{"id":3637,"date":"2020-01-03T22:47:18","date_gmt":"2020-01-03T21:47:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3637"},"modified":"2020-01-03T22:47:26","modified_gmt":"2020-01-03T21:47:26","slug":"weinberg-und-die-floete","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/01\/03\/weinberg-und-die-floete\/","title":{"rendered":"Weinberg und die Fl\u00f6te"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.573931; EAN: 7 47313 39317 6<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"297\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0177.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3638\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0177.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0177-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Zum\nEnde des Weinbergjahrs anl\u00e4sslich dessen 100. Geburtstag beschenken uns die\nFl\u00f6tistin Claudia Stein gemeinsam mit dem Szczecin Philharmonic Orchestra unter\nDavid Robert Coleman und der Pianistin Elisaveta Blumina mit einer CD, auf der\nwir Mieczys\u0142aw Weinbergs beiden Fl\u00f6tenkonzerte h\u00f6ren, die 12 St\u00fccke f\u00fcr Fl\u00f6te\nund Orchester und die 5 St\u00fccke f\u00fcr Fl\u00f6te und Klavier.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer h\u00e4tte das gedacht, dass Mieczys\u0142aw\nWeinberg zu seinem 100. Geburtstag international so viel gefeiert wird?\nGelangte er schlie\u00dflich zu Lebzeiten nie zu anhaltender oder \u00fcberlokaler\nBekanntheit. Schicksalsschl\u00e4ge begleiteten den in Warschau geborenen\nKomponisten, dessen Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde, der\nunter Stalin verhaftet wurde und gegen Ende seines Lebens vollkommen verarmte.\nMusikalisch spiegelt sich dies gerade in den sp\u00e4ten Werken in Form einer inneren\nNiedergeschlagenheit und Fahlheit, die bedr\u00fccken und entr\u00fccken. Weinbergs Musik\nhat die immense Macht, den H\u00f6rer unmittelbar anzusprechen und dort zu treffen,\nwo es ber\u00fchrt. Wie viele Komponisten dieses Kreises orientierte sich auch\nWeinberg an der Musik seines langj\u00e4hrigen Freundes und Seelenverwandten\nSchostakowitsch, dessen rhythmische Aufw\u00fchlung und dessen dr\u00e4ngender Zug nach\nvorne er allerdings nicht \u00fcbernahm, sondern vom Jetztgef\u00fchl ausstrahlendere\nSph\u00e4ren und statischere Kantilenen bevorzugte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fl\u00f6te als Hauptinstrument widmete sich\nWeinberg erstmals 1947 mit 12 Miniaturen und 5 St\u00fccken f\u00fcr Klavier. Die 5\nSt\u00fccke bestehen aus drei \u201eT\u00e4nzen\u201c, einer einleitenden \u201eLandschaft\u201c und einer \u201eMelodie\u201c,\nkulminieren vor allem im zweiten Tanz. Die 12 Miniaturen arbeitete Weinberg\n1987 f\u00fcr Streichorchester um und betitelte sie nun ebenfalls als \u201eSt\u00fccke\u201c. Hier\nlotet der Komponist die Wechselwirkung zwischen Solist und Orchester (Klavier)\naus, l\u00e4sst beispielsweise in der er\u00f6ffnenden Improvisation das Orchester nur\nf\u00fcr den Schlussakkord antreten, \u00fcberl\u00e4sst daf\u00fcr in anderen der St\u00fccken dem\nOrchester die Hauptaufgabe. Auf kurzem Raum werden hier verschiedene\nCharaktere, M\u00f6glichkeiten und Grenzen spielerisch erkundet, zumeist in (f\u00fcr\nWeinberg erstaunlich) heiteren Wesensz\u00fcgen. Auch das Erste Fl\u00f6tenkonzert von\n1961 greift diese Ausgelassenheit auf und sprudelt in den Rands\u00e4ten\n\u00fcbersch\u00e4umend vor sich hin, w\u00e4hrend das Largo \u00fcber das restliche Geschehen\nreflektiert. Das Zweite Fl\u00f6tenkonzert hingegen ist gezeichnet von Weinbergs\nsp\u00e4tem und zerm\u00fcrbtem Stil: Resigniert hallt eine l\u00e4ngst vergangene Zeit nach\nund l\u00e4sst kurze Ausbr\u00fcche als Farce erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Feinf\u00fchlig geht die Fl\u00f6tistin Claudia Stein\nan die unterschiedlichen Werke Weinbergs heran, entlockt ihrem Instrument\nklagende T\u00f6ne und aufm\u00fcpfige Weisen, kann aber gleichsam auch heiter parlieren.\nAuf das oft nur zum Streichorchester zusammengestauchte Orchester geht sie in\nspielerischer Selbstverst\u00e4ndlichkeit ein und mischt ihren Klang mit den T\u00f6nen\nder Streicher. Schwieriger erweist sich das Zusammenspiel mit Elisaveta\nBlumina, die sich dynamisch zur\u00fcckh\u00e4lt und die rechte Hand derart verblassen\nl\u00e4sst, dass der Fl\u00f6te die Tragfl\u00e4che fehlt. Die dagegen markanten Bassnoten wirken\nwie fehl am Platz, beziehungslos in den Raum gestellt. Die Idee Bluminas ist\neigentlich richtig, die Fl\u00f6te nicht \u00fcbert\u00f6nen zu wollen und folglich nicht zu\nlaut in ihr Register hineinzuspielen \u2013 leider \u00fcbertreibt sie damit. <\/p>\n\n\n\n<p>Ins Ohr sticht vor allem das beherzte Dirigat von David Robert Coleman, der mit unvergleichlicher Handschrift den Orchesterklang signiert. Dies fiel mir bereits auf, als ich ihn live mit Oper \u201eAn allem ist H\u00fctchen Schuld!\u201c von Siegfried Wagner h\u00f6rte [<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/08\/15\/ein-kobold-in-bayreuth\/\">hier zur Rezension<\/a>], nun erkenne ich diesen Stil auf vorliegender CD wieder. Coleman zeichnet sich aus durch volumin\u00f6ses und strahlendes Spiel, das sogar die Fahlheit des sp\u00e4ten Weinbergs auszugleichen vermag: Akkorde erhalten unter seiner Stabf\u00fchrung ein nachklingendes Portato, das aus dem Kern des Klangs ausstrahlt, Melodielinien verfolgt er energetisch und bringt sie zu vollendeter Ausgewogenheit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.573931; EAN: 7 47313 39317 6 Zum Ende des Weinbergjahrs anl\u00e4sslich dessen 100. 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