{"id":3812,"date":"2020-05-27T08:29:05","date_gmt":"2020-05-27T06:29:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3812"},"modified":"2020-05-27T08:31:28","modified_gmt":"2020-05-27T06:31:28","slug":"vom-bad-boy-zum-good-boy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/05\/27\/vom-bad-boy-zum-good-boy\/","title":{"rendered":"Vom \u201cbad boy\u201d zum \u201cgood boy\u201d"},"content":{"rendered":"\n<p>Avi-music, 8553239; EAN: 4 260085 532391<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0215.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3813\" width=\"288\" height=\"288\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0215.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0215-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/N0215-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Alessandro Fagiuoli und Alessia Toffanin vollziehen die Wandlung des \u201cBad boy of music\u201c, George Antheil, zu einem der Tradition zugewandten Komponisten anhand seiner vier Violinsonaten nach. Chronologisch beginnen sie mit der viers\u00e4tzigen Ersten Sonate, die Olga Rudge gewidmet ist, und der Ezra Pound \u201ebest of friends\u201c zugeeigneten eins\u00e4tzigen Zweiten Sonate je von 1923. Ein Jahr sp\u00e4ter entstand die Dritte Sonate, welche auf vorliegender CD erstmalig eingespielt wurde, und uns mit ganz anderen Kl\u00e4ngen verdutzt. Nach einer Pause von \u00fcber 20 Jahren schrieb Antheil seine Vierte Sonate 1947\/48 als \u201eNew Second Violin Sonata\u201c, nachdem er die urspr\u00fcnglich zweite aberkannte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bevor George Antheil zum anerkannten Filmmusikkomponisten wurde und mit seinen freudestrahlenden wie eing\u00e4ngigen letzten Symphonien zum Publikumsliebling avancierte, intendierte er genau das Gegenteil: als Vorreiter des Futurismus wollte er sich einen Namen machen, provozieren und aufreiben, das Instrument zur Maschine verst\u00fcmmeln. Heute kann man sich kaum vorstellen, dass das <em>Ballet m\u00e9canique<\/em> und <em>A jazz symphony<\/em> (2. Version) vom gleichen Autor stammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antheil 1923 seine <em>Erste Violinsonate<\/em> schrieb, gelang ihm direkt der gro\u00dfe Wurf hin zu einer eigenst\u00e4ndigen, provokanten und doch durch ihren aberwitzigen Schwung mitrei\u00dfenden Sonate. Ein gleichbleibendes Motto durchzieht die vier S\u00e4tze, in denen jeweils wenig Entwicklung stattfindet zugunsten von kubistischer Aneinanderreihung verschiedenartiger Elemente, die in sich h\u00f6chstens rhythmisch fortgesponnen werden. Dabei verlangt Antheil dem Streichinstrument barbarische Vortragsarten ab, dass es gar dem Klang einer S\u00e4ge gleichkommen soll. Die beiden langsameren, aber nicht weniger intensiven Mittels\u00e4tze entf\u00fchren uns in den Orient, bevor mit dem Presto-Finale der Kopfsatz noch weiter in die H\u00f6he getrieben wird. Im gleichen Jahr entstand die <em>Zweite Sonate<\/em>, in welcher die Mechanisierung des Klaviers ihr Maximum erreicht, wenn der Pianist am Ende die Tasten gegen zwei Trommeln eintauscht. Dar\u00fcber hinaus adaptiert Antheil alle m\u00f6glichen damals popul\u00e4ren Melodien, indem er sie ihren Genres entrei\u00dft, verzerrt und schlie\u00dflich verst\u00fcmmelt in seine Sonate integriert. Stilistisch erscheint sie wie aus einem Guss mit dem Erstlingswerk, jazzige bis vertrackte Rhythmen, Klangtrauben am Klavier und brutale Strichweisen auf der Geige.