{"id":3757,"date":"2020-04-03T15:45:06","date_gmt":"2020-04-03T13:45:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3757"},"modified":"2020-04-03T15:45:08","modified_gmt":"2020-04-03T13:45:08","slug":"momente-die-ausschliesslich-mir-gehoeren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/04\/03\/momente-die-ausschliesslich-mir-gehoeren\/","title":{"rendered":"\u201eMomente, die ausschlie\u00dflich mir geh\u00f6ren!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nach ihrer Duo-CD mit dem Klavierpartner David Fung legt die Geigerin So Jin Kim nun eine Produktion mit dem Kurpf\u00e4lzischen Kammerorchester Mannheim vor. F\u00fcr die schlanke Besetzung dieses Klangk\u00f6rpers lag die Entscheidung f\u00fcr Mozarts Violinkonzerte KV 216 und 219 auf der Hand \u2013 St\u00fccke, die erkl\u00e4rterma\u00dfen wie eine Energiequelle f\u00fcr So Jjin Kim wirken. Mit <\/strong><em>Stefan Pieper<\/em><strong> sprach sie \u00fcber diese Musik und die emotionalen Voraussetzungen daf\u00fcr. Aber es ging auch um ihr Festival, das hoffentlich im Sommer im koreanischen Yeosu Premiere hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0191.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3706\" width=\"351\" height=\"351\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0191.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0191-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/N0191-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 351px) 100vw, 351px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Wie geht es Ihnen unter den momentanen Umst\u00e4nden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe viel freie Zeit. Zum Gl\u00fcck habe ich eine feste\nStelle als stellvertretende Konzertmeisterin in einem Orchester und damit immer\nnoch ein festes Auskommen. Aber es sind auch bei mir viele Konzerte\nausgefallen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die Freelancer sind, haben\njetzt ein echtes Problem. F\u00fcr die, denen jetzt gerade eine fest geplante Tour platzt,\nist es besonders schlimm. Es zahlt sich jetzt aus, gut vorgesorgt zu haben. Gut\naufgestellt ist, wer auf eine Mischkalkulation aus verschiedenen\nEinnahmenquellen zur\u00fcck greifen kann. Es \u00fcberrascht mich die optimistische\nStimmung, die in den sozialen Medien herrscht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Teile Ihrer Familie leben ja in den USA und in S\u00fcdkorea. Was ist anders dort?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt mir so vor, als ob in Korea die Menschen schon das\nSchlimmste mit der Corona-Epidemie \u00fcberstanden haben und die Menschen die\nSituation in den Griff bekommen. Dort wurde meiner Meinung nach auch besser\nreagiert. Alle verd\u00e4chtigen Personen sind sofort isoliert worden \u2013 und das\nGesundheitssystem ist viel effektiver dort!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wirkt sich eine andere Kultur\/Mentalit\u00e4t aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt. Der Lebensstil ist anders. Das zeigt sich schon\nim Alltagsleben: Alles wird in Korea online bestellt und geliefert und es\ndr\u00e4ngeln sich keine Menschenmassen in den Superm\u00e4rkten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie gestalten Sie Ihre freie Zeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sch\u00f6n, Zeit mit dem Instrument zu verbringen. Ich\nblicke in die Zukunft und will das Repertoire erweitern, Solokarriere und\nOrchesterjob verbinden und ein eigenes Festival planen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum haben Sie sich f\u00fcr Ihre aktuelle Aufnahme f\u00fcr diese zwei Mozart-Violinkonzerte entschieden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beide Konzerte sind eine Art Pflichtprogram f\u00fcr Geiger. Man\nkommt um diese St\u00fccke nicht herum. Jeder Violinist muss sie spielen, zu allen\nGelegenheiten: F\u00fcr Bewerbungen, in Wettbewerben bei allen erdenklichen Jobs.