{"id":3611,"date":"2019-12-18T07:33:01","date_gmt":"2019-12-18T06:33:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3611"},"modified":"2019-12-18T07:33:21","modified_gmt":"2019-12-18T06:33:21","slug":"gegen-alle-vorurteile","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/12\/18\/gegen-alle-vorurteile\/","title":{"rendered":"Gegen alle Vorurteile"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zeitgen\u00f6ssische Musik kann auch anders. In einem extravaganten Programm stellen die Violinistin Anna Kakutia, der Cellist Graham Waterhouse und der Pianist Dmitrij Romanov am 16. Dezember 2019 im Sitzungssaal der Versicherungskammer Bayern (veranstaltet von Tonk\u00fcnstler M\u00fcnchen e.V.) Werke moderner bayerischer (bzw. in Bayern lebender) Komponisten vor. Das Programm beginnt mit Stigmen f\u00fcr Klaviertrio von Dieter Acker, es folgt die Episode von Laurence Traiger f\u00fcr die selbe Besetzung. Romanov spielt allein Prayers and Lullabies of the Guardian Archangel Gabriel von Dafydd Llywelyn, dessen Tod 2013 von Graham Waterhouse in seinem St\u00fcck Bells of Beyond f\u00fcr Klaviertrio verarbeitet wurde. Nach der Pause erklingt zun\u00e4chst das Vierte Klaviertrio von Romanov, danach Duettino und Gioco per Due von Herbert Baumann f\u00fcr die beiden Streicher ohne Klavier. Das Programm endet mit Richard Hellers Novellette.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schon mit dem ersten St\u00fcck, Stigmen von Dieter Acker, setzen\nAnna Kakutia, Graham Waterhouse und Dmitrij Romanov ein Statement: Moderne\nMusik muss nicht ger\u00e4uschlastig, nicht formal willk\u00fcrlich und auch nicht gegen\ndas Ohr sein, sie kann auch trotz Novit\u00e4t gefallen! Stigmen besteht aus f\u00fcnf ineinander\n\u00fcbergehenden und thematisch zusammenh\u00e4ngenden S\u00e4tzen, die teils durch pr\u00e4zise\nausgewogene Z\u00e4suren verkn\u00fcpft sind. Es herrscht ein rauer, aber zutiefst\nmenschlicher und einladender Ton vor, der den H\u00f6rer in das Geschehen\nintegriert. Das intensive Spiel der drei Musiker besticht: sie sehen sich nicht\nblo\u00df als Reproduzenten, sondern treten in Kontakt mit der Partitur und\nerforschen die darin enthaltene emotionale Substanz, kosten die Pausen delikat\naus und akzentuieren treffsicher die subtilen harmonischen und formalen\n\u00dcberraschungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch mehr bringt uns die Episode von Laurence Traiger aus dem\nKonzept: das ist ja tonal! Traiger beweist, dass die Tonalit\u00e4t noch lange nicht\nausgesch\u00f6pft ist, sondern M\u00f6glichkeiten besitzt, die noch lange nicht ergr\u00fcndet\nwurden. Durch die tonale Verwurzelung, und noch mehr durch den harmonischen\nBeziehungsreichtum, gelingt es dem Komponisten, die Form eisern\nzusammenzuhalten. Auch f\u00fcrchtet sich Traiger nicht davor, an etwas zu erinnern:\ndenn kurz darauf flie\u00dft die Musik schon weiter und hinterl\u00e4sst kurze Reminiszenzen\nan eine lange Traditionslinie, die er weiterf\u00fchrt. Keine Sekunde verliert er an\nEigenst\u00e4ndigkeit, er schreibt eine klare Handschrift.<\/p>\n\n\n\n<p>Mystisch wird es in Prayers and Lullabies of the Guardian\nArchangel Gabriel f\u00fcr Klavier solo von Dafydd Llywelyn, der Glocken zu einem\nzentralen Paradigma seiner Musik machte. Konturlos und ohne erkennbares\nMaterial schwebt die beinahe impressionistisch anmutende Musik dahin, bringt\nuns in Trance und die Gedanken zum (Mit-)Wandern. Romanov \u00fcberzeugt durch konzentriertes\nund meditativ-ruhiges Spiel, in dem jeder Akkord seinen festen Platz erh\u00e4lt und\nin sich ausgewogen wird. So \u00fcberkommt die tiefsph\u00e4rische Wirkung dieser Musik den\nH\u00f6rer. Das St\u00fcck h\u00e4tte nur ein paar Minuten fr\u00fcher enden k\u00f6nnen, da sich der\nEffekt im umrisslosen Raum doch auf Dauer ersch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Cellist des Abends, Graham Waterhouse, erhielt von\nLlywelyn zentrale Impulse f\u00fcr seine kompositorische Arbeit. In Gedenken an\ndessen Tod im Jahr 2013 komponierte