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig zur\u00fcckgehalten und reduziert wirkt dagegen die ein Jahr sp\u00e4ter entstandene <em>Dritte Violinsonate<\/em>. Entweder darf sie als gl\u00fchende Verehrung f\u00fcr oder aber als k\u00fchner Raubzug gegen Strawinsky angesehen werden darf: So ziemlich alles in dem etwa 18 Minuten langen Satz l\u00e4sst sich in deutliche Verbindung mit dem Russen bringen. Am offenkundigsten ist der Bezug zu <em>Petruschka<\/em>, die Antheil inspirierte mitsamt ihrer Bitonalit\u00e4t, den Melodien des Jahrmarkts (Antheil zeigte nat\u00fcrlich besonderes Interesse an der Drehleier), den wuselnden Klangfl\u00e4chen und den hemmungslosen \u00dcberlagerungen scheinbar nicht zusammenpassenden Materials; aber auch <em>Sacre du printemps<\/em> erh\u00e4lt einen Ehrenplatz in diesem Werk. Von den vier Sonaten mag dies die sperrigste und undankbarste sein, aber nur auf den ersten Blick, denn unter der Oberfl\u00e4che verbl\u00fcfft die meisterlichen Setzkunst, der formalen Konzeption und die klangliche Differenzierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antheil 1933 nach New York zur\u00fcckkehrte, hinterlie\u00df er eine klaffende L\u00fccke im Verzeichnis seiner \u201aernsten\u2018 Werke und finanzierte sich mit Filmmusiken seinen Lebensunterhalt, erst 1945 entstand eine <em>Sonatine f\u00fcr Violine und Klavie<\/em>r, die nun aber nichts mehr vom \u201eBad boy of music\u201c aufwies, sondern ganz im Gegenteil traditionsbewusst und weitgehend verst\u00e4ndlich war. Die <em>Vierte Violinsonate<\/em> entstand genau in der Zeit dieses Umschwungs mit klassisch-dreis\u00e4tziger Form und nachvollziehbaren Entwicklungen. Da Antheil seine urspr\u00fcnglich zweite Sonate nun verleumdete, sollte dieses Werk als \u201eNew second violin sonata\u201c den Platz des 25 Jahre fr\u00fcheren Werks einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund ihrer horrenden technischen Schwierigkeiten wurden diese Sonaten wie allgemein ein Gro\u00dfteil des Solo- und Kammermusikwerk Antheils nur selten aufgef\u00fchrt \u2013 die Dritte der Violinsonaten wurde auf dieser CD gar erstmalig eingespielt. Alessandro Fagiuoli und Alessia Toffanin stellen sich in dieser Aufnahme gleich allen vier dieser Sonaten und liefern ein nicht nur mechanisch einwandfreies Ergebnis ab. Flexibel finden sich die beiden Musiker in allen Stilwelten zurecht, die Antheil erschlie\u00dft, bleiben schwungvoll und gewitzt, ohne die notwendige Strenge zu bewahren. Sie genie\u00dfen f\u00f6rmlich die Skurrilit\u00e4t und Entr\u00fccktheit dieser Werke, gehen in den abenteuerlichen Klangeffekten auf. Dabei bewahren sich Fagiuoli und Toffanin davor, sich nur auf das reine Ger\u00e4usch zu konzentrieren: es gelingt ihnen auch, die einzelnen Teile in Bezug zu setzen. In den fr\u00fchen Sonaten blicken sie unter die triumphierende Oberfl\u00e4che und erkennen die wahre Substanz. Wie gestaltungsf\u00e4hig die beiden Musiker tats\u00e4chlich sind, merkt der H\u00f6rer sp\u00e4testens in der sp\u00e4ten <em>Vierten Sonate<\/em>, die durch ihre innere Ausgewogenheit und formale Stimmigkeit noch feineres Gesp\u00fcr von den Darbietenden verlangt. Hier trumpfen die Musiker dieser Aufnahme mit gro\u00dfen B\u00f6gen, harmonischem Verst\u00e4ndnis und formaler Stringenz auf, kontrastieren durch vielseitige Tonf\u00e4rbung und pr\u00e4zise abgestufte Artikulation. Eine rundum gelungene Aufnahme, die mitrei\u00dft und die Spannung die gesamten 80 Minuten Spieldauer aufrechterh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/MustListener.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2902\" width=\"160\" height=\"101\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/MustListener.jpg 403w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/MustListener-300x189.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 160px) 100vw, 160px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Avi-music, 8553239; EAN: 4 260085 532391 Alessandro Fagiuoli und Alessia Toffanin vollziehen die Wandlung des \u201cBad boy of music\u201c, George Antheil, zu einem der Tradition zugewandten Komponisten anhand seiner vier Violinsonaten nach. 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