\nNormalerweise symbolisieren solche St\u00fccke viel Stress und Erwartungsdruck, weil\nso vieles davon abh\u00e4ngt. Auch ich habe das ganze durchgemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Da bin ich jetzt aber sehr neugierig, warum Sie gerade\nmit diesen Konzerten ins Aufnahmestudio gehen. Und wo das Geheimnis liegt, dass\nschlie\u00dflich doch so eine beseelte Musik heraus kommt!&nbsp;&nbsp; <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist es ganz einfach: Mozarts Musik erhebt sich\nauf Anhieb \u00fcber alle schwierigen Begleitumst\u00e4nde. Beide Konzerte verk\u00f6rpern f\u00fcr\nmich eine absolute Reinheit. Die Nat\u00fcrlichkeit der Phrasen erzeugt auf Anhieb\nso viel emotionale W\u00e4rme in mir. Die Au\u00dfenwelt kann noch so aufreibend sein,\nsobald ich diese beiden Konzerte spiele, geben sie mir Momente, die\nausschlie\u00dflich mir geh\u00f6ren. Sogar in Wettbewerbssituationen haben mir Mozart\n(und auch Bach!) das starke Gef\u00fchl vermittelt, dass ich gerade etwas f\u00fcr mich\nmache.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es trotzdem so etwas wie Schwierigkeit?&nbsp; <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oh ja \u2013 und wie! Da ist der Prozess, um eine Idee im\ntiefsten Inneren nach au\u00dfen lebendig zu machen und zwar so, dass diese in der\nMusik wirkt und diese lenkt. Kreative Ideen entstehen im Kopf &#8211; von da ab ist\nes ein langer Weg, diese zum Leben zu wecken. Da kommt immense Arbeit und viel\nTechnik ins Spiel, bis schlie\u00dflich alle Vorstellungen real sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie bestimmte Bilder im Kopf?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir geht es in dieser Hinsicht nicht so visuell zu. F\u00fcr mich steht Mozart f\u00fcr eine ganz bestimmte Emotion. Egal was Mozart komponiert, da ist nie etwas Angestrengtes im Spiel, kein negatives Gef\u00fchl oder gar Aggressivit\u00e4t. Andere Komponisten bringen h\u00e4ufig auch Affekte wie Tragik, Trauer und Wut zum Ausdruck. Auch dabei kann gro\u00dfe Musik heraus kommen. Mozart markiert eine andere Welt. Er hatte ja wirklich ein verr\u00fccktes Leben, war aber f\u00e4hig, daraus das Sch\u00f6nste, Dramatischste und Tiefste zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denken Sie \u00fcberhaupt noch \u00fcber Technik nach?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Technik auf der Violine ist kein Selbstzweck, sondern\neinfach da. Ich m\u00f6chte die Emotion dahinter aufsp\u00fcren. Auch wenn gerade Trauer\ndominiert, erw\u00e4chst bei Mozart doch immer eine sch\u00f6ne Farbe daraus. Das\nwunderbare ist hier auch, dass diese Empfindungen von Menschen sehr unmittelbar\ngeteilt werden, die gar keine Kenntnisse von Klassik haben. Mozart kann jeden\nan einen froheren und gl\u00fccklicheren Platz bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wollen Sie Ihrem Publikum mit einer CD-Aufnahme\nweitergeben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht immer darum, auf dem Weg der Musik den besonderen Moment zu finden. Aber alles, was wir machen, ist tempor\u00e4r. Daraus erw\u00e4chst das Bed\u00fcrfnis, etwas Dauerhaftes zu sch\u00f6pfen. Etwas zu erzeugen, das man immer wiederholen m\u00f6chte. Und mit dem sich ein gemeinsamer Nenner beim Publikum und bei den H\u00f6rern zuhause finden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kam es zur Aufnahme gerade mit diesem Orchester?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein gemeinsames Projekt mit dem Kurpf\u00e4lzischen\nKammerorchester ist ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr mich. Ich hatte schon vorher von diesem\nOrchester geh\u00f6rt. Diese Musiker sind sehr offen und wunderbar flexibel. Allein\ndeswegen wollte ich sofort mit ihnen arbeiten. Erst danach fiel die Wahl auf\nMozart.