{"id":3590,"date":"2019-12-03T08:35:09","date_gmt":"2019-12-03T07:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3590"},"modified":"2019-12-03T08:35:46","modified_gmt":"2019-12-03T07:35:46","slug":"ein-traditionell-untraditionelles-requiem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/12\/03\/ein-traditionell-untraditionelles-requiem\/","title":{"rendered":"Ein traditionell untraditionelles Requiem"},"content":{"rendered":"\n<p>NEOS 11732; EAN: 4 260063 117329<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/N0166.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3591\" width=\"341\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/N0166.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/N0166-300x264.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 341px) 100vw, 341px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Livemitschnitt der Urauff\u00fchrung von Wolfgang Rihms Requiem-Strophen mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung des vorgestern verstorbenen Mariss Jansons erschien dieses Jahr bei NEOS. Solisten sind Mojca Erdmann, Anna Prohaska und Hanno M\u00fcller-Brachmann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Rihm z\u00e4hlte schon immer zu den mutigen Komponisten,\nzu denjenigen, die sich nicht in einer Stilrichtung verlieren oder sich f\u00fcr\nstumpfen Modernismus selbst beschr\u00e4nken. Tradition und Novit\u00e4t stehen insofern\ngleichberechtigt nebeneinander. Das erkennen wir auch in den 2015\/2016\nkomponierten Requiem-Strophen f\u00fcr Soli, gemischten Chor und Orchester, deren\nUrauff\u00fchrung aufgenommen und nun bei NEOS ver\u00f6ffentlicht wurde. Allein die\nTextauswahl l\u00e4sst aufhorchen, denn Rihm bezieht Verse von Rilke, Michelangelo,\nBobrowski und Sahl in die traditionelle Missa mit ein und verschmelzt die\ngeistlichen und weltlichen Sph\u00e4ren. In diesem Vorgehen stehen die\nRequiem-Strophen (benannt nach dem letzten der verwendeten Texte von Sahl)\njedoch nicht allein: bereits im Kindesalter erlebte Rihm Orchestermusik f\u00fcr den\nKirchengebrauch als \u00d6ffnung bis Entgleisung im positiven Sinne und schrieb (beginnend\n1984 mit \u201aDies\u2018) selbst mehrere sakrale Werke mit weltlichen Bez\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch begehren die Requiem-Strophen\n\u00fcberraschenderweise \u00fcberhaupt nicht auf, anders als in den meisten Requien h\u00e4lt\nsich sogar das Dies Irae zur\u00fcck. Damit sucht Rihm die bewusste N\u00e4he zu Faur\u00e9s\nRequiem, das er nach eigenen Angaben besonders sch\u00e4tzt. Die Reflexion des\nMenschen an sich ist es, die im Zentrum dieser Komposition steht, und nicht die\napokalyptische Vorstellung des j\u00fcngsten Gerichts. Schmerz, Trauer und\nMelancholie werden seziert und psychologisch durchexerziert, bevor sie in die\nMusik einflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>All dies bringt Rihm in einem frei flie\u00dfenden Klangstrom\nohne tonale Bindung zum T\u00f6nen, was Nachdenklichkeit, Unsicherheit und gewisse\ninnere Furcht evoziert, ganz ohne den \u00e4u\u00dferen Schrecken zu betonen. Kontraste\nschafft der Komponist in erster Linie durch Orchestrierung und geschickten\nWechsel der Gesangspartien mit rein instrumentalen Passagen. Dennoch verliert\nder H\u00f6rer schnell den Halt und wird fortgetragen von den freitonalen Erg\u00fcssen,\nohne sich der Formgestaltung unmittelbar bewusst zu werden: vielleicht liegt\ndies daran, dass kaum wiederkehrende Motive ins Ohr gehen; vielleicht aber auch\ndaran, dass das Ohr nie durch klare harmonische Abphrasierungen (Kadenzen) zur\nRuhe kommt, sondern immer weiter beansprucht wird \u2013 wie in einem Satz mit 200\nW\u00f6rtern ohne Punkt und Komma. Dies betrifft aber nicht allein die Musik Rihms,\nsondern stellt sich allgemein als Problematik Neuer Musik dar, die ohne\nkonventionelle Harmonik und deren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Spannung und Entspannung\narbeitet. Ich bin gespannt darauf, welche L\u00f6sungsans\u00e4tze die nahe Zukunft\nbringt und welche tats\u00e4chlich zum gew\u00fcnschten Ergebnis f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufs Ganze gesehen gelingt es Rihm, eine Grundspannung\naufrechtzuerhalten und zu einem schl\u00fcssigen Ende zu gelangen, welches das\n80-min\u00fctige Werk in gewisser Einheit erstrahlen l\u00e4sst, verbunden durch die\nzwingende Stimmung der Musik und die stilistische Einzigartigkeit des\nKomponisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in Anbetracht der bekanntlich kurzen Probenzeit der\nMusica-Viva-Konzerte ist erstaunlich, was Mariss Jansons in dieser Liveaufnahme\nder Urauff\u00fchrung von 2017 auf die B\u00fchne bringt. Man bedenke allein die\nhochkomplexen vierstimmigen Chors\u00e4tze, die in faszinierender Ausgewogenheit\nerklingen und die nur schwer fasslichen Linien des Orchesters, dessen Harmonien\nin stetiger Mehrdeutigkeit schweben und eine potentielle Aufl\u00f6sung suchen.\nGewollten Dissenz h\u00f6ren wir in den beiden nie allein auftretenden Sopranpartien\ngesungen von Mojca Erdmann und Anna Prohaska, die gegeneinander ausgespielt\nwerden und so der Rolle des traditionellen Sopran-Solos h\u00e4men. Umso prominenter\nerscheint der Solo-Bariton Hanno M\u00fcller-Brachmann, der mit gleich drei gro\u00dfen\nPartien betraut wird und diesen in inniger Ergriffenheit und mit klar\nmarkiertem Timbre Leben einhaucht. Das Orchester strotzt vor Perfektion, die jedoch\nstellenweise steril wirkt und den H\u00f6rer nicht mit einbezieht, daf\u00fcr aber jedes\nnoch so kleine Detail aus der Partitur ans Licht zaubert und ihm den exakten\nStellenwert beschert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember\n2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NEOS 11732; EAN: 4 260063 117329 Der Livemitschnitt der Urauff\u00fchrung von Wolfgang Rihms Requiem-Strophen mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung des vorgestern verstorbenen Mariss Jansons erschien dieses Jahr bei NEOS. Solisten sind Mojca Erdmann, Anna Prohaska und Hanno M\u00fcller-Brachmann. 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