{"id":3807,"date":"2020-05-24T12:41:01","date_gmt":"2020-05-24T10:41:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3807"},"modified":"2020-05-25T10:16:26","modified_gmt":"2020-05-25T08:16:26","slug":"ein-mixtape-voll-ave-maria","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/05\/24\/ein-mixtape-voll-ave-maria\/","title":{"rendered":"Ein Mixtape voll Ave Maria"},"content":{"rendered":"\n<p>Antes Edition, BM179001; EAN: 4 014513035950<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0214.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3808\" width=\"323\" height=\"284\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0214.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0214-300x264.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 323px) 100vw, 323px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf f\u00fcnf CDs stellt die Sopranistin Andrea Chudak insgesamt 68 Ave Maria-Vertonungen aus sieben Epochen vor. Die vielf\u00e4ltige Sammlung umfasst Musik von anonymen Vertonungen aus der Gregorianik und klingenden kl\u00f6sterlichen Gebeten bis hin zu mehreren extra f\u00fcr die Sammlung komponierten Liedern. Besetzt sind die St\u00fccke f\u00fcr ein bis drei Stimmen entweder a cappella oder mit kammermusikalischer Begleitung. Wir h\u00f6ren Andrea Chudak (Sopran), Ekaterina Gorynina (Cello), Matthias Jacob (Orgel), Matthias Jahrm\u00e4rker (Bariton), Stefan R. Kelber (Viola), Robert Knappe (Orgel), Lidiya Naumova (Gitarre), Olaf Neun (Erzlaute), Julian Rohde (Tenor), Jakub Sawicki (Orgel), Michael Schepp (Violine), Andreas Schulz (Klavier), Susanne Walter ([Solo-]Violine) und Almute Zwiener (Englisch Horn, Oboe).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Mammutprojekt erleben wir ein Streiflicht durch die diversen Vertonungen eines der ber\u00fchmtesten Gebete der katholischen Kirche: Ave Maria. Wie die gesamte Geschichte aufgeschriebener Musik in Europa begann auch die Geschichte der musikalischen Marienanrufung in den Kl\u00f6stern. Durch Gottesdienste kam auch die Gemeinde in Ber\u00fchrung mit den Melodien und begann, diese zu rezipieren. Der musikalische Nachklang der Gottesdienste verselbstst\u00e4ndigte sich, und so traten nach und nach auch h\u00e4usliche Kompositionen hinzu, um der Liebe zu Gott und der Musik zeitgleich zu fr\u00f6nen. Sp\u00e4testens im 19. Jahrhundert standen nun hausmusikalische und kirchliche Werke in gleichem Umfang nebeneinander, auch f\u00fcr die Salonkultur nahm das Ave Maria eine wichtige Rolle ein. Verantwortlich daf\u00fcr war zun\u00e4chst Schubert mit seinem Klavierlied, welches schnell Anklang fand und regelm\u00e4\u00dfig gesungen wurde, gewisserma\u00dfen auch zu neuen Kompositionen inspirierte. Heute erfreut sich Gounods Meditation \u00fcber Bachs Pr\u00e4ludium in C-Dur aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers beinahe noch gr\u00f6\u00dfere Beliebtheit, dem St\u00fcck wurde sp\u00e4ter der Text von Ave Maria untergelegt \u2013 so avancierte der kirchliche Text bis heute zum Lieblingsst\u00fcck f\u00fcr avancierte Laien wie f\u00fcr professionelle Musiker.