{"id":3839,"date":"2020-06-11T08:01:00","date_gmt":"2020-06-11T06:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3839"},"modified":"2020-06-12T08:03:57","modified_gmt":"2020-06-12T06:03:57","slug":"die-spannung-geniessend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/06\/11\/die-spannung-geniessend\/","title":{"rendered":"Die Spannung genie\u00dfend"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 009 (Gramola CD 98009); EAN: 9 003643 980099<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0218.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3840\" width=\"328\" height=\"295\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0218.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0218-300x270.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 328px) 100vw, 328px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf der vorliegenden Doppel-CD widmen sich Christoph Schl\u00fcren und die Salzburg Chamber Soloists der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach. Auf der ersten CD erklingen die Contrapuncti eins bis elf in der durch den Erstdruck definierten Abfolge sowie der unvollendet gebliebene Contrapunctus Nr. 14, der an der Stelle abbricht, wo Carl Philipp Emanuel Bach schrieb: \u201e\u00dcber dieser Fuge, wo der Name BACH im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfasser gestorben\u201c. An Stelle einer Vollendung tritt das letzte Werk aus der Feder Bachs: der Choral \u201eVor deinen Thron tret\u2018 ich hiermit\u201c. Die zweite CD birgt zun\u00e4chst die beiden vierstimmigen Spiegelfugen, die als Contrapunctus zw\u00f6lf zusammengefasst wurden, und dann drei Vollendungen der unvollendeten Quadrupelfuge (Contrapunctus 14), n\u00e4mlich je eine von Karl Hermann Pillney, Donald Francis Tovey und Kalevi Aho. Dazwischen erklingen als kontrastierende \u00dcberleitungen die Orgelfuge g-Moll op. 60\/3 von Schumann (arr. Dan Turcanu) und die \u201eStudie \u00fcber B-A-C-H\u201c, das letzte Werk Reinhard Schwarz-Schillings.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Um kaum ein Werk der Musikgeschichte kreisen so viele Mythen wie um die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach. Nicht nur, dass es das fr\u00fcheste Werk war, das unvollendet und ohne den Versuch einer Schlussfindung abgedruckt wurde, auch die mystifizierenden, nicht zutreffenden Zeilen seines Sohns Carl Philipp Emanuel trugen dazu bei, der Musik transzendentale Bedeutung zu verleihen: \u201e\u00dcber dieser Fuge, wo der Name BACH im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfasser gestorben\u201c. Die fehlende Instrumentierungsbezeichnung gibt ebenso R\u00e4tsel auf: Handelt es sich um ein Werk f\u00fcr ein Tasteninstrument (wie die ebenfalls nicht bezeichneten \u201eFiori Musicali\u201c von Frescobaldi, die Bach intensiv studiert hat) oder doch f\u00fcr Streicher oder ein anderes homogen zusammenklingendes Ensemble? Fakt ist, dass diese Musik den Menschen zeitlos bewegt, ber\u00fchrt oder gar aufr\u00fcttelt. So schrieb beispielsweise Glenn Gould, \u201edass sich darin Momente finden, die f\u00fcr mich alles andere \u00fcbertreffen, was Bach geschrieben hat. Mir f\u00e4llt wirklich keine andere Musik ein, die mich tiefer bewegt h\u00e4tte als diese letzte Fuge.\u201c So verwundert all das \u00dcberh\u00f6hen, Vergeistigen nicht, ebenso nicht die bis heute ungebrochene Tradition der w\u00fcstesten Theorien und Gedankeng\u00e4nge \u2013 daf\u00fcr auch nicht die mittlerweile dutzendfachen Versuche einer Vollendung der letzten Fuge. Begonnen hat dies bereits kurz nach der Wiederentdeckung der Kunst der Fuge durch Wolfgang Graeser, dem es vor seinem fr\u00fchen Suizid mit nur 22 Jahren gelang, eine umfassende Renaissance des Werks in die Wege zu leiten. Die ersten Erg\u00e4nzungen als Quadrupelfuge (zuvor wurde sie, schon seit Johann Mattheson, mehrfach als Tripelfuge behandelt und zu einem Ende gef\u00fchrt) schrieben Hugo Riemann, der durch die Ungelenkheit seiner Arbeit stark in die Kritik r\u00fcckte, Ferruccio Busoni, der sie in eine chromatische Fantasie wandelte, und schlie\u00dflich 1931 Donald Francis Tovey, der die erste brauchbare und zugleich nahe am Stil Bachs orientierte Vollendung schuf, die bis heute gelten darf \u2013 sie wurde auf dieser CD eingespielt, durch Dan Turcanu eingerichtet mit subtiler Hinzunahme des Kontrabasses. 