{"id":3652,"date":"2020-01-15T17:21:00","date_gmt":"2020-01-15T16:21:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3652"},"modified":"2020-01-19T20:52:21","modified_gmt":"2020-01-19T19:52:21","slug":"raus-aus-der-komfortzone-karina-cannelakis-verfolgte-in-hamburgs-elbphilharmonie-eine-klar-definierte-mission","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/01\/15\/raus-aus-der-komfortzone-karina-cannelakis-verfolgte-in-hamburgs-elbphilharmonie-eine-klar-definierte-mission\/","title":{"rendered":"Raus aus der Komfortzone: Karina Cannelakis verfolgte  in Hamburgs Elbphilharmonie eine klar definierte Mission"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Beethoven wollte aufbegehren und Grenzen sprengen. Der polnische Komponist Witold Lutoslawski h\u00f6rte seismografisch die Verwerfungen eines unruhigen Zeitalters, um sich in seinem viel zu selten gespielten Orchesterkonzert kraftvoll dar\u00fcber zu erheben. Die amerikanische Dirigentin Karina Cannelakis stand zum Ersten Mal in der Elbphilharmonie auf dem Dirigentenpult und zeigte sich selber \u00fcberw\u00e4ltigt von dieser Komposition. Emotionen, die sie ungefiltert ans hochmotivierte NDR-Sinfonieorchester und das Publikum in der Elbphilharmonie weitergab!<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"666\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/NDR-EO-scaled-e1578932817299-1024x666.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3654\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/NDR-EO-scaled-e1578932817299-1024x666.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/NDR-EO-scaled-e1578932817299-300x195.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/NDR-EO-scaled-e1578932817299-768x499.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/NDR-EO-scaled-e1578932817299-1536x998.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/NDR-EO-scaled-e1578932817299-2048x1331.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>NDR Sinfonieorchester &#8211; Foto: Nikolaj Lund | NDR<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Symboltr\u00e4chtig laufen solch verschiedene F\u00e4den in der\nHamburger Elbphilarmonie zusammen. Bemerkenswert beim Gastspiel mit der\nvielgefragten US-Dirigentin und einem bestens motivierten\nNDR-Sinfonieorchester: Das wohlfeile \u201eSandwich-Prinzip\u201c, bei dem die\nklassischen Werke die modernen Programmpunkte sicher \u201eumrahmen\u201c, ist an diesem\nMorgen umgedreht. Webern &#8211; zweimal Beethoven- schlie\u00dflich Lutoslawski&nbsp; &#8211; soll die Dramaturgie sein.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz unproblematisch ist diese Reihenfolge nicht: Zu\neinem sensiblen Drahtseilakt bei diesem Matineekonzert &#8211; dem zweiten Termin mit\ndiesem Programm &#8211; geraten Anton Weberns \u201eSechs St\u00fccke\u201c zu Beginn. Der wohl\npuristischste Vertreter der Zweiten Wiener Schule hat in radikaler Zuspitzung\ns\u00e4mtliche orchestralen Ausdrucksmittel aus jeder Weitschweifigkeit herausgel\u00f6st\nund komprimiert so etwas in hochverdichteten Miniaturen, die sich auch gerne\nmal in berstende Tutti-Ausbr\u00fcche hinein steigern. Karina Cannelakis Mission in\nder Elbphilharmonie ist klar definiert: Geht es doch darum, mit lebhafter\nGestik das Orchester vom ersten Ton an aus jeder Komfortzone heraus zu holen.\nDas gibt allerdings den Webernschen Klangskizzen eine gewisse \u00dcberspanntheit,\nwo mehr atmende Kontemplation und mehr Versenkung einen Zustand des Tastens und\nSuchens markiert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich Kammermusiker in Beethovens Tripel-Konzert Opus\n56 zur gemeinsamen \u201eSolistenrolle\u201c vor einem Orchester vereinen, kann, ja muss\neine intensive Interaktion die Folge sein. Christian Tetzlaff, Violine, seine\nSchwester Tanja Tetzlaff, Violoncello, und der Pianist Lars Vogt erweisen sich\nin der Elbphilharmonie als charaktervolle Protagonisten, bei denen die\npers\u00f6nliche Chemie noch mehr wiegt als die &#8211; sowieso vorhandene &#8211; spielerische\nWeltklasse. Karina Cannelakis schw\u00f6rt erstmal jeder Kraftstrotzerei am Dirigentenpult\nab, l\u00e4sst geschmeidige B\u00f6gen modellieren, was einer feingliedrigen\nDifferenzierung umso mehr Raum gibt. Das braucht es auch f\u00fcr die aspektreiche\nKonversation des Solisten-Dreigestirns mit allen Zwischent\u00f6nen und\nDoppelb\u00f6digkeiten. Christian Tetzlaff l\u00e4sst seine Violine in hohen Lagen\nleuchten und strahlen. Seine Partnerin