{"id":3644,"date":"2020-01-08T10:36:23","date_gmt":"2020-01-08T09:36:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3644"},"modified":"2020-01-08T10:36:28","modified_gmt":"2020-01-08T09:36:28","slug":"ein-fehlendes-verbindungsglied","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/01\/08\/ein-fehlendes-verbindungsglied\/","title":{"rendered":"Ein fehlendes Verbindungsglied"},"content":{"rendered":"\n<p>Musik Dabringhaus und Grimm, MDG 901 2133-6; EAN: 7 60623 21336 1<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0179.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3645\" width=\"311\" height=\"311\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0179.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0179-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0179-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 311px) 100vw, 311px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Christoph-Mathias\nMueller entdeckt gemeinsam mit dem BBC National Orchestra of Wales\nOrchesterwerke des Komponisten Alexander Weprik. Auf dem Programm stehen die\nT\u00e4nze und Lieder des Ghettos op. 12, die Zwei symphonischen Lieder op. 20, F\u00fcnf\nkleine St\u00fccke f\u00fcr Orchester, Pastorale und die sp\u00e4ten Zwei Poeme f\u00fcr Orchester.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Weprik z\u00e4hlte als einer der f\u00fchrenden Komponisten\nder Sowjetunion, wurde allerdings aufgrund seiner j\u00fcdischen Abstammung immer\nweiter bedr\u00e4ngt und schlie\u00dflich inhaftiert; als gebrochener Mann kehrte er nach\nStalins Tod aus dem Gulag zur\u00fcck, erlag wenige Jahre sp\u00e4ter einem Herzleiden.\nGeboren wurde er 1899 in Balta, wuchs in Warschau auf und \u00fcbersiedelte dann mit\nder Mutter aus Angst vor antisemitischen \u00dcbergriffen nach Leipzig, wo er\nKlavier bei Karl Wendling studierte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zog\nWeprik zur\u00fcck nach Russland, beendete sein Klavierstudium bei Dubassow und\nbegann, bei Alexander Schitomirski Komposition zu studieren, schloss 1923 bei\nMjaskowski ab. Im gleichen Jahr wurde er zum Dozent berufen und etablierte sich\nschnell als einer der f\u00fchrenden Lehrer f\u00fcr Instrumentation, erhielt schlie\u00dflich\nden Posten als Dekan. Wepriks Musik wurde in den 1920er-Jahren international\nbekannt und von Dirigenten wie Scherchen und Toscanini aufgef\u00fchrt. Zu dieser\nZeit reiste er selbst viel durch Europa und versuchte, eine kulturelle\nZusammenarbeit vor allem zu Deutschland, \u00d6sterreich und auch Frankreich zu\netablieren. Besonders setzte Weprik sich f\u00fcr die j\u00fcdische Musik ein, dessen\nCharakteristika er \u2013 selbst in Zeiten, wo dies heikel wurde \u2013 als Grundsprache\nseiner Kompositionen verwendete.<\/p>\n\n\n\n<p>Stilistisch ordnet sich die Musik Alexander Wepriks\noffenkundig in die russische Tradition des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts ein.\nM\u00f6glicherweise k\u00f6nnte man ihn als eine Art fehlendes Verbindungsglied ansehen\nzwischen der russischen Schule des 19. Jahrhunderts von u.a. Mussorgski und\nRimski-Korsakov zu den fr\u00fchen Modernen, namentlich vor allem Schostakowitsch\nund Weinberg. Weprik offenbart in seinen Orchesterwerken eine besondere Liebe\nzum Melos, meist durchzogen von bitterer Melancholie und tiefem Weltschmerz.\nDieses Charakteristikum eint ihn mit Weinberg, sie beide ziehen ihre\nInspiration aus der j\u00fcdischen Musik. Weprik besitzt auch eine Vorliebe zu\nmilit\u00e4risch auftrumpfenden H\u00f6hepunkten (\u00e4hnlich zu Schostakowitsch) mit\nperkussiver Kraft, gest\u00fctzt von reichlich Schlagwerk und Blechbl\u00e4sern. Die\nfr\u00fcheren Werke Wepriks zerfasern teils formal noch zu kleineren Episoden, haben\ndennoch bereits die ureigene Handschrift des Komponisten inne. In der Pastorale\nund den Zwei Poemen gelingen ihm organischere \u00dcberg\u00e4nge, so dass eine frei\nflie\u00dfende und rhapsodische Form entsteht. In allen hier zu h\u00f6renden Werken\nblitzt die j\u00fcdische Musik mit ihren Modi und Rhythmen hervor, gepaart mit einer\nfeinen Sinnlichkeit und Empfindsamkeit. Die Musik besitzt eine Fragilit\u00e4t, \u00fcber\ndie manche H\u00f6hepunkte hinwegt\u00e4uschen wollen, die aber doch stets durchdringt.\nExtrem h\u00f6ren wir dies in der angsterf\u00fcllten Pastorale, anders geartet aber auch\nin den Zwei Poems, die Weprik nach seiner Gefangenschaft noch in symphonischem\nAusma\u00df komponierte: umso \u00fcberraschender, dass hier die Musik stellenweise gar\nsiegreich aufbegehrt und gewaltig expandiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wiederentdeckt wurde die Musik Wepriks erst durch Jascha\nNemtsov, der auch seine Klavier- und Kammermusik auf CD einspielte. Er sowie\ndie Expertin zu Musik im Gulag, Inna Klause, wirkten im umfangreichen und\nprofund informierenden Booklettext mit, der nicht nur Leben und Wirken von\nAlexander Weprik beleuchtet, sondern zudem einen Einblick ins kulturelle Leben\nder sowjetischen Gefangenenlager bietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das BBC National Orchestra of Wales stellt die Werke Wepriks\ntransparent und einf\u00fchlsam dar, geht unter F\u00fchrung von Christoph-Mathias\nMueller auf die d\u00fcster-tragische Stimmung ein, ohne in der Melancholie zu\nversinken. Besonders gelingt die Ausarbeitung der weitschweifenden Melodie und\ndes ewigen Flusses der Musik. In den episodenhafteren St\u00fccken versucht das\nOrchester nicht erst, \u00fcber die Br\u00fcche hinwegzuspielen, sondern nimmt die Musik\nin ihrer Beschaffenheit und pr\u00e4sentiert sie so dem H\u00f6rer. W\u00fcrdigung sollte vor\nallem auch die Leistung des Tonmeisters Friedrich Wilhelm R\u00f6dding erfahren, der\njedes Instrument mit seinen Klangeigenschaften perfekt darzustellen wei\u00df und\ndie Timbres einer jeden Gruppe hervorhebt, ohne dabei das Zusammenspiel als\nGesamtes zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nJanuar 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musik Dabringhaus und Grimm, MDG 901 2133-6; EAN: 7 60623 21336 1 Christoph-Mathias Mueller entdeckt gemeinsam mit dem BBC National Orchestra of Wales Orchesterwerke des Komponisten Alexander Weprik. 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