{"id":3726,"date":"2020-03-07T09:38:46","date_gmt":"2020-03-07T08:38:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3726"},"modified":"2020-03-07T09:38:48","modified_gmt":"2020-03-07T08:38:48","slug":"die-aufnahme-maschine-schlaegt-wieder-zu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/03\/07\/die-aufnahme-maschine-schlaegt-wieder-zu\/","title":{"rendered":"Die Aufnahme-Maschine schl\u00e4gt wieder zu"},"content":{"rendered":"\n<p>Ondine, ODE 1332-5; EAN: 0 761195 133255<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/N0197.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3727\" width=\"242\" height=\"242\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/N0197.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/N0197-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/N0197-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Hannu Lintu dirigiert\ndas Finnish Radio Symphony Orchestra mit den Symphonien Nr. 2 und 3 von Witold\nLutos\u0142awski.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Witold Lutos\u0142awski z\u00e4hlt zu den prominentesten Komponisten\nder zweiten H\u00e4lfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, nicht zuletzt aufgrund seiner\nEigenst\u00e4ndigkeit und Originalit\u00e4t, mit der er versuchte, alten Formen neuen\nGeist einzuhauchen. Im Vordergrund der Aufmerksamkeit um ihn stehen seine vier\nSymphonien, das Konzert f\u00fcr Orchester und Jeux v\u00e9nitiens. Die erste Symphonie\nbesitzt noch (ebenso wie das Konzert f\u00fcr Orchester) einen neoklassizistischen\nFlair, den er sp\u00e4testens in Jeux v\u00e9nitiens ablegte. Dort wandte er erstmals\naleatorische Techniken an, wenngleich auf eigene Weise: Lutos\u0142awski notierte\nzwar die einzelnen Stimmen voll aus, \u00fcberlie\u00df aber das Zusammenspiel dem\nZufall, indem das Tempo f\u00fcr jeden frei steht und der Dirigent pausiert; dies\nbezeichnete er als aleatorischen Kontrapunkt. Die zweite Symphonie steht voll\nim Zeichen dessen. Lutos\u0142awski konzipierte sie zweis\u00e4tzig: Der erste Satz, H\u00e9sitant,\nbesteht aus sieben durch Refrains gegliederte Episoden in freiem und suchendem\nGestus ohne wahren Zusammenhalt, w\u00e4hrend der zweite, Direct, stringenter auf\neinen H\u00f6hepunkt zusteuert, mehr auf die Streicher baut und geballtere\nDimensionen annimmt. W\u00e4hrend diese Form doch recht sperrig wirkt und den H\u00f6rer\ngerade formal streckenweise vor den Kopf st\u00f6\u00dft, gelingt Lutos\u0142awski in der\nDritten Symphonie ein verst\u00e4ndlicherer und mitvollziehbarerer Gattungsbeitrag.\nDie Symphonie besteht aus sieben, bis auf das Finale recht kurzen S\u00e4tzen, deren\nEpisoden durch knappe und vor allem wiedererkennbare Motive zusammengehalten\nwerden. Zu Beginn stehen vier rasche Tutti-Schl\u00e4ge auf E, die sich durch das\ngesamte Werk ziehen, gefolgt von einem wiederkehrenden Anklang an die Er\u00f6ffnung\nvon Beethovens F\u00fcnfter Symphonie. Allgemein nimmt Lutos\u0142awski die Passagen mit\naleatorischem Kontrapunkt zur\u00fcck und setzt auf luzidere Harmonien, konzentriert\nsich auf bessere Durchh\u00f6rbarkeit des Geflechts.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik von Witold Lutos\u0142awski spricht f\u00fcr sich, man kann\nsie als ausf\u00fchrender Musiker nicht \u201everschandeln\u201c im dem Sinne, wie man Mozart,\nBeethoven, Schubert oder Bach f\u00fcr den H\u00f6rer ungenie\u00dfbar machen kann. Dennoch\nzeigt gerade der Vergleich verschiedener Aufnahmen deutliche Unterschiede. Die\nZweite Symphonie nahm Lutos\u0142awski selbst auf (er spielte auch die vollst\u00e4ndige\nUrauff\u00fchrung, nachdem er Boulez zum offiziellen Premierentermin nur den zweiten\nSatz fertig lieferte), erweist sich dabei als f\u00e4higer, im Detail pr\u00e4ziser, aber\nnicht unbedingt gro\u00dfformatig denkender Dirigent (EMI Classics). Am meisten\nsch\u00e4tze ich die Aufnahmen von Edward Gardner mit dem BBC Symphony Orchestra\n(Chandos; CHSA 5223(5)), in der er nicht nur klangliches Feingef\u00fchl beweist,\nsondern wahrlich in die Musik hineinh\u00f6rt und alle Substanz aus ihr herausholt.\nDas Stimmgeflecht \u00fcbermittelt er plastisch an den H\u00f6rer, mei\u00dfelt die Kontraste\nins besondere der Besetzung minuti\u00f6s heraus und versteht die formale Konzeption\nder Werke. Auch in den geballten Klangmassen findet sich Gardner zurecht und\nbringt eine seidene Eleganz in die Musik hinein. Genau hier liegt der\nUnterschied zu der vorliegenden Aufnahme mit Hannu Lintu: Der finnische\nDirigent achtet nicht auf die \u00c4sthetik des Gesamtklangs, l\u00e4sst es gerne donnern\nund krachen, scheint gerade in unkontrolliert polterndem Get\u00f6se voll\naufzugehen. Lutos\u0142awski mit der Brechstange. Die sieben S\u00e4tze der Dritten\nSymphonie scheinen sich bei Lintu in die L\u00e4nge zu ziehen und im Finale gar\nnicht enden zu wollen, w\u00e4hrend die knapp drei\u00dfig Minuten bei Gardner im Fluge\nverstreichen und noch Lust auf mehr machen. Dagegen \u00fcberrasche H\u00e9sitant aus der\nZweiten Symphonie, das Lintu im Gegensatz zum Rest erstaunlich feinf\u00fchlig\ndirigiert und weitschweifende B\u00f6gen formt \u2013 Direct hingegen f\u00e4llt erneut zur\u00fcck\nin den gewohnten Gestus.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell findet sich der Name Hannu Lintu vielfach in den\nNeuerscheinungen von Ondine, und dazu stets mit schwieriger Literatur, die\ngenauen Feinschliff verlangt. Vielleicht sollte er sich einmal auf wenige\nProgramme konzentrieren und diese daf\u00fcr voll ausarbeiten, anstatt rasch\neinstudierte und nicht ausgearbeitete Aufnahmen auf den Markt zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nM\u00e4rz 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ondine, ODE 1332-5; EAN: 0 761195 133255 Hannu Lintu dirigiert das Finnish Radio Symphony Orchestra mit den Symphonien Nr. 2 und 3 von Witold Lutos\u0142awski. Witold Lutos\u0142awski z\u00e4hlt zu den prominentesten Komponisten der zweiten H\u00e4lfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, nicht zuletzt aufgrund seiner Eigenst\u00e4ndigkeit und Originalit\u00e4t, mit der er versuchte, alten Formen neuen Geist einzuhauchen. 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