{"id":3691,"date":"2020-02-04T09:36:00","date_gmt":"2020-02-04T08:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3691"},"modified":"2020-02-05T09:38:59","modified_gmt":"2020-02-05T08:38:59","slug":"chopins-sperrige-sonate","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/02\/04\/chopins-sperrige-sonate\/","title":{"rendered":"Chopins sperrige Sonate"},"content":{"rendered":"\n<p>Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, MDG 947 2088-6; EAN:\n7 60623 20886 2<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0187.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3692\" width=\"337\" height=\"337\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0187.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0187-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0187-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die in Shanghai\ngeborene Pianistin Jin Ju spielt sp\u00e4te Klavierwerke von Chopin auf dem historischen\nSteinway Concert Grand Piano D \u201eManfred B\u00fcrki\u201c aus dem Jahr 1901, der im Besitz\nder Musikproduktion Dabringhaus und Grimm ist. Im Zentrum der Aufnahme steht\ndie Dritte Klaviersonate op. 58 in h-Moll, es folgen die Berceuse op. 57 und\ndie drei Walzer op. 64. Sp\u00e4ter h\u00f6ren wir noch Mazurken opp. 56, 63, 67 und 67\nsowie die Mazurka f-Moll. Abgerundet wird das Programm durch das Largo der\nCellosonate in einem Arrangement des Pianisten Alfred Cortot.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Musikproduktion Dabringhaus und Grimm hat ein besonderes\nFaible f\u00fcr sinnlichen Klang, so dass es t\u00f6nt, als s\u00e4\u00dfe man auf den besten\nPl\u00e4tzen eines Konzerthauses mit brillanter Akustik. Nicht nur, dass das Label\nvor den meisten anderen vollst\u00e4ndig auf SACDs setzte und ein 2+2+2 Recording\nentwickelte, es sucht auch f\u00fcr jede Aufnahme individuell passende\nR\u00e4umlichkeiten aus, und: besitzt einen eigenen historischen Konzertfl\u00fcgel der\nMarke Steinway aus dem Jahr 1901. Die Geschichte des heute wohl ber\u00fchmtesten\nFl\u00fcgel-Typus D-274 begann 1884; um die Jahrhundertwende erlebte dieses\nInstrument seinen gro\u00dfen Aufschwung, so dass 1903 um die 100.000 Fl\u00fcgel der\nMarke Steinway &amp; Sons produziert wurden. Der hier verwendete Fl\u00fcgel stammt\nalso genau aus dieser Zeit, wo der Fl\u00fcgel seine bis heute kaum ver\u00e4nderte\nBauweise erhielt. Er besitzt bereits den brillanten und mechanisch luziden\nKlang der heutigen Steinway-Instrumente, besticht durch f\u00fcr das Baujahr\nerstaunliche Gleichm\u00e4\u00dfigkeit und verstr\u00f6mt doch eine gewisse warme Note, die\neine besondere Aura verstr\u00f6mt.<\/p>\n\n\n\n<p>Chopin starb vier Jahre vor Gr\u00fcndung des Unternehmens\nSteinway &amp; Sons, er spielte vorzugsweise auf Instrumenten der Manufaktur\nPleyel, genauer gesagt auf Fl\u00fcgeln des Sohns Camille Pleyel: Diese\nHammerklaviere besa\u00dfen mehr Volumen als die Instrumente des Vaters Ignaz,\nhatten sonore B\u00e4sse und singende H\u00f6hen, die eine besondere Cantabile-Qualit\u00e4t\neiner jeden Melodie erm\u00f6glicht haben und so genau auf die Kompositionen dieser\nZeit abgestimmt waren. Dies gilt noch immer als Klangideal f\u00fcr Chopin und l\u00e4sst\nsich freilich durch pianistisches Feingef\u00fchl auch auf sp\u00e4tere Klaviere\n\u00fcbertragen, verlangt aber einen feinen Sinn f\u00fcr orchestralen Klang und farbenreichen\nAnschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Hauptwerk der vorliegenden Aufnahme w\u00e4hlte sich die\nPianistin Jin Ju das wohl sperrigste und undurchdringbarste Werk Chopins aus:\ndie 1844 entstandene Dritte Klaviersonate op. 58 in der Tonart h-Moll. Trotz\nh\u00f6chster Virtuosit\u00e4t distanziert sich das Werk von jeder Oberfl\u00e4chlichkeit oder\ngar Gef\u00e4lligkeit, spart auch f\u00fcr den Pianisten an Vortragsbezeichnungen und\nbleibt in einer nachdenklichen, beinahe gr\u00fcblerischen Stimmung. Die \u00fcberlangen\nFormen evozieren eine Zeitlosigkeit, die sich besonders im nocturneartigen\nLargo vollst\u00e4ndige vom Jetztgef\u00fchl losl\u00f6st. Der Kopfsatz beh\u00e4lt zwar die\nGrundz\u00fcge einer Sonatenform, allerdings mit verschwenderischer Vielfalt an\nThemen und Einf\u00e4llen, die mehr wie ein Potpourri denn wie eine geschlossene\nForm wirken. Das lospreschende Scherzo wird sogleich vom Trio gebremst und nur\ndas Presto-Finale bleibt wirklich nachhaltig im Ohr. Jin Ju geht mit Distanz an\ndieses Werk heran, bewahrt sich so im Vorhinein davor, sich in die einzelnen\nMomente zu vertr\u00e4umen. Mit gleichm\u00e4\u00dfigem und brillierendem Spiel meistert sie\ndie wahnwitzigen Virtuosit\u00e4ten und bereitet vor allem dem Scherzo eine\ndiabolische Note. Im Kopfsatz offenbart sie Feingef\u00fchl im Umgang mit zarten\nMotiven und einzelnen Stimmungen, kann allerdings keine formale Geschlossenheit\nerzielen \u2013 sp\u00e4testens durch die meines Erachtens unn\u00f6tige Wiederholung verliert\ndie Form ihre Kontur. Das Largo wird zum H\u00f6hepunkt Jin Jus Darbietung, subtil\nbringt sie die Zeit zum Stillstand. Vom Presto non tanto w\u00fcrde ich gerne mehr\nvom vorgeschriebenen Agitato h\u00f6ren, diese nach vorne dr\u00e4ngende Aufgew\u00fchltheit.\nStatt dessen interpretiert Ju den Satz als t\u00e4nzerisches und die Statik des\nLargos reflektierendes St\u00fcck, das mehr im Hier und Jetzt bleibt, als\nvoranzutreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Walzern und Mazurken gelingt mehr die formale\nGeschlossenheit auch im energetischen Sinne, hier \u00fcberzeugt Jin Ju durch feines\nund zu keiner Zeit \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Rubato, das der Musik je angepasst erscheint,\nsowie durch sachlichen Anschlag, der nur in besonderen Momenten sinnlich wird, nur\num dann umso \u00fcberw\u00e4ltigender zu wirken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nFebruar 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, MDG 947 2088-6; EAN: 7 60623 20886 2 Die in Shanghai geborene Pianistin Jin Ju spielt sp\u00e4te Klavierwerke von Chopin auf dem historischen Steinway Concert Grand Piano D \u201eManfred B\u00fcrki\u201c aus dem Jahr 1901, der im Besitz der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm ist. 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