am Cello bedient die Mittellage mit\nnobler Eleganz \u2013 und zwar ohne das Geschehen zu sehr an sich zu rei\u00dfen, was bei\nder Cellostimme in dieser Komposition naheliegend schiene. Lars Vogt am Fl\u00fcgel fokussiert\nsich darauf, die Musik dieses von nun an wohl pausenlos gefeierten Komponisten\nf\u00fcr die Gegenwart zu reflektieren. Erfrischend freigeistig und impulsiv, ja\nmanchmal fast aufr\u00fchrerisch sucht das Spiel von Lars Vogt nach \u00dcberraschungsmomenten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, dass nicht immer dann aufgeh\u00f6rt wird, wenn es am sch\u00f6nsten ist: Mit noch mehr beseelter W\u00e4rme geht es ohne Orchester weiter, um dem jubelnden Publikum mit dem Dritten Satz aus Dvoraks gef\u00fchlvollem Dumky-Trio eine Zugabe zu schenken.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Karina-Canellakis-\u00a9Mathias-Bothor-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3656\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Karina-Canellakis-\u00a9Mathias-Bothor-1-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Karina-Canellakis-\u00a9Mathias-Bothor-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Karina-Canellakis-\u00a9Mathias-Bothor-1-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Karina-Canellakis-\u00a9Mathias-Bothor-1-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Karina-Canellakis-\u00a9Mathias-Bothor-1-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Karina Cannelakis &#8211; Foto: Mathias Bothor<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dann wieder Beethoven: Messerscharf fokussiert sich eine\nnun verschlankte&nbsp; Orchesterbesetzung auf\ndie vergleichsweise selten zu h\u00f6rende \u201eOuvert\u00fcre zu Coriolan\u201c Opus 61. Fast\nphysisch sp\u00fcrbar sind die Crescendi, die aus dieser atmenden Pr\u00e4zision\nhervorgehen \u2013 so geht eine gelungene Symbiose aus Dirigent, Klangk\u00f6rper und\nAuff\u00fchrungsraum. Und ja: Eigentlich w\u00e4re diese Beethoven-Ouvert\u00fcre als\nbefl\u00fcgelndes Er\u00f6ffnungsst\u00fcck die perfekte Wahl gewesen. Das Programm komplett\nin einen klassischen Teil vor der Pause und einen modernen danach zu splitten,\nscheint jedoch nach wie vor ein Wagnis in Bezug auf das Publikumsverhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Witold Lutoslawkis \u201eKonzert f\u00fcr Orchester\u201c hei\u00dft so, weil\neben das Orchester zum kompromisslos expressiven Akteur wird. Von maximaler,\nschonungsloser Direktheit soll keine sinfonische Konvention ablenken, etwa in\nGestalt von ruhigen Mittels\u00e4tzen. Genau dies ist Sache von Karina Cannelakis:\nGleich zu Beginn fordert sie den NDR-Sinfonikern ein straffes Tempo ab. Das\ngibt der treibenden Rhythmik einen unerbittlichen Puls, l\u00e4sst Klangereignisse\naus allen Richtungen aufbliltzen, sorgt f\u00fcr perkussive Wucht und&nbsp; schneidende, manchmal collagenhafte\n\u00dcberg\u00e4nge. Plastisch verzahnt sind die Instrumentengruppen in den\nweitgespannten polyphonen Parts und die stampfenden tiefen Streicher im\nber\u00fchmten Hauptthema des ersten Satzes entfalten ihre hypnotisch-dunkle\nDramatik. Ber\u00fchmt ist das Thema, weil es als Titelmelodie f\u00fcr das altehrw\u00fcrdige\nZDF-Magazin vereinnahmt wurde und damit zweifellos das beste an dieser Sendung\nwar. Aber hier passiert mehr, viel mehr. Auch blitzen Strawinsky-Zitate auf in\ndieser aufregenden Gratwanderung zwischen osteurop\u00e4ischer Tonalit\u00e4t und fr\u00fcher\nModerne, zwischen sarkastischer Doppelb\u00f6digkeit und Pathos. Ebenso wie\nSchostakowitsch schuf auch Lutoslawski dieses Meisterwerk unter dem\nVerfolgungsdruck einer totalit\u00e4ren Zensurb\u00fcrokratie im Polen der 1950er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Karina Cannelakis und das Orchester halten den\nSpannungsbogen mit bezwingender Urgewalt durch &#8211; bevor dieser nach \u00fcber 30\nMinuten ebenso atemlos und abrupt endet, wie er begonnen hat. Die Zeitumst\u00fcnde\ndieser Komposition waren d\u00fcster. Geblieben ist gro\u00dfe Musik, die in der\nElbphilharmonie einmal dazu beitrug, sich lebendig zu f\u00fchlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beethoven wollte aufbegehren und Grenzen sprengen. Der polnische Komponist Witold Lutoslawski h\u00f6rte seismografisch die Verwerfungen eines unruhigen Zeitalters, um sich in seinem viel zu selten gespielten Orchesterkonzert kraftvoll dar\u00fcber zu erheben. 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