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick irritiert die vorliegende Box mit den 68 Ave Marias: Denn auf der Au\u00dfenseite findet sich keine namentliche Erw\u00e4hnung der Musiker, die zu h\u00f6ren sind, Auch spezifiziert nichts die dargebotenen St\u00fccke n\u00e4her: auf der R\u00fcckseite der Box finden sich jeweils die Namen der Komponisten, nirgends aber eine Opusnummer, Besetzung oder \u00e4hnliches, so dass man bei manchen mehrfach vertretenen Komponisten glauben k\u00f6nnte, es handle sich um das gleiche St\u00fcck in verschiedenen Aufnahmen. Aufschluss \u00fcber all das gibt erst das ausf\u00fchrliche Booklet, welches wohl niemand vor einem potentiellen Kauf dieser Kollektion erst studieren wird. Weiter verwundert mich die Aufteilung der 68 Titel auf f\u00fcnf CDs, lie\u00dfe sich die Gesamtspielzeit von unter vier Stunden auch problemlos auf drei Scheiben pressen. Ich w\u00fcrde die mehrfache Aufspaltung durchaus verstehen, wenn sie thematische, epochale, stilistische oder sonstige Sinnverwandtschaften offenlegen w\u00fcrde; doch von solchen Gruppierungen distanzierte sich Projektleiterin Andrea Chudak. Die urspr\u00fcngliche Planung nach chronologischer Ordnung verwarf sie, als sie merkte, dass es im Gesamteindruck kontrastlos und teils eint\u00f6nig wirkt, und warf nun die St\u00fccke mixtapeartig durcheinander. Dieses Vorgehen birgt nat\u00fcrlich den Nachteil, dass man sich als H\u00f6rer etwas orientierungslos verl\u00e4uft, weder die musikgeschichtliche Entwicklung nachvollziehen, noch gezielt Zusammenh\u00e4nge erkennen kann, offenbart daf\u00fcr hinrei\u00dfende \u00dcberraschungen und \u00f6ffnet das Ohr f\u00fcr die Unterschiedlichkeit der einzelnen St\u00fccke; durch die Ordnungslosigkeit stechen manche St\u00fccke noch brillanter aus dem Umfeld hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei solch einer umfangreichen Kollektion \u00fcberrascht es wenig, dass sowohl die Qualit\u00e4t der einzelnen St\u00fccke wie auch die der Darbietungen variiert. Im Gro\u00dfen und Ganzen jedoch \u00fcberzeugt die Box durch stilistisch flexible und musikalisch empfundene Aufnahmen. Eine genaue Aufschl\u00fcsselung der einzelnen St\u00fccke w\u00fcrde an dieser Stelle ihren Sinn verfehlen, darum gehe ich streiflichtartig vor: Besonders \u00fcberraschen die ganz fr\u00fchen Vertonungen, zwei anonyme gregorianische Werke, und je eines von Adam Gumpelzheimer \u2013 am eindr\u00fccklichsten wohl das Sopransolo von Hildegard von Bingen. Die Purit\u00e4t und Klarheit dieser St\u00fccke bei innigst religi\u00f6sem Gef\u00fchl wirkt bis heute unverf\u00e4lscht und zeigt, dass diese beinahe \u00fcberhaupt nicht beachtete Epoche doch ihre Sch\u00e4tze birgt. Gleiches gilt f\u00fcr die drei Vertonungen eines Franziskanerm\u00f6nchs aus dem 18. Jahrhundert, die zwar auf Kenntnis der aktuellen Musikszene schlie\u00dfen lassen, aber doch wie aus einer fernen Welt her\u00fcberklingen. (Bei den Vertonungen der alten Meister Giulio Caccini und Jakob Arcadelt handelt es sich um F\u00e4lschungen aus dem 19. Jahrhundert, was nur aus dem Begleittext ersichtlich wird.) Aus der Epoche der Klassik \u00fcberzeugt neben Mozarts St\u00fcck, das eigentlich seiner Oper <em>Cos\u00ec fan tutte <\/em>entstammt, vor allem das Ave Maria von Luigi Cherubini, einem heute untersch\u00e4tzten Genie von unvorstellbarer Gabe und Inspiration.\u00a0 F\u00fcr eine Auswahl an Komponisten aus dem 19. Jahrhundert suchte Chudak mit ihrem Team durchaus abseits des Mainstreams, entdeckte allerdings auch keine Komponisten, die mir kein Begriff w\u00e4ren. Hier schl\u00e4gt auch die gro\u00dfe Stunde der Opernkomponisten, beginnend mit den Werken vom 1803 geborenen Adolphe Adam, der gleich mit mehreren gehaltvollen Beitr\u00e4gen vertreten ist, die mit Oper wenig zu tun haben, sondern noch als sakrale Werke gelten d\u00fcrfen. Anders die Ave Marias besonders von Verdi, Bizet, Rossini und Donizetti, wohlklingende Arien mit weltlicher Passion. Spannend finde ich die Vertonung von Joseph Rheinberger, Anton Bruckner (der als tiefgl\u00e4ubiger Christ eine ungeheure Menge sakraler Musik komponierte), Gabriel Faur\u00e9 und die beiden Beitr\u00e4ge des