{"id":3571,"date":"2019-11-26T06:32:55","date_gmt":"2019-11-26T05:32:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3571"},"modified":"2024-06-06T21:11:17","modified_gmt":"2024-06-06T19:11:17","slug":"die-musica-viva-gedenkt-galina-ustwolskaja-und-hans-zender","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/11\/26\/die-musica-viva-gedenkt-galina-ustwolskaja-und-hans-zender\/","title":{"rendered":"Die musica viva gedenkt Galina Ustwolskaja und Hans Zender"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 21. 11. 2019 gedachte die musica viva bei einem Sonderkonzert des 100. Geburtstags der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja, mit einer Auff\u00fchrung ihres kompositorischen Tryptichons \u201eTriade\u201c durch Mitglieder des BR-Symphonieorchesters. Im ersten Teil des Abends spielte Nicolas Altstaedt Werke f\u00fcr Solo-Violoncello von Bach und Dutilleux. Das Symphoniekonzert am darauffolgenden Freitag \u2013 eigentlich anl\u00e4sslich der \u201eHappy New Ears\u201c-Preisverleihung 2019 \u2013 geriet dann nat\u00fcrlich zur Gedenkveranstaltung f\u00fcr den erst einen Monat zuvor verstorbenen Komponisten, Dirigenten und \u2013 gemeinsam mit seiner Frau Gertrud \u2013 Stifter des Preises, Hans Zender. Unter der Leitung von Peter Rundel erklangen Werke des diesj\u00e4hrigen Komponisten-Preistr\u00e4gers Klaus Ospald und Hans Zenders.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/N0164-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3572\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/N0164-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/N0164-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/N0164-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/N0164.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>  (c) Astrid Ackermann <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die\nKomponistin Galina Ustwolskaja (1919-2006) ist in der Musikgeschichte des 20.\nJahrhunderts ein Unikum geblieben. Da ist einmal ihr Selbstbild als Medium\ng\u00f6ttlicher Inspiration und einsames Genie, was zu Zeiten der UdSSR nat\u00fcrlich auf\nwenig Zustimmung stie\u00df. Auch der kommerzielle, westliche Musikbetrieb wurde erst\nab den 1990ern zunehmend aufmerksam auf Ihre Musik. Die geht mit nur scheinbar\neinfachsten Mitteln ausschlie\u00dflich in die Extreme, \u00e4u\u00dferliche Reduktion bei\ngleichzeitig unerh\u00f6rter Dichte \u2013 ganz w\u00f6rtlich vor allem durch Cluster \u2013 des Klangeindrucks,\nder den H\u00f6rer unmittelbar \u201etrifft\u201c, um nicht zu sagen: erschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Teil bringt <em>Nicolas Altstaedt<\/em> zwei Werke f\u00fcr Solocello zu Geh\u00f6r: Ganz ausgezeichnet Dutilleux\u2018 <em>Trois Strophes sur le nom de Sacher <\/em>\u2013 energisch, facettenreich und in sich geschlossen. F\u00fcr Bachs f\u00fcnfte Solosuite benutzt Altstaedt dann ein Barockcello \u2013 sein Vortrag ger\u00e4t sehr intim, nach innen gerichtet, dabei mit immer klar bestimmter harmonischer Richtung, dynamisch grandios \u2013 oft quasi <em>sul tasto<\/em> \u2013, aber gleichzeitig mit sehr definiertem Einzelton. Schade, dass das Publikum diese eigentlich hinrei\u00dfende und virtuose Darbietung anscheinend nur als Appetizer wahrnimmt: eine Br\u00fccke zur Musik Ustwolskajas kann hiermit sicher nicht gebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ustwolskajas\n<em>Triade<\/em>, eigentlich schlicht <em>Kompositionen Nr. 1-3 <\/em>benannt,\nbesteht aus drei kammermusikalischen Werken der fr\u00fchen 1970er-Jahre mit h\u00f6chst\nungew\u00f6hnlicher Besetzung, liturgisch betitelt: So lotet <em>Dona nobis pacem <\/em>die\nExtremlagen von Piccolofl\u00f6te und Tuba (bzw. Kontrabasstuba) aus, die vom Klavier\nmehr Verdoppelung als Kontrast erfahren, insgesamt durchaus meditativ wirken. <em>Dies\nirae <\/em>f\u00fcr 8 Kontrab\u00e4sse (differenziert, aber immer homophon), einen mit\nH\u00e4mmern maltr\u00e4tierten Holzw\u00fcrfel und Klavier evoziert teilweise brachial eine\nVision von Verg\u00e4nglichkeit bzw. Apokalypse; etwas milder dann <em>Benedictus qui\nvenit, <\/em>f\u00fcr je 4 Fl\u00f6ten und Fagotte plus Klavier. Die Musik der r\u00e4tselhaften\nRussin entwickelt in kleineren R\u00e4umen immer eine gewisse Penetranz. Davon ist\nhier \u2013 liegt es am Herkulessaal oder sind die Mitglieder des BR-\nSymphoniekonzertes etwa wirklich noch auf eine Art Sch\u00f6nklang aus? \u2013 wenig zu\nsp\u00fcren. Die Musiker sind innigst bei der Sache; das Klavier k\u00f6nnte im Ensemble\nperfekter zusammen sein \u2013 der Gesamteindruck bleibt jedoch blass. Beim Rezensenten\nvermutlich, weil er auch russischen Ikonen so gar nichts abgewinnen kann. Die\nReaktion beim Publikum scheint gespalten zwischen tief beeindruckt und eher gelangweilt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Am 22.11. w\u00e4re <em>Hans Zenders<\/em> 83. Geburtstag gewesen, das Symphoniekonzert zur <em>Happy New Ears-<\/em>Preisverleihung nur zuf\u00e4llig auf diesen Termin gefallen. Der gro\u00dfartige F\u00f6rderer nicht nur der M\u00fcnchner <em>musica viva<\/em> (s. die Rezension des letzten, nur seiner Musik gewidmeten <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/10\/11\/hans-zender-zu-ehren-eroeffnungskonzert-der-musica-viva\/\">Konzerts von 2016<\/a>) verstarb jedoch einen Monat zuvor. So muss auch die diesj\u00e4hrige Preisverleihung in der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste nur in Anwesenheit seiner Witwe und Mitstifterin Gertrud Zender stattfinden. Die Komponistin <em>Isabel Mundry<\/em> h\u00e4lt eine etwas schrullige Laudatio, wo hingegen die Danksagung des Preistr\u00e4gers f\u00fcr Komposition, <em>Klaus Ospald<\/em>, gleichzeitig zum tief bewegenden Nekrolog auf Zender wird, ebenso eindringlich die des Preistr\u00e4gers f\u00fcr Publizistik, <em>J\u00f6rn Peter Hiekel<\/em>, der intelligent die Rolle u.a. der Musikwissenschaft in der Vermittlung \u201eNeuer Musik\u201c beleuchtet \u2013 beide Preistr\u00e4ger hatten Hans Zender noch kurz vor dessen Ableben pers\u00f6nlich besucht.<\/p>\n\n\n\n<p>So ger\u00e4t nat\u00fcrlich auch das Symphoniekonzert am Abend zur <em>In Memoriam-<\/em>Veranstaltung; gleich zu Beginn bittet Winrich Hopp um eine Gedenkminute. Umso erfreulicher, dass sich das gut 50-min\u00fctige Werk Ospalds, <em>M\u00e1s ra\u00edz, menos criatura<\/em>, nicht nur als preisw\u00fcrdig, sondern als eines der faszinierendsten St\u00fccke erweist, die in den letzten f\u00fcnf Jahren in M\u00fcnchen zu h\u00f6ren waren. Klaus Ospald ist bekannt daf\u00fcr, sich dem Neue-Musik-Betrieb in keinster Weise anzubiedern. Und er hat seine ganz eigene musikalische Sprache gefunden: Trotz gro\u00dfer Besetzung mit fast schon