{"id":357,"date":"2015-12-28T13:00:21","date_gmt":"2015-12-28T12:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=357"},"modified":"2015-12-30T21:16:55","modified_gmt":"2015-12-30T20:16:55","slug":"ein-ueberlauter-schrei-der-begeisterung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/28\/ein-ueberlauter-schrei-der-begeisterung\/","title":{"rendered":"Ein \u00fcberlauter Schrei der Begeisterung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0016.jpg\" rel=\"attachment wp-att-359\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-359\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0016-212x300.jpg\" alt=\"0016\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0016-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0016-768x1086.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/0016-724x1024.jpg 724w\" sizes=\"(max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine vollkommen neue Methode versprach Otto Viktor Maeckel 1938 mit seinem Buch &#8222;Das organische Klavierspiel&#8220;, welche er nach jahrelanger Unterrichtserfahrung hier niederschrieb. Zu einer \u00dcberarbeitung kam es nie, da Maeckel bereits im Jahr darauf verstarb und somit nicht auf Kritik oder eventuell selbst festgestellte Defizite eingehen konnte. Der STACCATO-Verlag gibt nun den Reprint des Werkes des mittlerweile in Vergessenheit geratenen P\u00e4dagogen heraus, versehen mit einem Vorwort und kritischen Anmerkungen des Klavierprofessors Gregor Weichert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein ganzes Leben verbrachte O. V. Maeckel mit der Suche nach der &#8222;perfekten&#8220; Methode der Klaviertechnik, wie sie laut dem Autor alle gro\u00dfen Pianisten &#8211; allen voran Franz Liszt &#8211; von Natur aus anwenden, aber nicht in der Lage sind, diese zu beschreiben und somit zu lehren. Ziel soll sein, mit m\u00f6glichst wenig Kraftaufwand und unter v\u00f6lligem Verzicht auf unn\u00f6tige Energievergeudung das Klavierspiel zu verbessern und die Technik vollkommen werden zu lassen. Dazu soll der k\u00fcrzeste, schnellste und nat\u00fcrlich auch einfachste Weg gew\u00e4hlt werden. In der festen Ansicht, schlie\u00dflich erfolgreich die perfekte Technik entschl\u00fcsselt zu haben, bot Otto Viktor Maeckel vierw\u00f6chige Kurse an, in denen er seinen Sch\u00fclern die Grundlagen der Methode in intensivem Training darlegte. Nach diesen vier Wochen sollten die wichtigen Aspekte verinnerlicht sein und die Sch\u00fcler sie von selbst ausbauen und vertiefen k\u00f6nnen. 1938 schlie\u00dflich, nach etlichen Jahren der Unterweisung in seiner Methode, lie\u00df er sich darauf ein, diese auch schriftlich zu fixieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O. V. Maeckel gliedert seine Schule in acht Kapitel: Alle M\u00f6glichkeiten des einstimmigen Spieles auf dem Klavier; der gleichzeitige Anschlag mehrerer Tasten auf dem Klavier; Triller, Tremolo und Spr\u00fcnge; die Anwendung der Pedale; die geteilte Hand; das polyphone Spiel; der Unternormalton; das virtuose Klavierspiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eigentliche Kern der Methode liegt allerdings bereits vollst\u00e4ndig im ersten Kapitel vor, der Rest l\u00e4sst sich vollst\u00e4ndig von selbst aus dem einstimmigen Spiel erschlie\u00dfen (vor allem, da es immer wieder mit den selben Anschlagsarten erkl\u00e4rt und weitergef\u00fchrt wird) oder ist nicht sonderlich neuartig, ja nicht einmal relevant oder wissenswert. Im entscheidenden ersten Kapitel erl\u00e4utert Maeckel nach einigen Frei\u00fcbungen ohne Klavier drei Anschlagsarten, die die zentrale Aussage der Methode sind: der &#8222;Normalton&#8220;, ein ausschlie\u00dflich durch die nat\u00fcrliche Schwere der von der Gravitationskraft nach unten gezogenen Hand erzeugter Ton; die &#8222;schnelle Fingerbewegung&#8220; aus dem Kn\u00f6chelgelenk; und der &#8222;singende Ton&#8220;, welcher durch eine Beschleunigung des Fingers w\u00e4hrend des Anschlags den D\u00e4mpfer fr\u00fcher als gewohnt heben l\u00e4sst und somit die Obert\u00f6ne fr\u00fcher mitklingen l\u00e4sst, was wiederum f\u00fcr einen klangsch\u00f6neren und sanglicheren Ton sorgen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als zentrale Grundlage f\u00fcr diese Methode sieht der Autor vor allem, wie etliche Male betont, den &#8222;federleichten Arm&#8220; an, womit er sich deutlich vom Gewichtsspiel distanziert. Statt sich zu verkrampfen und Kraft anzuwenden, soll nur die genannte &#8222;schwere Hand&#8220; eingesetzt werden, so dass der Ruhepunkt der Fingerspitze eigentlich der unterste Punkt der Taste ist; Die Kraftaufwendung