1937 folgte Karl Hermann Pillney, ein Sch\u00fcler Regers und wahres Stil-Cham\u00e4leon, der mit tiefer Sympathie \u2013 bei Bedarf aber auch mit subtilem Witz \u2013 nicht nur in die Welt Bachs eintauchte, sondern gar ganze Variationswerke mit unterschiedlichen Stilimitaten f\u00fcllte. Manche seiner Bearbeitungen k\u00f6nnen von einem Original nicht unterschieden werden, in der Vollendung dieser Quadrupelfuge allerdings greift er mehr als Tovey auf zeitgen\u00f6ssische Techniken der Reger-Schule und der Liszt-Tradition zur\u00fcck. Doch stellt er sie anders als Busoni vollkommen in den Dienst der Fuge und unterstreicht damit blo\u00df die enorme Dichte des Werks, die er noch weiter zu steigern vermag hin zu einem expansiven H\u00f6hepunkt. Nun macht Christoph Schl\u00fcren einen Sprung in die Gegenwart und f\u00fcgt noch die Vollendung des finnischen Meisters Kalevi Aho hinzu, die Schl\u00fcrens Aussage nach alle vorherigen seit Pillney \u00fcberbiete. Zun\u00e4chst mag die Streicherfassung verwundern, da die Stimmen stellenweise zun\u00e4chst in den ersten Geigen, beim Finale im ganzen Orchester oktavweise gedoppelt werden (durch divisi der einzelnen Stimmen). Beim genaueren Hinh\u00f6ren erkennt man schnell die Intention: Aho schrieb seine Vollendung f\u00fcr eine Wiedergabe auf der Orgel, wo Oktavierungen durch Registermixturen \u00fcblich sind. Und indem es Christoph Schl\u00fcren gelingt, sein Streichorchester klanglich in eine gewaltige mehrstimmige Orgel zu verwandeln, geht der Kern und die Sinnhaftigkeit der Komplettierung auch in diese Fassung \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den Vollendungen erklingen Schumanns Orgelfuge \u00fcber B-A-C-H, f\u00fcr Streichorchester gesetzt vom bereits erw\u00e4hnten Rum\u00e4nen Dan Turcanu, selbst \u00fcbrigens ein vielseitig talentierter, tief ersp\u00fcrender Komponist. (Bislang schenkte er vor allem der Violine und dem Klavier substanzgeladene Werke, schrieb nun aber erste Orchesterwerke, die noch auf eine Auff\u00fchrung warten. Einen Namen machte sich Turcanu besonders als Arrangeur, so bearbeitet er beispielsweise das gesamte Wohltemperierte Klavier f\u00fcr Geige solo.) Das zweite Interludium bildet Reinhard Schwarz-Schillings \u201eStudie \u00fcber B-A-C-H\u201c, die bei Aldil\u00e0 Records bereits in der Klavierversion erschien, eingespielt von Hugo Schuler: Die Studie ist Schwarz-Schillings letztes Werk, das in knapper Form diese ber\u00fchmte Namensformel in die Gegenwart katapultiert und in einem modernen Stil kontrapunktisch durchf\u00fchrt: ein wahres Kleinod eines zu entdeckenden Gro\u00dfmeisters.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser CD treffen zwei K\u00fcnstler aufeinander, die ich zutiefst sch\u00e4tze und verehre: Der Dirigent Christoph Schl\u00fcren, einer der wenigen Sch\u00fcler Celibidaches, der seine Lehren verstanden hat und sie klanglich umzusetzen wei\u00df \u2013 als Lehrer und Mentor trieb er seine Sch\u00fcler zu unerreichten H\u00f6chstleitungen, die Referenz bilden: so bei unter anderem Ottavia Maria Maceratini, Rebekka Hartmann, Hugo Schuler und Lucas Brunnert; nun h\u00f6ren wir ihn selbst am Pult. Und Lavard Skou Larsen, der brasilianische Nonchalance mit europ\u00e4ischer Pr\u00e4zision eint und als Violinvirtuose wie als Dirigent (ausgebildet u.a. bei S\u00e1ndor V\u00e9gh) tiefgreifende, erlebte wie auch reflektierte Darbietungen schafft \u2013 oftmals gemeinsam mit den hier zu h\u00f6renden Salzburg Chamber Soloists, eine kleine Formation erstklassiger Musiker, die jeder f\u00fcr sich als Orchestersolisten in Erscheinung treten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim klanglichen Resultat dieses Zusammentreffens bleiben keine W\u00fcnsche offen. Wer nat\u00fcrlich eine opulent \u00fcberw\u00e4ltigende und romantisierend aufw\u00fchlende Darbietung erwartet, wird freilich entt\u00e4uscht, doch geht es bei Bach nicht um das. Asketisch stellen sich Christoph Schl\u00fcren und die Salzburg Chamber Soloists in den Dienst von Bach und setzen diese Musik auf die innigst nur vorstellbare Weise um. Mit klarem, offenem Klang begegnen die Musiker der Kunst der Fuge, formen aus dem stets gleichen Kern jeweils vollkommen andere Existenzen. Dies geschieht vollst\u00e4ndig ohne Effekt oder aufbegehrende Geste. Christoph Schl\u00fcren ist ein Meister der innermusikalischen Spannungsverh\u00e4ltnisse: wie kein anderer kann er die spannungstr\u00e4chtige Dichte in Bachs Musik aufrechterhalten, sofern die Musik es verlangt, und modelliert so eine klare Kontur des Verlaufs dieser Musik, die harmonisch wie melodisch nachvollziehbar wird. Die Stimmen entstehen in ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit plastisch vor uns und setzen sich so stimmig wie l\u00fcckenlos zusammen. Stellenweise wirken lediglich die hohen Streicher etwas dissoziiert vom restlichen Geschehen, wobei dies auch einfach an der Aufnahme liegen k\u00f6nnte. Die Musik selbst wird der Impetus f\u00fcr das gesamte Spiel, sie l\u00e4uft scheinbar von selbst, ohne \u00e4u\u00dferen Ansto\u00df zu ben\u00f6tigen oder irgendwo zu stocken. Hier wird der Ausspruch des schwedischen Komponisten Anders Eliasson f\u00fchlbar, Bachs Musik sei im st\u00e4ndigen und unaufhaltsamen Fluss, wie H2O: Harmonie, Melodie und Rhythmus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 009 (Gramola CD 98009); EAN: 9 003643 980099 Auf der vorliegenden Doppel-CD widmen sich Christoph Schl\u00fcren und die Salzburg Chamber Soloists der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach. 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