{"id":3586,"date":"2019-11-30T10:19:00","date_gmt":"2019-11-30T09:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3586"},"modified":"2019-12-01T10:23:23","modified_gmt":"2019-12-01T09:23:23","slug":"meisterwerke-eines-kritikers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/11\/30\/meisterwerke-eines-kritikers\/","title":{"rendered":"Meisterwerke eines Kritikers"},"content":{"rendered":"\n<p>Grand Piano, GP784; EAN: 7 47313 97842 7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/N0165.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3587\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/N0165.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/N0165-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Jamina Gerl spielt Klavierwerke des deutschen Komponisten Ferdinand Pfohl, der sich vor allem als Musikkritiker einen Namen gemacht hat. Auf dem Programm steht die fr\u00fche \u201anordische Rhapsodie nach einem Thema von Edvard Grieg\u2018 mit dem Titel Hagbart, die Strandbilder op. 8 und Pfohls sp\u00e4testes Klavierwerk, die Suite \u00c9l\u00e9giaque op. 11.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend mir der Name Ferdinand Pfohl als Autor von\nBiographien unter anderem \u00fcber Wagner, Beethoven und Nikisch ein Begriff war,\nund ich auch von seiner f\u00fchrenden Position als Musikkritiker wusste, so h\u00f6rte\nich nie von ihm als Komponist. Und doch scheint Pfohl zu Lebzeiten ein nicht\nunbeachteter Tonsetzer gewesen zu sein, wie Auff\u00fchrungen durch Reger, Nikisch,\nMottl und anderen beweisen. Die vorliegende Aufnahme widmet sich seinen\nKlavierwerken beginnend bei der fr\u00fchen nordischen Rhapsodie Hagbart von 1882\nund endend bei der Elegischen Suite op. 11 (durch den Verleger der Mode\nentsprechend mit franz\u00f6sischem Titel Suite \u00c9l\u00e9giaque beworben), dem bereits\nletzten Klavierwerk Pfohls von 1894. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1892, in welchem auch die hier vorliegenden Strandbilder\nop. 8 erschienen, \u00fcbernahm Pfohl die gefragte Stelle als Redakteur im\nFeuilleton der Hamburger Nachrichten und war so mit journalistischen Aufgaben\neingespannt, kam wenig zum Komponieren; entsprechen gro\u00dfe L\u00fccken gibt es im\nWerkkatalog und erst nach seiner Pensionierung schuf er wieder regelm\u00e4\u00dfiger\nOrchesterwerke und Lieder. Das Schreiben sah Ferdinand Pfohl urspr\u00fcnglich als\nreinen Broterwerb, nachdem er sein Studium der Rechtswissenschaften abgebrochen\nhatte und vor dem Einfluss seines strengen Vaters nach Leipzig floh \u2013 was auch\nzur Konsequenz hatte, dass er keine finanzielle Unterst\u00fctzung mehr von Seiten\nseiner Familie erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gro\u00dfe Vorbild, das durch alle der hier zu h\u00f6renden\nKlavierwerke eindeutig hervorscheint, ist Edvard Grieg. Noch bevor sich die\nbeiden Komponisten kennenlernten und bevor Pfohl sich \u00fcberhaupt vollst\u00e4ndig der\nMusik verschrieb, komponierte er bereits die nordische Rhapsodie Hagbart nach\neinem Thema des Norwegers, worin er sich dessen harmonische und noch mehr\nmelodische Sprache zu Eigen machte, sie aber mit einigen eigenen Elementen\nw\u00fcrzte. Doch auch in den \u00fcbrigen Werken bleibt der Einfluss unverkennbar: Die\nreife Harmonik inklusive unaufgel\u00f6ster Dissonanzen und R\u00fcckungen von\nerweiterten Akkorden, die expressive Kraft absteigender Chromatik, die Qualit\u00e4t\nder Melodien, die ihre unmittelbare Wucht aus folklorehafter Einfachheit\nziehen, die treibende Macht der punktierten und triolischen Rhythmik, all das\nentnimmt Pfohl der Stilwelt Griegs. Manches mag schon beinahe an die fr\u00fcheren\nWerke von Debussy erinnern, doch sollte man nicht vergessen, dass auch dieser\nein gl\u00fchender Verehrer Griegs war und seine Tonsprache ohne die in der\nForschung oft vernachl\u00e4ssigten Neuerungen des Norwegers undenkbar w\u00e4re. Gewiss\ndarf Pfohl nicht als Epigone betrachtet werden, er war ein durch und durch\neigenst\u00e4ndiger Komponist. Formal \u00fcberbr\u00fcckt er mit einfachem Material gro\u00dfe\nStrecken, ohne dass ein musikalischer Leerlauf eintritt (abgesehen h\u00f6chstens\neiniger recht Liszt\u2019scher Enden), und harmonisch entdeckt er manch eine neue\nKombination, um die Musik \u00fcber eine schwebende Fl\u00e4che weiterzutragen und sich\nentwickeln zu lassen. Thematisch bleibt er dagegen konservativ und baut auf\neing\u00e4ngige Melodien, die daf\u00fcr ewig im Kopf bleiben und nicht zuletzt dadurch\nihren Teil zur formalen Konzeption beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ihr brillantes und unpr\u00e4tenti\u00f6ses Spiel \u00fcberzeugt die\nPianistin Jamina Gerl bei ihrem Vortrag des Pfohl\u2019schen Klavierwerks. Schon die\nersten Takte der Strandbilder mit den filigranen L\u00e4ufen und glitzernden Trillern\nzeugen von ihrer technischen Lupenreinheit, die sie nicht zum Selbstzweck\nnutzt. Selbst in den \u00fcppig befrachteten Schlussstellen gibt sie sich nicht dem\nSog der Musik hin, sondern kontrolliert ihr Spiel zu einer dadurch noch\npackenderen Darstellung, welche die Spannung ins Unermessliche steigert und\nkontinuierlich oben h\u00e4lt. Auch den lyrischen St\u00fccken gibt sich die Pianistin\nnicht haltlos hin, sondern bewahrt wohltuende Distanz, um den Kern der Musik zu\nerfassen und dem H\u00f6rer zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nNovember 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grand Piano, GP784; EAN: 7 47313 97842 7 Jamina Gerl spielt Klavierwerke des deutschen Komponisten Ferdinand Pfohl, der sich vor allem als Musikkritiker einen Namen gemacht hat. 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