{"id":350,"date":"2015-12-25T18:09:46","date_gmt":"2015-12-25T17:09:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=350"},"modified":"2015-12-25T18:10:16","modified_gmt":"2015-12-25T17:10:16","slug":"ein-schlag-aufs-wasser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/25\/ein-schlag-aufs-wasser\/","title":{"rendered":"Ein Schlag aufs Wasser"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Placidus von Camerloher (1718-1782)<br \/>\nKamermusik, Sinfonien, Arien<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Neue Freisinger Hofmusik Leitung: Sabina Lehmann<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">CTH 2629 Thorofon<br \/>\n4 003913 126290<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Ulrich9.jpg\" rel=\"attachment wp-att-351\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-351 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Ulrich9.jpg\" alt=\"Ulrich9\" width=\"297\" height=\"291\" \/><\/a><br \/>\nPlacidus von Camerloher, der Zeitgenosse Glucks und Philipp Emanuel Bachs, ist mithin ein Vorl\u00e4ufer von Haydn, Mozart und deren Zeitgenossen, und durchaus kein Unbekannter in der Musica Bavarica. Jetzt also eine neue CD der neugegr\u00fcndeten Neuen Freisinger Hofmusik, geleitet von der Cellistin Sabina Lehmann: die elf Instrumentalistinnen und Instrumentalisten von der Traversfl\u00f6te bis zur Erzlaute spielen aus dem bis heute nur sp\u00e4rlich ver\u00f6ffentlichten Werk\u00a0 des Freisinger Musikers und Geistlichen Herrn Camerloher zwei Sinfonien, zwei Arien auf lateinische Texte und ein paar St\u00fccke aus seiner Kammermusik.<br \/>\nWas als durchaus von mehreren Seiten unterst\u00fctztes Projekt daherkommt \u2013 die Danksagungen im Booklet sprechen es aus \u2013, entpuppt sich allerdings beim Anh\u00f6ren als ein ziemlich uninspiriertes Unterfangen, das an der Oberfl\u00e4che des Notentextes und somit an den Ohren vorbeirauscht. Von Phrasierung oder irgendwie zusammenh\u00e4ngend bewusstem musikalischen Ansatz scheinen die Spieler weder je etwas geh\u00f6rt zu haben noch gar zu wissen. Ihr Tun ersch\u00f6pft sich darin, die vorliegenden Noten in meist sehr hurtigen Tempi herunterzuspielen. So nebens\u00e4chlich und rasch vorbei ist diese Musik sicher weder gemeint noch einst gespielt worden, da n\u00fctzen auch die beiden Solost\u00fccke auf der Gallichone nichts,\u00a0 oder auch die beiden Arien, die Bass Matthias Winckler bem\u00fcht, aber mit viel abgehackter Sechzehntel-Artikulation realisiert.\u00a0 (Wie so etwas wirklich gesungen werden kann, k\u00f6nnte er sich bei Cecilia Bartoli einmal zu Gem\u00fcte f\u00fchren, da muss das Zwerchfell einfach auf Zack sein bei solchen L\u00e4ufen).<br \/>\nDabei ist der Stil Camerlohers, wie die Leiterin Sabina Lehmann im Begleitheft beschreibt, alles andere als uninspiriert oder altmodisch. Sie nennt ihn sogar einen modernen Tonk\u00fcnstler seiner Zeit, der gr\u00f6\u00dften Wert legte auf melodische und harmonische Klarheit und Einfachheit. Und die auf- und niederfahrenden Tonleitern in der neuen Mannheimer Art, h\u00e4ufige Synkopen, Seufzermotive, Sechzehnteltriolen oder unvermutet eintretende Generalpausen geh\u00f6ren zwar durchaus zu seinem musikalischen Stil, m\u00fcssen aber auch dementsprechend erlebt und musiziert werden, sonst bleiben es blo\u00dfe Beschreibungen ohne Inhalt. Denn so neu, wie Camerlohers Musik damals gewesen zu sein schien, davon muss auch der heutige H\u00f6rer etwas mitbekommen.<br \/>\nEs ist und bleibt der Makel bei unz\u00e4hligen unserer heutigen \u2013 zwar ausdauernd ge\u00fcbt habenden, aber musikalisch so wenig beschlagenen \u2013 Musikerinnen und Musikern, dass sie zwar technisch alles \u201edraufhaben\u201c, aber die Bedeutung der \u201eKlangrede\u201c ihnen sehr oft vor lauter Geschwindigkeit v\u00f6llig entgeht.<br \/>\nAllerdings k\u00f6nnte jede Person sich die Violinschule von 1756 von Leopold Mozart zum Lesen nehmen oder auch die beiden sehr \u201eerleuchtenden\u201c B\u00fccher des Altmeisters Nikolaus Harnoncourt, etwa \u201eMusik als Klangrede\u201c, einverleiben, die einem einen entsprechenden Ansatz vermitteln k\u00f6nnen, wenn au\u00dfer dem \u201e\u00dcben\u201c noch Zeit zum Lesen und Verstehen bliebe! Warnte doch schon Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin seine Sch\u00fcler, nicht l\u00e4nger als drei Stunden am Klavier zu verbringen, sonst w\u00fcrden sie n\u00e4mlich: \u201edoof\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Insofern ist diese CD mit Musik eines Zwischenmeisters leider ein \u2013 zugegeben recht lautstarker \u2013 Schlag ins Wasser, der vielleicht Placidus Camerlohers lokale Reputation unterstreichen, ihm jedoch keinen \u00fcberregionalen Glanz verschaffen kann. Schade. Denn dass hinter Noten Musik zum Staunen und \u00dcberraschen steckt, konnte man zwar ahnen beim Anh\u00f6ren dieser CD, aber eben leider nicht h\u00f6ren. Mit der Exekution der auf dem Pult liegenden Noten ist es einfach nicht getan, wenn es um Musik geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Placidus von Camerloher (1718-1782) Kamermusik, Sinfonien, Arien Neue Freisinger Hofmusik Leitung: Sabina Lehmann CTH 2629 Thorofon 4 003913 126290 Placidus von Camerloher, der Zeitgenosse Glucks und Philipp Emanuel Bachs, ist mithin ein Vorl\u00e4ufer von Haydn, Mozart und deren Zeitgenossen, und durchaus kein Unbekannter in der Musica Bavarica. 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