{"id":3661,"date":"2020-01-19T20:32:54","date_gmt":"2020-01-19T19:32:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3661"},"modified":"2020-01-19T20:51:51","modified_gmt":"2020-01-19T19:51:51","slug":"jede-variation-fuehrt-uns-eine-neue-facette-von-uns-selbst-vor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/01\/19\/jede-variation-fuehrt-uns-eine-neue-facette-von-uns-selbst-vor\/","title":{"rendered":"\u201eJede Variation f\u00fchrt uns eine neue Facette von uns selbst vor!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Aus Russland stammend, wurde die Pianistin Anna Kavalerova in Tel Aviv heimisch \u2013 heute sch\u00f6pft sie aus dem Leben in der vibrierenden Kulturmetropole viele k\u00fcnstlerische Anregungen. Ihr j\u00fcngstes Projekt wiederspiegelt eine k\u00fcnstlerische Haltung, in der die Ausforschung einer tiefen Wahrheit in der Musik mit pers\u00f6nlicher Selbsterkenntnis einher geht. Um verschiedene Aspekte von Variationen geht es auf der aktuellen CD: Robert Schumann unternimmt in seinen Sinfonischen Et\u00fcden opus 13 ausgedehnte Streifz\u00fcge durch die Gattungen der Musikhistorie. Sergej Rachmaninov mischt in seinen Variationen eines Corelli-Themas die harmonischen Farben, bis schlie\u00dflich ein jazz-affiner Tonfall heraus kommt. Ein Thema, dass sich in zahllosen Variationen immer wieder neu erfindet, steht f\u00fcr Anna Kavalerova symbolisch f\u00fcr die Kunst des Sich-selbst-neu-erfindens. Im letzten Programmpunkt erweist sie sich als ungemein stilsicher aufspielende Jazzpianistin \u2013 auch, wenn Nikolai Kapustin in seinen Variationen opus 41 alles bis zur letzten Note durchkomponiert hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Stefan Pieper<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0182.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3664\" width=\"312\" height=\"280\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0182.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/N0182-300x270.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 312px) 100vw, 312px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Warum haben Sie gerade diese Werke auf Ihrer neuen CD\nvereint?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Robert Schumanns Sinfonische Etuden und\nRachmaninows Variationen \u00fcber ein Thema von Corelli miteinander kombiniert,\nweil ich diese St\u00fccke endlich einmal aufnehmen wollte, nachdem ich sie schon\noft im Konzert gespielt hatte. Es war aber eine Riesen-Herausforderung, diese\nvielen St\u00fccke auf eine CD zu bringen. Es sind ja komplexe Werkzyklen voller\nGegens\u00e4tze. Vor allem zwischen Schumanns Sinfonischen \u00c9tuden und Rachmaninoffs\nVariationen gibt es einen gro\u00dfen Unterschied vom Konzept her. Daraus einen\neinheitlichen Spannungsbogen f\u00fcr eine Aufnahme zu kreieren, war schon ein\nkolossales Unterfangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sollen Nikolai Kapustins Variationen opus 41 einen\nbewussten Kontrast setzen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kapustins jazziges St\u00fcck dient tats\u00e4chlich dazu, den H\u00f6rer\nin beschwingter Leichtigkeit zu entlassen. Aber trotzdem sehe ich auch eine\nstarke Gemeinsamkeit bei diesen Programmpunkten: In allen drei F\u00e4llen\nbegeisterte es mich, wie wundervoll diese Tonsch\u00f6pfer mit dem Material\narbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie Ihr Anliegen im allgemeinen auf den Punkt\nbringen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wichtig, als Musiker etwas f\u00fcr sich zu gewinnen &#8211;\nebenso, dem Publikum etwas zu vermitteln. Ich m\u00f6chte auf jeden Fall immer diese\nKomponenten miteinander verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was reizt Sie am Prinzip der Variation?