&nbsp; Dass wir in der Mannheimer\nEpiphaniaskirche aufgenommen haben, geht ebenso auf meine pers\u00f6nliche Wahl\nzur\u00fcck. Es hatte mehrere Alternativen gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum ist ein kleines Orchester f\u00fcr dieses Unterfangen so\npr\u00e4destiniert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Instrumentierungen bleiben schlank und das passt\nunmittelbar zu Mozarts eigenem Schaffenskontext: Mozart schrieb f\u00fcr sich\nselber, dirigierte und spielte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie spielen und dirigieren ja auch abwechselnd. Wie wirkt\nsich das auf die Kommunikation aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Dirigent ist normalerweise Kommunikator zwischen Solist\nund Orchester. Bei einem kleinen Orchester ohne Dirigent ist die Verbindung\nviel unmittelbarer. Davon profitieren auch die Proben: Sie machen viel Spa\u00df und\nalles geht scheinbar wie von selbst. Das kommt nicht zuletzt den\nopernhaft-dramatischen Aspekten in Mozarts Kompositionen zugute.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sehen Sie das spezifisch opernhafte in Mozarts Musik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oper hei\u00dft ja, dass die Musik Geschichten erz\u00e4hlt. Alles hat eine Bedeutung und sagt etwas. Mozarts Opern transportieren viel Menschlich-allzu-Menschliches. Egal ob die \u201eHochzeit des Figaro\u201c oder auch \u201eDon Giovanni\u201c &#8211;\u00a0 alles kommt aus dem prallen Leben! Und diese Nat\u00fcrlichkeit im Ausdruck l\u00e4sst bei Mozart immer den Funken \u00fcberspringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie hatten gerade schon Ihr eigenes Festival\nangesprochen. Dar\u00fcber m\u00f6chte ich gerne noch mehr erfahren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es soll \u2013 wenn alles so kommt wie erhofft &#8211;\u00a0 in Yeosu in S\u00fcdkorea stattfinden. Dort leben auch meine Eltern. Es ist ein ganz toller Platz am Meer. Im Jahr 2012 wurde hier anl\u00e4sslich der Expo eine spektakul\u00e4re Halle gebaut. Ich habe mich f\u00fcr ein Festival mit klassischer Musik an diesem Ort stark gemacht. Ich m\u00f6chte hier vor allem junge Musiker pr\u00e4sentieren, bevorzugt kleinere Kammerensemble. Dabei ist mir an einem zeitgem\u00e4\u00dfen Konzept gelegten, den Menschen in dieser Stadt die klassische Musik nahe zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was f\u00fcr Priorit\u00e4ten setzen Sie hier?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben ja gerade schon \u00fcber diese besonderen Momente\ngesprochen. Mir ist an Musikern gelegen, die so etwas transportieren k\u00f6nnen.\nDenn das kann Schl\u00fcsselerlebnisse f\u00fcr die klassische Musik vermitteln. Ein\nsinnvolles Festivalprogramm sollte einem klaren Narrativ folgen, denn es geht\ndoch auch um die Geschichten hinter der Musik. Und zwar f\u00fcr ein Publikum, das\nnicht zu den Spezialisten geh\u00f6rt. Mein Ziel ist es, dass die Klassik das\nElit\u00e4re absch\u00fcttelt und sich Schwellen\u00e4ngste abbauen. Das wichtigste bleibt\naber, wie die Musiker spielen. Mittelma\u00df hat in klassischer Musik nichts\nverloren. In der Popkultur mag sich vieles \u00fcber sch\u00f6ne Dekoration definieren.\nIn der Klassik ist echte Substanz alternativlos und gerade dadurch geht diese\nMusikform einen bedeutenden Schritt weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie motiviert man die medial dauerberieselten Menschen,\ndiesen Schritt mitzugehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schwerer geworden. Die sozialen Medien diktieren eine\nKultur der Kurzlebigkeit. Keiner guckt mehr ein Video, das l\u00e4nger als 5 Minuten\nist. Jeder will alles immer k\u00fcrzer. Das ist dass genaue Gegenteil von Klassik \u2013\nund genau da wird die Vermittlung zur Herausforderung. Eine ganze Komposition\nh\u00f6ren, kann manchmal hei\u00dfen, ein ganzes Leben zu durchlaufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach ihrer Duo-CD mit dem Klavierpartner David Fung legt die Geigerin So Jin Kim nun eine Produktion mit dem Kurpf\u00e4lzischen Kammerorchester Mannheim vor. F\u00fcr die schlanke Besetzung dieses Klangk\u00f6rpers lag die Entscheidung f\u00fcr Mozarts Violinkonzerte KV 216 und 219 auf der Hand \u2013 St\u00fccke, die erkl\u00e4rterma\u00dfen wie eine Energiequelle f\u00fcr So Jjin Kim wirken. 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