{"id":3634,"date":"2020-01-01T21:13:56","date_gmt":"2020-01-01T20:13:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3634"},"modified":"2020-01-01T21:13:59","modified_gmt":"2020-01-01T20:13:59","slug":"einems-urteil-gegen-den-prozess","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/01\/01\/einems-urteil-gegen-den-prozess\/","title":{"rendered":"Einems Urteil gegen den Prozess"},"content":{"rendered":"\n<p>Capriccio, C5358; EAN: 8 45221 05358 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0176.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3635\" width=\"281\" height=\"281\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0176.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0176-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0176-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Wir erleben Gottfried\nvon Einems Oper \u201eDer Prozess\u201c in einer Darbietung mit dem ORF Vienna Symphony\nOrchestra unter HK Gruber. Michael Laurenz singt den Josef K., Jochen\nSchmeckenbecher den Aufseher, Geistlichen, Fabrikanten und Passanten; als\nStudent und Direktor-Stellvertreter h\u00f6ren wir Matth\u00e4us Schmidlechner, Lars\nWoldt als Untersuchungsrichter und Pr\u00fcgler. Johannes Kammler spielt den\nGerichtsdiener und den Advokaten, J\u00f6rg Schneider Titorelli. Als Frau des\nGerichtsdieners, Leni und buckliges M\u00e4dchen spielt Ilse Eerens, Anke Vondung\nals Frau Grubach. Als Kanzleidirektor und Onkel Albert wirkt Tilmann R\u00f6nnebeck.\nAlexander H\u00fcttner, Martin Kiener und Daniel Gutmann schlie\u00dflich sind die drei\nHerren und die drei jungen Leute, ersterer zudem ein Bursche.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesem Prozesses, den Kafka in Worte fasste und Einem in\nT\u00f6ne setzte, l\u00e4uft es einem eiskalt den R\u00fccken runter. Das Geschehen wirkt surreal,\nund doch wissen wir, dass es hundert- und tausendfach so \u00e4hnlich abgelaufen\nist. Wenn wir die Geschichte von Josef K. h\u00f6ren, der aus heiterem Himmel\nverhaftet und schlie\u00dflich zum Tode verurteilt wird, denken wir sogleich an das\nHitlerregime oder an Stalins Schreckensherrschaft; Kafka hat beide nicht mehr\nmiterlebt, was die universelle Aussagekraft und den sich auf unterschiedlichste\nArt und Weise wiederholenden Terror vor Augen f\u00fchrt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Als Josef K. von seiner Verhaftung erf\u00e4hrt, wei\u00df er um seine\nUnschuld, beziehungsweise, kann sich nicht einmal einen Grund f\u00fcr die\nGefangenname ausmalen. Doch nach und nach entdeckt er, dass scheinbar alle in\nirgendeiner Weise in Kontakt mit dem Gericht stehen und die Aussichten f\u00fcr eine\nFreisprechung immer weiter schwinden. Ohne es zu wissen, treibt er mit seinem \u2013\nin keiner Weise verwerflichen \u2013 Handeln den Prozess immer weiter voran, die\nMeinungen \u00fcber seine Schuld und den Ausgang der Verhandlung werden immer\nd\u00fcsterer und der Schuldspruch immer unausweichlicher. Schlie\u00dflich ist Josef K.\nselbst von seiner Schuld \u00fcberzeugt, nimmt das Todesurteil regungslos an und\nspricht sogar nachsichtig: \u201eDie Herren werden schwere Arbeit haben\u201c. Besonders\nschaurig wirkt die ganze Geschichte, da eine b\u00fcrokratische Ausdruckslosigkeit\nbei vollendeter H\u00f6flichkeit nie durchbrochen wird, was eine Aura der pedantischen\nRichtigkeit vorgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Prozess\u201c betont die detaillierte Schilderung der\nHandlung und besitzt ein umfangreiches Libretto, geschrieben von Boris Blacher\nund Heinz von Cramer. In Folge dessen nimmt Einem den Gesang zur\u00fcck zu einem\nParlandostil, der in Nachfolge zu den sp\u00e4ten Straussopern und einigen Beitr\u00e4gen\nvon Emil Nikolaus von Reznicek (Benzin, Spiel oder Ernst?) noch mehr einen\nreinen Sprechgesang in den Vordergrund stellt. Die so entstehende\nGleichf\u00f6rmigkeit unterstreicht das B\u00fcrokratische, welches so wesentlich f\u00fcr\ndiese Oper ist. Gottfried von Einem legte dennoch schon bei der Urauff\u00fchrung\ngro\u00dfen Wert auf Starbesetzung. Umso expressiver gestaltete er das Orchester,\nwelches in fadenscheiniger Beschwingtheit, d\u00e4monischem Tanz und offen sarkastischer\nHeiterkeit immer weiter in die Tiefe treibt. Drohende Fratzen durchziehen\nglei\u00dfend die Musik, es herrscht ein stetes Gef\u00fchl der Bedrohung vor. Dabei\nwechselt Einem rasch die orchestralen Klangfarben und Stimmungen sowie die\nverwendeten Stilmittel von tonal bis modern, stellt sogar eine f\u00fcr ihn sonst\nun\u00fcbliche Zw\u00f6lftonreihe an den Beginn, die jedoch vor allem als umspielte\nabsteigende Linie in Erscheinung tritt und nicht als thematisches Material\nVerwendung findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darbietung \u00fcberzeugt durchweg sowohl von der\ns\u00e4ngerischen als auch der orchestralen Leistung. Die S\u00e4nger behalten eine\nstimmige Distanz bis zu einer Neutralit\u00e4t, die aber ebenso gew\u00fcnscht ist in\ndieser Musik. Die langsame Metamorphose von Josef K. bis zu seinem\nSchuldbekenntnis setzt Michael Laurenz pr\u00e4zise und sogar gewisserma\u00dfen\neinf\u00fchlsam um, was seine Rolle sich vom b\u00fcrokratischen Umfeld absetzen l\u00e4sst.\nMit expressiver Kraft befeuert HK Gruber das Vienna Radio Symphony Orchestra\nund treibt es so intensiven H\u00f6chstleistungen an, unnachgiebig im Ausdruck und\nder Wechselhaftigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nDezember 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C5358; EAN: 8 45221 05358 5 Wir erleben Gottfried von Einems Oper \u201eDer Prozess\u201c in einer Darbietung mit dem ORF Vienna Symphony Orchestra unter HK Gruber. 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