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Variationen waren und sind ein beliebtes und vielseitiges Feld f\u00fcr Komponisten. Sie offenbaren so eine gro\u00dfe Vielfalt. Jeder Zyklus hat seine spezifischen Herausforderungen. Mich reizt vor allem dieser Freiraum, der weit \u00fcber den rigiden Rahmen der Sonatenform hinaus geht. Eine Sonate hat eine klar definierte Gestalt. In Variationen haben Komponisten gerne solche Grenzen \u00fcberschritten. Daraus einen Spannungsbogen zu schaffen, ist f\u00fcr jeden Interpreten eine gro\u00dfe Herausforderung. Da jede Variation naturgem\u00e4\u00df sehr kurz ausf\u00e4llt, ist das komponierte Material in der Regel extrem komprimiert. Aus der K\u00fcrze und Pluralit\u00e4t ein gro\u00dfes Ganzes zu erzeugen, ist ein spannendes Unterfangen, das mich sehr fasziniert hat. Vor allem der Aspekt von Entwicklung spielt eine gro\u00dfe Rolle. Umso mehr, weil die Musik immer wieder zum Ausgangsmaterial zur\u00fcck kehrt, das immer pr\u00e4sent bleibt. Das ber\u00fchrt bei mir tief pers\u00f6nliche Gedanken. Denn es zeigt etwas von unserem Wesenskern, der immer da ist, aber der sich trotzdem aufs neue entfaltet. Jede Variation er\u00f6ffnet eine neue Facette von uns selbst und f\u00fchrt symbolisch vor, dass wir am Leben sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Anna Kavalerova | Themes and Variations\" width=\"604\" height=\"340\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/hxRPymW9hNA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Das ist eine interessante Ausweitung ins Philosophische. Was f\u00fcr Aspekte sprechen Sie bei Schumann und Rachmaninoff besonders an?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schumanns \u201eSinfonische Et\u00fcden\u201c sind tief pers\u00f6nlich gepr\u00e4gt, wenn sie vor allem die erwachte Liebe zu seine k\u00fcnftigen Frau Clara abbilden. Alles f\u00fchrt vom Dunkel ins Licht hinein. Das erste Thema ganz zu Beginn ist ein Trauermarsch. Die ersten sechs Variationen machen dann in&nbsp; Molltonarten weiter, danach wechselt es ins Dur und alles geht bergauf. Verschiedene Instrumente werden imaginiert, Holz- und Blasinstrumente imitiert und es folgen Zitate aus dem Mendelssohn-Konzert, sp\u00e4ter dann aus dem Capriccio von Paganini. Auch kommen viele verschiedene Stile ins Spiel: Ein Menuett, ein Walzer, ein Intermezzo im spanischen Stil sowie osteurop\u00e4ische Elemente. Das Finale am Ende der Variationen wirkt schlie\u00dflich wie ein Triumphzug. Schumann hat diese Musik in der Jugend geschrieben, das merkt man. Es ist manchmal wie Karneval. Da ist pure Lebensfreude.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche andere Perspektive nehmen Rachmaninoffs\nVariationen ein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rachmannoffs Variationen bilden die unruhige Entwicklung der menschlichen Zivilsation im fr\u00fchen 20. Jahrhundert mit seinen Weltkatastrophen ab. Musikalisch kommt alles aus der Vergangenheit: Es \u00fcberwiegen klassische Harmonien und alles ist \u2013 v\u00f6llig losgel\u00f6st von der erwachenden Avantgarde &#8211;&nbsp; sehr konservativ. Emotional und atmosph\u00e4risch ist diese Musik auf der H\u00f6he der Zeit und&nbsp; wiederspiegelt eine gewisse D\u00fcsternis, die aus der russischen Revolution und sp\u00e4ter vom zweiten Weltkrieg her r\u00fchrt. Man h\u00f6rt in dieser Musik, dass durch die Trag\u00f6dien der Gegenwart gerade eine Welt zusammen bricht. Wir sp\u00fcren in dieser Musik, dass eine Entwicklungslinie, die von der Klassik her kam, endg\u00fcltig zerbrochen ist. Man kann es vielleicht mit \u201eLa Valse\u201c von Maurice Ravel vergleichen, wie hier R\u00fcckschau gehalten wird aus einem Blickwinkel, der immer ironischer wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gleich mehrere Variationenzyklen in einem Programm \u2013 eine\ngr\u00f6\u00dfere pianistische Vielfalt l\u00e4sst sich vermutlich kaum auf einer CD vereinen.