{"id":3787,"date":"2020-05-11T10:01:28","date_gmt":"2020-05-11T08:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3787"},"modified":"2020-05-17T21:06:59","modified_gmt":"2020-05-17T19:06:59","slug":"zwoelftonmusik-mit-ueberbordender-intensitaet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/05\/11\/zwoelftonmusik-mit-ueberbordender-intensitaet\/","title":{"rendered":"Zw\u00f6lftonmusik mit \u00fcberbordender Intensit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p>Paladino Music pmr 0106; EAN: 9120040732042<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0211-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3788\" width=\"313\" height=\"313\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0211-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0211-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0211-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0211-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0211.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 313px) 100vw, 313px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Beim kleinen, hochengagierten Wiener Label Paladino Music hat der belgische Pianist Daan Vandewalle das ausufernde 3. Klavierkonzert des griechischen Sch\u00f6nberg-Sch\u00fclers Nikos Skalkottas eingespielt. Seine Partner in Gent waren das dortige Bl\u00e4serensemble \u201eBlattwerk\u201c unter der Leitung von Johannes Kalitzke. Diese nunmehr dritte Einspielung des gewaltigen Zw\u00f6lftonwerks kann vor allem durch seine fast hemmungslose Emotionalit\u00e4t \u00fcberzeugen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nikos Skalkottas<\/em> (1904-1949) kam nach fr\u00fchem Geigenexamen \u00fcber ein Stipendium 1920 zu Willy Hess nach Berlin, wo er sich jedoch bald ganz der Komposition widmete. Nach Studien bei Robert Kahn, Jarnach und Weill landete er schlie\u00dflich 1927 in Arnold Sch\u00f6nbergs ber\u00fchmter Meisterklasse und war dort einer seiner Lieblingssch\u00fcler. Psychisch immer ein wenig labil, verlie\u00df Skalkottas 1931 aus finanziellen Gr\u00fcnden Deutschland, konnte \u2013 zur\u00fcck in Athen \u2013 dort als Komponist allerdings nicht Fu\u00df fassen. Dennoch schrieb er in Griechenland den Gro\u00dfteil seines recht umfangreichen Schaffens. Bemerkenswert ist, dass Nikos Skalkottas neben dodekaphonischen Meisterwerken immer auch weitgehend tonale Musik verfasste, oft zeitgleich; dies nicht etwa nur, um leichter Eink\u00fcnfte zu generieren wie Sch\u00f6nberg ab und zu im amerikanischen Exil, sondern mit \u00dcberzeugung und auf gleichem technisch-musikalischen Niveau. Bekanntestes Zeugnis sind hier die <em>36 griechischen T\u00e4nze.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Blieben die meisten Kompositionen Skalkottas\u2018 zu Lebzeiten ungedruckt, nicht zuletzt durch seinen fr\u00fchen Tod, geriet seine Musik erst ab den 1960er-Jahren nach und nach in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit. Das schwedische BIS-Label bem\u00fcht sich seit \u00fcber zwanzig Jahren um eine Renaissance dieses hochbedeutenden Neut\u00f6ners. War sein Klavierkonzert Nr. 1 (1931) vielleicht der erste komplett 12-t\u00f6nige Gattungsbeitrag \u00fcberhaupt, folgt auf das ebenso meisterhafte 2. Klavierkonzert 1939 das hier vorgestellte <em>Konzert f\u00fcr Klavier, 10 Bl\u00e4ser und Schlagzeug<\/em> (welches nur \u00e4u\u00dferst sparsam eingesetzt wird)<em>. <\/em>L\u00e4sst einen der Titel sofort an Alban Bergs <em>Kammerkonzert <\/em>denken, ist Skalkottas\u2018 fast einst\u00fcndiges St\u00fcck jedoch eine wahre <em>tour de force<\/em> \u2013 nicht nur f\u00fcr den Pianisten. Der Solopart ist so herausfordernd, manuell und von der reinen Notenmasse her, dass man ihn bei der Erstauff\u00fchrung des kompletten Werkes (London 1969) unter drei Pianisten aufteilte. Unter der Oberfl\u00e4che der drei ausladenden S\u00e4tze, die sich \u00e4u\u00dferlich alle \u2013 gut nachvollziehbar \u2013 an die Sonatenform anlehnen, werkelt eine \u00e4u\u00dferst komplexe Zw\u00f6lftonstruktur, wo aus drei Hauptreihen das Material f\u00fcr das gesamte St\u00fcck generiert