Waterhouse sein Bells of Beyond, was auf\ndie Glockenthematik anspielt, die wir schon in Prayers and Lullabies of the Guardian\nArchangel Gabriel vernahmen. Anstelle eines Requiemst\u00fccks h\u00f6ren wir allerdings\nein lebendiges und aufgewecktes Werk, humorvoll bis sarkastisch. Die Musik wirkt\nteils wie ein Pool aus (scheinbaren?) Zitaten: von Smetana bis Gubaidulina mit\nbesonderer Vorliebe f\u00fcr Debussys Pr\u00e9ludes. Gerade diese (scheinbar?) bekannten\noder zumindest an Bekanntes gemahnenden Motive sorgen daf\u00fcr, dass die Musik\neine Geschlossenheit und einen nachvollziehbaren Fluss bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Pause beginnen die Musiker mit dem Vierten\nKlaviertrio des Pianisten Kmitrij Romanov, das sich spr\u00f6de und archaisch vor\nuns auftut, durch seine Sperrigkeit eine bestimmte Gr\u00f6\u00dfe erreicht. Kontrapunktisch\ndurchwebt und mit beachtlicher Eloquenz modulierend, spricht die Musik mehr die\nintellektuelle als die emotionale Seite des H\u00f6rers an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jugendlichsten St\u00fccke des Abends entstammen der Feder\ndes 1925 geborenen Herbert Baumann: sowohl das Duettino als auch das Gioco per\nDue komponierte er nach seinem 90. Geburtstag! Schwungvoll sprudeln die\nStreicher \u00fcber vor Witz, Charme und t\u00e4nzerischen Elementen, \u00fcberbieten sich gegenseitig\nan Frische und wetteifern um die strahlendste Stimme. Das ist feinste Zugabenmusik,\nwie man sie sich vorstellt, quirlig und vital, dabei nicht vorhersehbar oder abgedroschen,\nsondern in ihrer Wirkung unerh\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt erklingt die Novellette von Richard Heller. Dieses\nSt\u00fcck m\u00fcsste ich noch einmal h\u00f6ren. Nach den verspielten Duetti von Baumann war\nmein Geh\u00f6r noch nicht auf diese tiefsch\u00fcrfende Musik eingestellt, um sie von\nAnfang bis Ende voll aufzunehmen. Hellers Trio erscheint innerlich aufgew\u00fchlt\nund gespickt mit schwarzem Humor. So bildet sie einen Dipol zwischen\nabgrundtief ernst und doch irgendwo verspielt, wenngleich auf eine beinahe makabre\nArt. Novellette verfolgt mich von allen St\u00fccken des Abends bislang am l\u00e4ngsten\nund ich versp\u00fcre den dringenden Wunsch, dieses St\u00fcck und andere Werke des\nKomponisten zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zuletzt bewahren Kakutia, Waterhouse und Romanov die\nKonzentration und begl\u00fccken die H\u00f6rer mit ersp\u00fcrendem und detailverliebtem\nSpiel. Von den Schwierigkeiten der Gattung des Klaviertrios, dass das Klavier\ngerne die Streicher verschluckt, bemerken wir nichts: souver\u00e4n findet jeder\nMusiker seinen Platz im Geflecht der Stimmen. Die Musiker wissen, auf was es\nden jeweiligen Komponisten und auf was es in der Musik selbst ankommt und sprechen\nden H\u00f6rer direkt an. So entsteht ein wahres Erlebnis aus Kl\u00e4ngen, das Lust auf\nmehr macht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nDezember 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitgen\u00f6ssische Musik kann auch anders. In einem extravaganten Programm stellen die Violinistin Anna Kakutia, der Cellist Graham Waterhouse und der Pianist Dmitrij Romanov am 16. Dezember 2019 im Sitzungssaal der Versicherungskammer Bayern (veranstaltet von Tonk\u00fcnstler M\u00fcnchen e.V.) Werke moderner bayerischer (bzw. in Bayern lebender) Komponisten vor. Das Programm beginnt mit Stigmen f\u00fcr Klaviertrio von Dieter &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/12\/18\/gegen-alle-vorurteile\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Gegen alle Vorurteile<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3391,3396,3392,3394,3393,3397,3401,3395,507,3399,3398,3400],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3611"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3611"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3613,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3611\/revisions\/3613"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}