betrifft lediglich das Obenhalten der Hand \u00fcber den Tasten, von wo aus beim Anschlag die Nat\u00fcrlichkeit der Gravitation den Finger sinken l\u00e4sst. All dies erkl\u00e4rt Maeckel m\u00f6glichst wissenschaftlich begr\u00fcndet und immer wieder auf die Physik verweisend, stets auf einen sicheren Beweis aus. Auch wenn einige seiner Wissenschaftsbez\u00fcge recht vage erscheinen und auch nicht immer richtig sind, ist doch ein Gro\u00dfteil recht sinnvoll und l\u00e4sst die Methode gut mitvollziehbar erscheinen. Alles in allem ist der Aufbau recht stringent, wodurch das jeweilige Kernthema aus dem Vorherigen erkl\u00e4rbar und logisch ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grund daf\u00fcr, warum die an sich wahrhaft lesenswerte und spannende Methode sich bis heute niemals durchsetzen konnte, ist die Hybris O. V. Maeckels, die ihn immer und immer wieder aufs Neue dazu bringt, zu betonen, wie toll und neuartig seine Methode ist und dass alle anderen Methoden doch komplett unnat\u00fcrlich und falsch seien. Zu lange wird belegt, warum die eigene Schule so fantastisch ist, und dass auch Liszt allen Augenzeugenberichten nach eigentlich nur diese wiedergefundene Methode angewandt haben kann. Weichert schreibt darauf allerdings vers\u00f6hnend eingehend in seinem Beschluss \u00fcber das Buch sehr trefflich, man m\u00fcsse damit Nachsehen haben, denn Maeckel geriet nach 32 Jahren der Suche sein &#8222;Heureka&#8220; eben ein wenig \u00fcberlaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Methode an sich zu bewerten, f\u00e4llt &#8211; wie wohl verst\u00e4ndlich sein d\u00fcrfte &#8211; schwer. Nat\u00fcrlich war es mir nicht m\u00f6glich, in der Zeit seit Erhalt des Buchs die gesamte Methodik selbst zu erproben, auch wenn ich mich recht zeitintensiv an den drei Hauptanschlagsarten versucht habe. Diejenigen Quellen, die sich intensiv mit &#8222;Das organische Klavierspiel&#8220; auseinandergesetzt haben, also sowohl seine Sch\u00fcler (nach eigenen Aussagen Maeckels) als auch 1938 sein Verleger Franz Hanemann und der Neuherausgeber Gregor Weichert, sind allesamt \u00fcberzeugt davon. Und auch ich w\u00fcrde mich nach meinen bisherigen Studien davon keineswegs distanzieren. Zwar sollte der Pianist diese Methode nicht als alleingeltendes Heiligtum ansehen und jede nicht in dem Buch beschriebene Technik a priori verteufeln, aber gerade die Grundlagen sind nicht zu widerlegen, und die drei Hauptanschlagsarten sind das bewusste Erlernen und Anwenden wert. Besonders \u00fcberzeugen kann die Annahme, dass die heruntergedr\u00fcckte Taste der Ruhepunkt ist und das Niederschlagen selbst nicht der Moment des Kraftaufwands ist. Bei Beachtung dessen erh\u00e4lt der Musiker automatisch ein deutlicheres Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie viel Energie \u00fcberhaupt anzuwenden sei, und verbraucht diese nicht unn\u00f6tig, was sowohl dem Spiel an sich als auch dem K\u00f6rper und Geist des Spielers nur zu Gute kommen kann. In wie weit auch der &#8222;singende Ton&#8220; perfektionierbar ist, l\u00e4sst sich schwer sagen, doch ist die Technik tats\u00e4chlich gut anwendbar, um entsprechenden Passagen einen runden und vollen Ton zu verleihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl Vorwort als auch Bemerkungen zu &#8222;Das organische Klavierspiel&#8220; von Gregor Weichert sind kurz, pr\u00e4gnant und wohl\u00fcberlegt geschrieben. Sofort wird Weigerts intensive Besch\u00e4ftigung mit vorliegendem Werk bemerkbar, und seine kritische Auseinandersetzung damit. Er nickt nicht alles einfach ab, sondern gibt an entsprechenden Stellen n\u00fctzliche Kommentare hinzu und ist sich auch im Beschluss ganz genau im Klaren, welche Aspekte besonders n\u00fctzlich und welche eher vernachl\u00e4ssigbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder die Kurse O. V. Maeckels noch sein 1938 erschienenes Buch schafften es, seiner Methode bleibende Bekanntheit zu verschaffen &#8211; vielleicht gelingt es nun mit dieser Reprint-Ausgabe. Wert w\u00e4re, zumindest einmal davon bewusst Kenntnis genommen zu haben und sich die wesentlichen Aspekte nicht nur durch den Kopf gehen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine vollkommen neue Methode versprach Otto Viktor Maeckel 1938 mit seinem Buch &#8222;Das organische Klavierspiel&#8220;, welche er nach jahrelanger Unterrichtserfahrung hier niederschrieb. Zu einer \u00dcberarbeitung kam es nie, da Maeckel bereits im Jahr darauf verstarb und somit nicht auf Kritik oder eventuell selbst festgestellte Defizite eingehen konnte. 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