{"id":3763,"date":"2020-04-14T10:30:37","date_gmt":"2020-04-14T08:30:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3763"},"modified":"2020-04-14T10:30:49","modified_gmt":"2020-04-14T08:30:49","slug":"meisterliche-quartette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/04\/14\/meisterliche-quartette\/","title":{"rendered":"Meisterliche Quartette"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das aus Emeline Pierre, Esther Guti\u00e9rrez Redondo, Sandra Garcia Hwung und Marion Platero bestehende Constanze Quartet spielt erstmalig alle drei Streichquartette des deutschen Komponisten Felix Draeseke ein, der zu den spannendsten Komponisten-Entdeckungen seiner Generation z\u00e4hlt. Auf der vorliegenden ersten CD sind zu h\u00f6ren das Quartett Nr. 1 op. 27 in c-Moll und das Quartett Nr. 2 op. 35 in e-Moll.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/N0205.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3764\" width=\"375\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/N0205.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/N0205-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/N0205-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>In Fachkreisen wei\u00df man mittlerweile um Felix Draeseke als\neinen der bedeutendsten Komponisten der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts; im\nKonzert h\u00f6rt man seine Musik dennoch nur in gl\u00fccklichen Ausnahmef\u00e4llen.\nZeitlebens sah sich Draeseke im Zeichen des Fortschritts und doch wurde er in\nseinen sp\u00e4ten Jahren als Reaktion\u00e4r betrachtet, insbesondere nach seinem\nMahnruf \u201eDie Konfusion in der Musik\u201c gegen die Salome von Strauss. Dort schrieb\ner unter anderem: \u201eVerst\u00e4ndnislos wird man angeblickt, wenn wir die jugendlichen\nH\u00f6rer aufmerksam machen auf eine edel gestaltete Melodik, ein fein gef\u00fcgtes\nHarmoniegewebe, interessant gegliederte Rhythmik, glatte und abgerundete Form,\nsch\u00f6n vermittelte&nbsp; und \u00fcberraschende\nWiedereinf\u00fchrung von Themen. All diese ehemaligen Sch\u00f6nheitsmerkmale erscheinen\nihnen wie b\u00f6hmische D\u00f6rfer, die sie nie nennen geh\u00f6rt, und nur wenn von\nInstrumentation die Rede ist, horchen sie auf, weil nach ihrer Meinung dies neu\nhinzugetretene Element der Farbe die drei alten Hauptelemente der Musik weit\n\u00fcberwiegt, und gut instrumentieren mit gut komponieren f\u00fcr gleichbedeutend\nangesehen wird. Dar\u00fcber ist die Melodik fast versiegt, die Harmonik nach einer\n\u00fcbertriebenen Verfeinerung durch immerw\u00e4hrende Steigerungen schlie\u00dflich bei der\nabsoluten Unmusik angelangt, w\u00e4hrend, wie dies leider in Deutschland von jeher\nder Fall gewesen, die Rhythmik zu wenig gepflegt, ja geradezu vernachl\u00e4ssigt\nerscheint.\u201c Dabei trifft er durchaus einen Kern der Problematik, mit der Musik\ndes 20. Jahrhunderts bis heute zu k\u00e4mpfen hat, und fand in seinen Thesen auch\nnamhafte Unterst\u00fctzer; nicht zuletzt Strauss selbst kehrte mit dem\nRosenkavalier in die Sph\u00e4re der drei von Draeseke angef\u00fchrten Grundpfeiler\nzur\u00fcck: Melodie, Harmonie, Rhythmik. Und innerhalb dieser Pfeiler darf das\nSchaffen Draesekes fortw\u00e4hrend als modern bezeichnet werden. Er gilt vor allem\nals begnadeter Melodiker, der durch geschickte Verschmelzung verschiedener\nMotive gro\u00dfe Tragweite in seinen Themen erreichte. In kontrapunktischer\nMeisterschaft f\u00fchrte er die Themen durch die einzelnen Stimmen durch und formal\nweiter. Dabei sticht eine erfrischende Rhythmik hervor, besonders f\u00fcr einen\ndeutschen Komponisten (wie er es ja selbst im angef\u00fchrten Zitat erw\u00e4hnte). Sein\nharmonisches Geschick l\u00e4sst sich auf seine fr\u00fche Begeisterung von Liszt und\nWagner begr\u00fcnden, deren Ausdruckswelten Draeseke aber f\u00fcr sich weiterf\u00fchrte.\nEine ersch\u00f6pfende Darstellung von Leben, Stil und Werk kann auf zehn Seiten (!)\nim Begleittext der vorliegenden CD von Norbert Florian Schuck bewundert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Streichquartett Draesekes \u00fcberraschen durch ihre\nSubtilit\u00e4t, die g\u00e4nzlich auf \u00e4u\u00dferen Effekt verzichtet, ebenso wie auf\nHerbheiten und triumphale Gesten. Erst wer die weitgespannte Melodik erfasst,\nwird den vollen Charme dieser Meisterwerke entdecken. In schier endlosen Themen\nb\u00fcndelt Deaeseke die Kontraste und gibt Ausgangspunkt f\u00fcr gro\u00dfe Entfaltung. Die\nFormen der S\u00e4tze muten klassisch an und auch die Ausdehnung der Quartette\n\u00fcbersteigt nicht die von Quartetten aus der Wiener Klassik; wohl aber\nintensiviert der Komponist die harmonische Spannkraft und die kontrastierenden\nElemente, was den Quartetten eine ungemein dichte Textur verleiht. In minuti\u00f6s\ndetailliertem Kontrapunkt herrscht eine konstante Vierstimmigkeit vor, welche\ndie Dichte noch unterstreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch konzentriertes, fokussiertes und inniges Spiel\nbesticht das Constanze Quartet auf dieser ihrer Debut-CD. Die Musikerinnen\nzeigen sich innig ergriffen, ohne dies in \u00e4u\u00dferlichen Eskapaden darzustellen:\nso erhalten wir das Gef\u00fchl der Echtheit jeder Emotion, allgemein eine Purit\u00e4t\nin jeder Note. Es entsteht ein Glimmern und Funkeln von innen heraus, das die\ngesamte Musik wie eine Aura umh\u00fcllt. Das Constanze Quartet folgt den Melodien\nund sp\u00fcren die subtilen \u00dcberraschungen auf, um sie ebenso plastisch wie charmant\ndem H\u00f6rer zu \u00fcbermitteln. Dabei weben sie ein feines und transparentes\nkontrapunktisches Geflecht, in dem stets die Richtung klar und nachvollziehbar\nbleibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, April\n2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das aus Emeline Pierre, Esther Guti\u00e9rrez Redondo, Sandra Garcia Hwung und Marion Platero bestehende Constanze Quartet spielt erstmalig alle drei Streichquartette des deutschen Komponisten Felix Draeseke ein, der zu den spannendsten Komponisten-Entdeckungen seiner Generation z\u00e4hlt. 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