Farben wollen Sie mit\ndem Repertoire dieser CD kreieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel war, zu zeigen, dass\ndie Palette franz\u00f6sischer Musik viel breiter als Debussy und Ravel ist. Hier\ngibt es doch so viele Klischees, die dringend \u00fcberwunden werden m\u00fcssen. Ich\nmusste sogar die Erfahrung machen, dass selbst manche Wettbewerbsjury von\nKlischees dominiert ist: Als ich dort mal die Sonate von Poulenc spielte, wurde\nmein Spiel abqualifiziert, der dritte Satz h\u00f6re sich \u201eunsch\u00f6n\u201c und wie\nStra\u00dfenmusik an. Aber genau darum geht es doch hier! Nicht alles, was aus\nFrankreich kommt, klingt wie Daphne oder Syrinx. Viele Menschen glauben,\nfranz\u00f6sische Musik ist wie Chanel Nr 5. Georges H\u00fce kennt doch auch kaum\njemand, aber es ist eine ber\u00fcckende Musik. Oder betrachten wir Andr\u00e9 Jolivets\n\u201eFantaisie Caprice\u201c &#8211; dieses St\u00fcck baut auf einer modalen Skala auf, die von\nder balinesischen und afrikanischen Musik dominiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>S\u00e4mtliche St\u00fccke der neuen CD\nsind im Original bzw. ihrer Ursprungsversion f\u00fcr Solofl\u00f6te und Klavier\ngeschrieben. Was f\u00fcr neue Aspekte wollen Sie aus den Kompositionen heraus\nholen, wenn Sie sie einem Streichensemble auf den Leib geschrieben haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte den Rahmen ausweiten.\nSechs Streichinstrumente erzeugen viel mehr Dynamik. Entsprechend entfaltet\nsich das Stimmengeflecht der Kompositionen noch weiter. Au\u00dferdem wird das\nGef\u00fcge reicher, weil auf einmal sechs Menschen ihre ganze Sichtweise in die\nSache einbringen. &nbsp;Alles wird\ntransparenter und damit einfacher, die Musik als Ganzes zu verstehen. Die\nLinien werden weiter ausdifferenziert. Jeder kann musikalisch seine Phrase\ngestalten und ein gr\u00f6\u00dferes Ganzes kreieren, wo jede Stimme ihre Kraft hat. Mein\nDank gilt nicht zuletzt meiner Frau, die mich zur Verwirklichung der Idee\ndieses franz\u00f6sische Repertoire neu zu arrangieren ermutigt hat!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herr Carr\u00e9, kann es sein,\ndass Sie in der schn\u00f6den Konnotation des Klavierparts als Begleitung eine\nDiskriminierung sehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Musik wird erst lebendig, wenn\nman aus einer rigiden Rolle heraustritt. Wenn ich verantwortungsvoll musiziere,\ndann fokussiere ich mich ja auch nicht auf meine eigene Solostimme, sondern\nkonzentriere mich vor allem auf meinen Gegenpart. Schon meine Mutter, bei der\nich die ersten musikalischen Gehversuche machte, hat mich immer aufgefordert,\nbei Lernen eines St\u00fcckes auf den Klavierpart zu h\u00f6ren. Wer dieses Prinzip\nwirklich ernst nimmt, kann viel tiefer in die Musik eintauchen. Umso mehr wird\ndas Ganze erfahrbar und es gelingt, den Sinn des Komponisten weiterleben und\nsprechen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Also ist Musizieren f\u00fcr Sie\nvor allem eine Kunst des Zuh\u00f6rens?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte mit meiner Energie\nund Pers\u00f6nlichkeit alles entfalten, was in der Musik enthalten ist. Musizieren\nhat immer etwas mit h\u00f6chster Aufmerksamkeit zu tun und ist ein Spiel mit der\nEnergie der anderen Musikern und des Publikums. So kann jedes Konzert\neinzigartig werden. Durch diese Symbiose k\u00f6nnen tiefe Emotionen erreicht\nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie wird Ihr eigenes Spiel\ndurch die erweiterte Besetzung beeinflusst? Was ist anders, als wenn Sie mit\neinem Klavier zusammen musizieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Neuarrangements sind eine\nsehr komplexe Kammermusik geworden. Jede Stimme ist anders. Es gibt keine\nWiederholungen. Ebenso muss ich kr\u00e4ftiger spielen, wenn ich sechs Instrumenten\ngegen\u00fcber stehe. Au\u00dferdem muss ich dirigieren phasenweise. So etwas braucht im\nKonzert deutlich mehr Energie. Meine Aufmerksamkeit ist \u00fcberall gefordert.\nDiese Kammermusik ist dreidimensional.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Klassikmarkt ist\n\u00fcbers\u00e4ttigt mit viel Standard-Repertoire, das sich wiederholt. Wenn Sie hier\netwas neues anbieten, ist es schwer, sich damit \u00f6ffentlich durchzusetzen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich immer sehr frei\ngef\u00fchlt und es geht mir einfach nur darum, etwas Gutes und Interessantes\nanzubieten. Es muss nicht unbedingt bekannt sein daf\u00fcr. F\u00fcr meine Deb\u00fct-CD habe\nich zum Gl\u00fcck ein Label gefunden, dass sehr offen f\u00fcr ungew\u00f6hnliche, zugleich\nhochqualitative Projekte ist. Das Publikum war bisher sehr begeistert. Warum\nsoll ich etwas aufnehmen, was schon viele andere aufgenommen haben? Wenn es um\nStandardrepertoire geht, kaufen die Leute doch von vornherein die Einspielung\nmit dem prominenteren Namen. Da konzentriere ich mich lieber auf eigene\nProjekte, die mir Spa\u00df machen und finde meine eigene Richtung. Nur so kann ich\neine echte k\u00fcnstlerische Pers\u00f6nlichkeit entwickeln. Dieses Projekt liegt mir\nauch besonders am Herzen, und ich wollte davon eine Spur in der Musikwelt\nhinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es wird ja \u00fcberall get\u00f6nt,\ndass die CD tot ist. Warum produzieren Sie und alle Ihre Kollegen weiterhin so\nviele CDs?