bedeutenden Italieners Marco Enrico Bossi, dessen Musik eine Renaissance verdient h\u00e4tte: bis jetzt kennt man haupts\u00e4chlich seine Orgelwerke. Eine Sonderstellung nimmt Karl May mit seinem Ave Maria aus Winnetou ein, bei dem er tats\u00e4chlich auch die Musik schrieb, mit welcher der Protagonist schlie\u00dflich auch sein Leben aushaucht: die Version von Arnold Fritsch f\u00fcr Gitarre und Sopran vermittelt glaubhaft das Cowboy-Flair. Aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert begeistern vor allem die Beitr\u00e4ge von Marcel Dupr\u00e9, dem Brasilianer Heitor Villa-Lobos (besonders das in seiner Muttersprache gehaltene Ave Maria besticht durch seine Eindr\u00fccklichkeit), und Leo\u0161 <em>Jan\u00e1\u010dek, ein kantables wie zeitgleich raues Werk mit einer himmlischen Soloviolinstimme. Die meisten der sp\u00e4teren Vertonungen bleiben recht traditionell und werfen zumeist nur die herk\u00f6mmlichen Herangehensweisen an den Text wieder und wieder auf. Bemerkenswert hier lediglich Bertold Hummel und Jos\u00e9 Bragato. Von den Zeitgenossen sei besonders Bo Wiget genannt, der es als einziger wagte, vollkommen unbefangen und erfinderisch an das Sujet heranzutreten: textlich reduzierte er alle Konsonanten auf den Laut \u201em\u201c, was die Perspektive des Jesuskindes vermittelt, musikalisch f\u00e4cherte er die Phrasen auf, seziert die Melodien und f\u00fcgt alles in ein stimmiges, unter die Haut gehendes Resultat zusammen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch k\u00f6nnen die meisten der hier zu h\u00f6renden Vertonungen \u00fcberzeugen, wobei es nat\u00fcrlich kein Wunder ist, dass bei knappen vier Stunden Spielzeit innerhalb von zwei Mal vier Tagen Drehzeit irgendwann auch die Luft ausgeht. Besondere Liebe zum Detail brachten die Musiker bei den fr\u00fchen St\u00fccken dieser Kollektion ein sowie bei den eigenst\u00e4ndigeren, ausgefalleneren Werken wie eben Villa-Lobos, <em>Jan\u00e1\u010dek, Bragato oder Wiget. Die romantischen wie post-romantischen Beitr\u00e4ge, die oft doch das immer Gleiche aussagen und mit teils oberfl\u00e4chlicherem Effekt arbeiten, geraten hingegen etwas blasser. Besonders die ber\u00fchmtesten der Beitr\u00e4ge wurden s\u00e4ngerisch mehr pflichtbewusst als inspiriert dargeboten, wovon sich gerade der Pianist anstecken lie\u00df. Eine wandelbare Stimme pr\u00e4sentiert Sopranistin und Projektleiterin Andrea Chudak, die sowohl die Schlichtheit der vorbarocken Musik, die Vollt\u00f6nigkeit der Romantik wie die Tiefgr\u00fcndigkeit der Moderne in der Stimme tr\u00e4gt. Auch die beiden M\u00e4nnerstimmen, Matthias Jahrm\u00e4rker und Julian Rohde, besitzen charakteristische Timbres, mischen sich gut mit den Instrumenten und anderen Stimmen, bringen luzide Tonqualit\u00e4t in die verschiedenen Stile. Die Instrumentalisten folgen allesamt klar, pr\u00e4zise und einf\u00fchlsam, ohne sich jemals in den Vordergrund zu dr\u00e4ngen oder sich klanglich von den S\u00e4ngern abzukoppeln. Besonders die Streichersektion erreicht teils orchestral anmutende Effekte in dichter Struktur bei klarer Durchh\u00f6rbarkeit der Mehrstimmigkeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2020]<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antes Edition, BM179001; EAN: 4 014513035950 Auf f\u00fcnf CDs stellt die Sopranistin Andrea Chudak insgesamt 68 Ave Maria-Vertonungen aus sieben Epochen vor. Die vielf\u00e4ltige Sammlung umfasst Musik von anonymen Vertonungen aus der Gregorianik und klingenden kl\u00f6sterlichen Gebeten bis hin zu mehreren extra f\u00fcr die Sammlung komponierten Liedern. 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