\nWollten sie mit diesem Programm ganz bewusst m\u00f6glichst viel von sich selber\nzeigen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Arbeit an jedem St\u00fcck reflektiere ich spezifische\nAspekte von mir selbst. Das macht ja auch den Reiz an meinem Beruf aus. Musik\nmachen ist ein immerw\u00e4hrendes Suchen. Eine konstante Wahrheit gibt es ja\nsowieso nicht. Pianistin zu sein, hilft ja auch, sich immer wieder neu zu\nerfinden. Was den einen Tag das wahre, richtige war, kann ja eine Woche danach\nschon etwas ganz anderes sein. Und es geht ja auch nicht immer in eine\nRichtung. Das Leben hat H\u00f6hen und Tiefen, auch das geh\u00f6rt dazu. Als Musikerin\nversuche ich, immer wieder nach etwas Neuem, vielleicht Besseren in meinem\nLeben zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das schlie\u00dft bei Ihnen dann sogar ein, auch mal in die\nRolle einer brillanten Jazzpianistin zu schl\u00fcpfen. Wie Sie hier die Variationen\nvon Nikolai Kapustin spielen, h\u00e4lt dies jedem Vergleich mit improvisierenden\nJazzern stand. Ihr Spiel hat Swing. Viele Klassik-Musiker scheitern daran, wenn\nsie sich auf solch ein Terrain begegeben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr das Kompliment! Es ist sch\u00f6n, wenn Sie das \u00fcberrascht hat. Das war gewisserma\u00dfen die Idee. Denn niemand, der den Titel \u201eVariationen plus\u201c liest, erwartet diesen Effekt beim H\u00f6ren der CD. Aber hinter dem, was hier so leicht und improvisiert wirkt, steckt extrem viel harte Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie vorher schon mal Jazz gespielt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein! Und das Kapustin-St\u00fcck ist ja im Kern \u00fcberhaupt kein\nJazz. Der Komponist hat hier alles bis auf den letzten Ton und aufs letzte\nDetail schriftlich fixiert, auch wenn er die Tonsprache und die Harmonien des\nJazz nutzte. Es kommt hier darauf an, den Vibe und die Emotion zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nochmal kurz zu Ihrer heutigen Situation. Was hat Sie\neigentlich nach Israel verschlagen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich folgte meinem Lehrer Emanuel Krasowsky nach Israel und habe hier drei Jahre lang auf meinen Master-Abschluss hin gearbeitet. Mittlerweile lebe ich seit sieben Jahren in Israel und es ist der ideale Lebensmittelpunkt &#8211; vor allem in k\u00fcnstlerischer Hinsicht! Mir gefallen hier vor allem die vielen Musikfestivals und der rege Austausch. Es gibt hier so viele Musiker, Konzerte und Festivals. Ich spiele sehr viel Kammermusik. Diese immense Dichte h\u00e4lt mich auf Trab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist anders als in Russland?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Mentalit\u00e4t. Es herrscht eine gro\u00dfe Offenheit. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Land von Einwanderern aufgebaut worden ist. Jeder, der hier heute lebt, hat Vorfahren, die Einwanderer waren. Und es ist ein kleines Land. Entsprechend \u00fcberschaubar und transparent ist der Berufsmarkt f\u00fcr Musiker. Jeder kennt jeden, das macht die Vernetzung einfach.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist die sprichw\u00f6rtlich strenge \u201eRussische Klavierschule\u201c,\ndie Sie sicherlich in Ihrer Jugend durchlaufen haben, heute noch ein Kapital?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr f\u00fcr diese Grundausbildung dankbar, denn sie ist\nein Fundament f\u00fcr alles. Mein gesamter Werdegang ist aber erst durch eine gro\u00dfe\nVielfalt in meinem Leben zu dem geworden, was er heute ist. Es ist wichtig,\nverschiedene Orte, Erfahrungen, Kulturen, Traditionen zu einem gro\u00dfen Ganzen zu\nvereinen und daran zu wachsen. Erst dann wird man flexibel und kann sich immer\nweiter entwickeln. Das Leben ist ein lebenslanger Prozess, eine endlose Suche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Russland stammend, wurde die Pianistin Anna Kavalerova in Tel Aviv heimisch \u2013 heute sch\u00f6pft sie aus dem Leben in der vibrierenden Kulturmetropole viele k\u00fcnstlerische Anregungen. Ihr j\u00fcngstes Projekt wiederspiegelt eine k\u00fcnstlerische Haltung, in der die Ausforschung einer tiefen Wahrheit in der Musik mit pers\u00f6nlicher Selbsterkenntnis einher geht. 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