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Allein, weil es ohne CD schwer\nist, Konzerte zu bekommen. Man muss einfach eine CD machen! Sie ist und bleibt\nein T\u00fcr\u00f6ffner.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle haben\nWettbewerbe f\u00fcr Ihre Karriere gespielt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Student hatte ich den\nWunsch, internationale Wettbewerbe zu machen. Sie werden als einfache Autobahn\nzum Erfolg angesehen. Wer einen Wettbewerb gewinnt, bekommt ein paar Konzerte\nund kann oft kostenlos eine CD aufnehmen. Ich selbst bin aber kein\nWettbewerbstyp \u2013 mein Profil deckte oft nicht die Vorlieben der ganzen Jury ab.\nDeswegen musste ich einen anderen Weg finden: So habe ich eine Stelle im\nOrchester bekommen und mich weiter als K\u00fcnstler entwickelt. Das hat meine\nKreativit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit gest\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie gehen aktuell einen sehr\nmodernen Weg, um sich \u00fcber Crowdfunding ein Feedback \u00fcber den eigenen\nPublikumserfolg einzuholen. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das hatte erstmal rein\npraktische Gr\u00fcnde. F\u00fcr dieses Projekt brauchte ich eine finanzielle\nUnterst\u00fctzung. Es ist auch eine interessante M\u00f6glichkeit, das Interesse an\nmeinem Projekt zu pr\u00fcfen &#8211; obwohl ich schon sehr sicher \u00fcber den Wert meiner\nArbeit war. Aber ich bin sehr dankbar, dass mich so viele Leute \u00fcbers Netz und\ndar\u00fcber hinaus privat unterst\u00fctzt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Grundprinzip ist ja einfach:\nEs geht darum, Menschen zu \u00fcberzeugen. Keine Spezialisten-Jury, sondern ein\nPublikum.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich immer um eine gute\nVernetzung mit vielen Menschen bem\u00fcht. Und gerade, weil ein&nbsp; Crowdfunding viel Netz\u00f6ffentlichkeit\nherstellt, ist es ein guter Weg, an mehr junges Publikum heran zu kommen. Das\nPrinzip einer solchen Pr\u00e4sentation ist es, ein konkretes \u201eProdukt\u201c anzubieten\nund daf\u00fcr Begeisterung zu wecken. Nat\u00fcrlich ist es wichtig, mit k\u00fcnstlerischer\nQualit\u00e4t zu begeistern und nicht mit kommerzielle Methoden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was muss ein gutes Produkt\nausmachen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der\nneue Erfahrungen wichtig sind. In jeder Werbung werden diese \u201eneuen\nErfahrungen\u201c ja auch versprochen. Man muss aber zugleich etwas hervor bringen,\nwas qualitativ hervorragend ist. Das ist dringend n\u00f6tig, um der klassischen\nMusik ein neues Publikum zu bringen. Ich begegne immer wieder Menschen, die\nkeinen speziellen Bezug zur Musik haben, aber doch sehr neugierig sind. Es geht\ndarum, auch den Nicht-Spezialisten etwas zu bieten, was deren Erwartungen\n\u00fcbertrifft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche pers\u00f6nlichen Ideale\nverbergen sich dahinter?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in unserer Gesellschaft\nviele menschliche und geistige Einsamkeit. Die Musik, live erlebt, hat die\nKapazit\u00e4t, Menschen zu sammeln und in eine andere Sph\u00e4re zu bringen. Eine\nSph\u00e4re, die weit von Materialismus und menschlichen Sorgen entfernt ist. Jeder\nMensch hat das tiefe Bed\u00fcrfnis, etwas mit anderen Menschen zu erleben und\nteilzunehmen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist Ihr Zukunftsplan?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit mit gr\u00f6\u00dferen\nKammerensembles, aber auch Orchestern fasziniert mich sehr. Deswegen&nbsp; studiere ich aktuell auch das Dirigieren. Vor\nallem m\u00f6chte ich jetzt mit meinem Ensemble Nuanz und diesem Programm und sp\u00e4ter\nmit anderem Repertoire m\u00f6glichst viele Konzerte spielen. Ich w\u00fcnsche mir, dass\nein breites Publikum diese wunderbare Musik erleben kann!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>CD:\u00a0 Palette<\/strong>; <strong>Nathanae Carr\u00e9, Ensebmle Nuanz &#8211; ARS Produktion 2019<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Interview gef\u00fchrt von Stefan\nPieper, September 2019<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathanael Carr\u00e9 geht seinen eigenen Weg, wenn er seine Lieblingst\u00fccke f\u00fcr das Ensemble Nuanz neu arrangiert Der Fl\u00f6tist Nathanael Carr\u00e9 holt unverbrauchtes, seltenes Repertoire aus der Versenkung und taucht scheinbar bekanntes in leuchtende Farben eines virtuosen Neuarrangements. 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