{"id":3694,"date":"2020-02-07T21:02:03","date_gmt":"2020-02-07T20:02:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3694"},"modified":"2020-02-07T21:02:06","modified_gmt":"2020-02-07T20:02:06","slug":"geschichten-eines-engels","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/02\/07\/geschichten-eines-engels\/","title":{"rendered":"Geschichten eines Engels"},"content":{"rendered":"\n<p>Rubicon, RCD1041; EAN: 5 065002 149404<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0188-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3695\" width=\"337\" height=\"337\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0188-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0188-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0188-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0188-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0188.jpg 1032w\" sizes=\"(max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Gambistin Johanna\nRose stellt uns gemeinsam mit Josep Maria Mart\u00ed Duran und Javier N\u00fa\u00f1es vierzehn St\u00fccke aus den f\u00fcnf B\u00fcchern \u201ePi\u00e8ces de viole\u201c von Marin\nMarais vor. Unterbrochen werden sie von einer Passacaille aus der Feder Robert\nde Vis\u00e9es, Passacaille ou Chaconne von Fran\u00e7ois Couperin und von Jean-Philippe\nRameaus La Marais: Rondement.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod Lullys brachte den sich bereits l\u00e4ngere Zeit\nunterschwellig anbahnenden Konflikt zwischen dem traditionell franz\u00f6sischen\nStil und Einfl\u00fcssen des affektgeladeneren italienischen Stils an die\n\u00d6ffentlichkeit und es herrschte beinahe etwas wie ein \u201eMusikkrieg\u201c. Gewinnen\nsollten schlie\u00dflich die Vertreter der fortschrittlicheren italienischen Schule\nmit ihrer differenzierteren Harmonik, Virtuosit\u00e4ten und Sentimentalit\u00e4ten. Wie\nein Fels in der Brandung stand Marin Marais als einer der letzten Vertreter der\nfranz\u00f6sischen Tradition da und verbot sogar seinen Sch\u00fclern, italienisch\nangehauchte Musik zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren 1656 als Sohn eines Schuhmachers, begann Marin\nMarais seine Karriere als Chorknabe und wechselte w\u00e4hrend seines Stimmbruchs\nzur Gambe. Schnell kam er zu Monsieur de Sainte-Colombe, einem der gefragtesten\nGambisten seiner Zeit, der Marais aber schon nach einem halben Jahr nichts mehr\nbeibringen konnte \u2013 oder wollte. Doch Marais schlich sich heimlich ins Haus des\nMeisters und h\u00f6rte ihm all die feinen Tricks und Kniffe ab, die sein eigenes\nSpiel auszeichnen sollten. Jean-Baptiste Lully wurde auf ihn aufmerksam und\nnahm ihn in sein Ensemble auf, wo er oftmals f\u00fcr K\u00f6nig Ludwig XVI spielte und\nan Lullys Opern mitwirkte. Gegen Ende seines Lebens zog Marais sich zur\u00fcck, der\nitalienische Stil hatte sich bereits durchgesetzt. Postum ehrte Hubert Le Blanc\nihn, indem er schrieb, sein Spiel gliche dem eines Engels.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik Marais\u2018 besticht durch Schlichtheit und Klarheit,\n\u00fcberm\u00e4\u00dfige Virtuosit\u00e4t und oberfl\u00e4chliche Triller oder Verzierungen lehnte er\nab, ebenso harmonische Extravaganzen. Statt dessen fokussiert er sich auf den\nMelos, der sich rezitativartig weiterentwickelt; den zugrundeliegenden Themen\nwerden immer neue Facetten abgerungen und sie wieder neu beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Johanna Rose ist eine Magierin auf ihrem Instrument. Sie\nspielt diese f\u00fcr uns fremd anmutende Musik in einer derart nat\u00fcrlichen und\nlebendigen Weise, dass wir keine Sekunde an ihrer Aktualit\u00e4t zweifeln. Die\nSt\u00fccke der Barockmeister werden entstaubt, aus den Sph\u00e4ren biederen\nHistorizismus\u2018 befreit und mit einer Passion vorgetragen, die den Komponisten\nentspricht. Rose hat erkannt: Musik ist nichts, was B\u00fccher und Aufzeichnungen\nuns lehren, sondern was aus den Noten heraus durch das Instrument und durch uns\nentsteht. Den Produzenten mag das aufreizende Coverbild als gute\nVermarktungsstrategie f\u00fcr solch eher rare und heute vor allem als museumsreif\nbetrachtete Musik gegolten haben, doch w\u00e4re dies nicht n\u00f6tig gewesen, da die\nMusik f\u00fcr sich spricht und eben solch eine Oberfl\u00e4chlichkeit vom ersten Ton an\nnegiert. Gest\u00fctzt wird Johanna Rose von Josep Maria Mart\u00ed Duran an der Theorbe\nund Javier N\u00fa\u00f1es am Cembalo, die ebenfalls nicht vergessen\nwerden sollten. Ihre Stimmen wirken nat\u00fcrlich eher hintergr\u00fcndig vor dieser\ngambenbetonten Musik, doch bilden erst sie das Fundament, auf dem sich die\nSolistin entfalten kann. Dabei ist die entstehende Einheit unverkennbar, alles\ngeschieht aus dem gleichen Puls und Atem heraus. Duran und N\u00fa\u00f1es haben die gleiche innerlich brodelnde Leidenschaft inne und\nbeleben die oftmals nur pflichtbewusste Aufgabe des Continuos zu neuen\nHochformen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Februar\n2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rubicon, RCD1041; EAN: 5 065002 149404 Die Gambistin Johanna Rose stellt uns gemeinsam mit Josep Maria Mart\u00ed Duran und Javier N\u00fa\u00f1es vierzehn St\u00fccke aus den f\u00fcnf B\u00fcchern \u201ePi\u00e8ces de viole\u201c von Marin Marais vor. 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