wird. Erstaunlich, wie sich der Grieche selbst\u00e4ndig neue Techniken erarbeitet hat, die man so etwa in Bergs <em>Lulu <\/em>antrifft, welche Skalkottas aber damals kaum gekannt haben durfte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon Geoffrey Douglas Madge in der Erstaufnahme (BIS, 2004), braucht der fl\u00e4mische Pianist <em>Daan Vandewalle <\/em>\u2013 seit Jahren auch Duo-Partner von Madge \u2013 die rein k\u00f6rperliche Anstrengung nicht zu f\u00fcrchten: Beide spielten bereits das fast f\u00fcnfst\u00fcndige <em>Opus Clavicembalisticum <\/em>des britischen Exzentrikers <em>Kaikhosru Sorabji <\/em>\u2013 nochmal eine ganz andere Nummer. Ebenfalls von 2004 existiert noch eine dritte Einspielung \u2013 mittlerweile vergriffen \u2013 mit der griechischen Pianistin Danae Kara unter Friedemann Layer (Decca).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neuaufnahme kommt leider in puncto Aufnahmetechnik nicht an die \u00e4lteren Produktionen heran: Erreicht BIS eine geradezu ph\u00e4nomenale Transparenz und R\u00e4umlichkeit, erscheint die neue CD aus Gent matschig, zu bassbetont und dynamisch durchgehend zu fett. Decca kann ebenfalls mit besserer Durchsichtigkeit punkten. Dazu kommt noch, dass Madge und Kara auch beim Solopart \u2013 gerade unterhalb des Forte-Bereichs \u2013 nuancenreicher agieren als Vandewalle. Nach lauten Ausbr\u00fcchen bzw. Verdichtungen, die in der Partitur in der Tat <em>ff <\/em>notiert sind, wirken Piano-Passagen bei Vandewalle oft zu laut \u2013 insgesamt nimmt er sich bei der dynamischen Gestaltung viele Freiheiten, so etwa im Solo (T. 145 ff.) im 2. Satz <em>cresc. <\/em>statt <em>dim. <\/em>usw. Trotz dieses Mankos gelingt dem Solisten und den vorz\u00fcglichen Bl\u00e4sern von <em>Blattwerk <\/em>aber etwas viel Wichtigeres: Sie machen spannende Musik \u2013 und das 55 Minuten lang! M\u00f6gen Zw\u00f6lftonfetischisten \u2013 mit der Partitur in der Hand \u2013 bei Christodoulou (BIS) und Layer schneller irgendwelche Reihenoperationen erkennen k\u00f6nnen, l\u00e4uft dabei die Musik oft ins Leere oder Beliebige. \u00dcber Strecken fehlt jegliche Zielgerichtetheit, es geht immer nur sch\u00f6n kompliziert weiter; und so bekommt dieses Mammutkonzert \u2013 keinesfalls himmlische \u2013 L\u00e4ngen. Ganz anders bei Kalitzke und Vandewalle: Hier verfolgt der H\u00f6rer ein echtes Drama in drei Akten \u2013 immer hochemotional und bewegend, die H\u00f6hepunkte meist schmerzhaft, aber mit beispielhafter innerer Konsequenz. Die gew\u00e4hlten Tempi sind goldrichtig. Der zweite Satz dauert bei Madge ganze sieben Minuten l\u00e4nger, ist zwar detailverliebt, aber verliert seine innere Geschlossenheit. Und die seltsam skurrile \u201eKirmesmusik\u201c, mit der die Bl\u00e4ser das Finale einleiten, klingt bei aller Durchh\u00f6rbarkeit lediglich schr\u00e4g. Die Neuaufnahme wirkt hier sofort gef\u00e4hrlich: Dieser Truppe m\u00f6chte man nicht nachts in einer dunklen Stra\u00dfe begegnen! Insgesamt verharren Madge und Kara bei ihren Darbietungen in der Kategorie gro\u00dfbesetzter Kammermusik \u2013 die Neuproduktion dagegen ist gro\u00dfes Theater f\u00fcr ein gro\u00dfes Publikum. Ja, das St\u00fcck ist auch f\u00fcr den H\u00f6rer anstrengend, aber hier wird es zum erf\u00fcllenden Erlebnis mit \u00fcberbordender Intensit\u00e4t, einem dauernden Wechselbad zwischen unwirschen, harschen Momenten und solchen von magischer Sch\u00f6nheit: echte griechische Trag\u00f6die eben. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichsaufnahmen: Geoffrey Douglas Madge &#8211; Caput Ensemble, Nikos Christodoulou (2004, BIS-CD-1364); Danae Kara &#8211; Orchestre National de Montpellier, Friedemann Layer (2004, Decca 00289 4762561)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Mai 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paladino Music pmr 0106; EAN: 9120040732042 Beim kleinen, hochengagierten Wiener Label Paladino Music hat der belgische Pianist Daan Vandewalle das ausufernde 3. Klavierkonzert des griechischen Sch\u00f6nberg-Sch\u00fclers Nikos Skalkottas eingespielt. 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