traditionell verwendetem Soloklavier, von dem immer wichtige Impulse ausgehen (souver\u00e4n und mit tiefem Verst\u00e4ndnis: <em>Markus Bellheim<\/em>) und 8-stimmigem Vokalensemble, das anfangs nur sporadisch mit fragmentierten Einsprengseln zum Einsatz kommt (<em>Singer Pur<\/em>, vielleicht zu weit hinten platziert), gibt es hier keine Note zu viel. Die Dichte an Einzelereignissen ist m\u00fchelos zu erfassen, die Musik vielleicht gerade deswegen ungemein spannungsreich, die Klangfarben \u00e4u\u00dferst subtil. Dem in der Einf\u00fchrung vom Komponisten erw\u00e4hnten Bem\u00fchen um Wiedererkennbarkeit \u2013 was nicht zwangsl\u00e4ufig mit Wiederholung gleichzusetzen ist \u2013 wird Ospald z.B. dadurch gerecht, dass er den Klavierklang vom Orchester, bisweilen mikrotonal leicht verfremdet, aufnehmen und weiterf\u00fchren l\u00e4sst; ein \u00e4hnliches Wechselspiel gibt es zwischen Orchester und Vokalensemble. Das grausam existentielle Gedicht von Miguel Hern\u00e1ndez \u2013 im Verdichtungsprozess gegen Schluss dann pr\u00e4senter \u2013 dient hierbei nur als Vorlage f\u00fcr eine musikalische Gedanken- und Gef\u00fchlswelt, die jedes vordergr\u00fcndige Abbilden vermeidet, aber umso st\u00e4rker tr\u00e4gt. <em>Peter Rundel <\/em>steuert diesmal gerade das differenzierte dynamische Geschehen richtig gut \u2013 verdient gro\u00dfer Applaus schon vor der Pause.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil des Konzertes gibt es \u2013 auch als Ausblick auf das Beethoven-Jahr 2020 \u2013 Zenders <em>33 Ver\u00e4nderungen \u00fcber 33 Ver\u00e4nderungen<\/em>, eine seiner <em>komponierten Interpretationen; <\/em>viel gespielt mittlerweile die der <em>Winterreise<\/em>. In der Reihenfolge unver\u00e4ndert, werden Beethovens <em>Diabelli-Variationen <\/em>zwar nicht auseinandergenommen, jedoch bei jeder einzelnen wird h\u00f6chst intelligent und auch \u00fcber weite Strecken mit respektablem Humor ihre Unerh\u00f6rtheit aus damaliger Sicht in eine f\u00fcr heutige Ohren \u2013 mit all den musikhistorisch gepr\u00e4gten Ablagerungen der letzten zwei Jahrhunderte \u2013 gleicherma\u00dfen \u00fcberraschende Couragiertheit transformiert. Leider steht jetzt Peter Rundel zumindest in den ersten 8 bis 10 Variationen etwas neben sich, schl\u00e4gt oft unn\u00f6tig kleinteilig; vieles wird schlicht zu langsam. Zum Gl\u00fcck f\u00e4ngt sich der Dirigent aber wieder und gestaltet den weiteren Verlauf mit seinem lustvoll aufspielenden Orchester \u00fcberzeugender: gro\u00dfartig trotz kleinerer Patzer insbesondere Var. XXXI mit ihren Trompetensoli und die darauf folgende, brillante Fuge. Den Blumenstrau\u00df zum Schluss \u00fcberreicht Rundel dann, ins dankbare Publikum eilend, Zenders Witwe. Ein bewegender Abend, den der interessierte Leser am 3.12.2019 um 20:05 Uhr auf BR-Klassik nachh\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, November 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. 11. 2019 gedachte die musica viva bei einem Sonderkonzert des 100. Geburtstags der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja, mit einer Auff\u00fchrung ihres kompositorischen Tryptichons \u201eTriade\u201c durch Mitglieder des BR-Symphonieorchesters. Im ersten Teil des Abends spielte Nicolas Altstaedt Werke f\u00fcr Solo-Violoncello von Bach und Dutilleux. 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