{"id":3846,"date":"2020-06-17T09:02:00","date_gmt":"2020-06-17T07:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3846"},"modified":"2020-06-18T09:04:03","modified_gmt":"2020-06-18T07:04:03","slug":"durch-und-durch-ein-orchesterkomponist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/06\/17\/durch-und-durch-ein-orchesterkomponist\/","title":{"rendered":"Durch und durch ein Orchesterkomponist"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.574084; EAN: 7 47313 40847 4<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0220.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3847\" width=\"299\" height=\"297\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0220.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0220-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0220-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Nachdem Fabrice Bollon mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg bereits die vier Symphonien Alb\u00e9ric Magnards bei Naxos herausbrachte (8.574083 &amp; 8.574082 &#8211; die insgesamt vierte Gesamtaufnahme nach Plasson, Ossonce und Sanderling), erscheinen nun die f\u00fcnf Einzelwerke f\u00fcr Orchester: Suite d\u2019orchestre dans le style ancien op. 2, Chant fun\u00e8bre op. 9, Ouverture op. 10, Hymne \u00e8 la justive op. 14 und Hymne \u00e0 V\u00e9nus op. 17.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von den insgesamt nur 21 Opusnummern im Werkkatalog von Alb\u00e9ric Magnard werden ganze neun von Orchesterwerken eingenommen: vier davon die gro\u00df angelegten, gar vision\u00e4ren Symphonien, f\u00fcnf von je zehn- bis f\u00fcnfzehnmin\u00fctigen Einzelwerken. Diese sind auf vorliegender CD mit Fabrice Bollon und dem Philharmonischen Orchester Freiburg zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Magnard wurde Zeit Lebens wenig beachtet, anfangs als Wagnerianer abgetan und sp\u00e4ter aufgrund gewisser N\u00e4hen zur deutschen Symphonik kritisiert. Was uns heute nicht mehr st\u00f6ren mag, war in Frankreich um die Jahrhundertwende ein schwerwiegender Vorwurf \u2013 wandte man sich schlie\u00dflich zu dieser Zeit aktiv einer eigenen, franz\u00f6sischen Musik zu und von deutscher Tradition (insbesondere namentlich Wagner) ab. Seinen vorhandenen Patriotismus zu beweisen, kostete Magnard sein Leben, als er sein Grundst\u00fcck im Alleingang gegen die Besetzung deutscher Truppen verteidigte: Erst durch diesen Tod fiel ihm \u00fcberhaupt Aufmerksamkeit zu. Ein Jahr zuvor vollendete er seine Vierte Symphonie, die ma\u00dfgeblich in die Zukunft blickt und einen v\u00f6llig neuen Abschnitt seines Schaffens er\u00f6ffnet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Anfang an sah sich Magnard als Symphoniker und so macht bereits seine zweite Opusnummer ein Orchesterwerk aus: die <em>Suite im alten Stil<\/em>. Erst kurz zuvor hatte er sein Studium bei Vincent d\u2019Indy aufgenommen und bislang nur Lieder und drei Klavierst\u00fccke geschrieben, letztere als Opus 1 ver\u00f6ffentlicht. Zwar h\u00e4tte Alb\u00e9ric Magnard auch bei C\u00e9sar Franck studieren k\u00f6nnen, doch entschied er sich aktiv f\u00fcr den Gr\u00fcnder der Schola Cantorum d\u2019Indy, da dieser besondere F\u00e4higkeiten der Orchestration und der Instrumentenlehre bewies. Die so fast ohne jegliche Erfahrung komponierte f\u00fcnfs\u00e4tzige <em>Suite dans le style ancien<\/em> pr\u00e4sentierte er seinem Lehrer, der ihn prompt wieder an den Schreibtisch schickte, um die Orchestration zu \u00fcberarbeiten: zwar gefielen die Themen und allgemein auch die formale Konzeption, doch trug Magnard in den Orchesterfarben noch viel zu dick auf und \u00fcberfrachtete das Werk. Aus der vollst\u00e4ndigen Revision resultiert ein relativ klein besetztes Werk mit doppeltem Holz, H\u00f6rnern, Trompete und Schlagwerk, das durchaus beachtlich geformt ist \u2013 wenngleich die er\u00f6ffnende <em>Fran\u00e7aise <\/em><em>nat\u00fcrlich keineswegs eine vorklassische Tanzform darstellt und auch nicht in eine traditionelle Suite geh\u00f6rt. Magnard nutzte die <\/em><em>Suite<\/em><em> mit ihren knappen, lebendigen S\u00e4tzen als Experimentierfeld, um mit dem orchestralen Schreiben vertraut zu werden und Instrumentationen zu erkunden; besonders interessant artet das <\/em><em>Menuet<\/em><em> an, welches in seinem weittragenden, beinahe symphonischen Gestus seinen sp\u00e4teren wie gr\u00f6\u00dferen Formen den Weg weist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Magnard sein <\/em><em>Chant fun\u00e8bre<\/em><em> op. 9 schrieb, hatte er seine ersten beiden Symphonien (opp. 4 &amp; 6) bereits ver\u00f6ffentlicht. Mit dem <\/em><em>Chant fun\u00e8bre<\/em><em> gelang gewisserma\u00dfen ein Durchbruch hin zu einem reiferen Stil mit expansiveren Themen und einer sich aus nur einem Kern entwickelnden Stimmung, die die Spannung den gesamten Satz \u00fcber h\u00e4lt. Gewidmet ist das Werk dem Andenken an seinen Vater, wenngleich er zu ihm ein schwieriges Verh\u00e4ltnis hatte; der Komponist gab ihm gewisserma\u00dfen die Schuld f\u00fcr den fr\u00fchen Suizid seiner Mutter. Diese W\u00fcrdigung erkl\u00e4rend schrieb Magnard in einem Brief, er habe seinen Vater erst verlieren m\u00fcssen, um zu verstehen, wie viel er ihm bedeutete.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im gleichen Jahr komponierte er die <\/em><em>Ouvert\u00fcre<\/em><em> op. 10, die uns stilistisch tats\u00e4chlich nahe an die deutsche Symphonik um die Jahrhundertwende bringt, konzipiert als klassische Sonatenhauptsatzform mit beschwingten Themen und auftrumpfenden Charakter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die beiden <\/em><em>Hymnen an die Gerechtigkeit<\/em><em> und <\/em><em>an die Venus<\/em><em> haben zutiefst pers\u00f6nlichen Charakter, sprechen ihm aus dem Herzen \u2013 und doch gelingt es Magnard, gewissen Abstand zu den Themen zu erhalten und allgemeing\u00fcltige statt auf ein spezielles Sujet bezogene Aussagen in T\u00f6ne zu fassen. Gerechtigkeit bedeutete f\u00fcr Magnard einen zentralen Aspekt seines Handelns und gewisserma\u00dfen sp\u00e4ter auch seines Sterbens, und die Liebe stellte f\u00fcr ihn eines der h\u00f6chsten G\u00fcter dar: Widmungstr\u00e4ger der <\/em><em>Venushymne<\/em><em> ist seine Frau, die er bis zum Tode abg\u00f6ttisch liebte und verehrte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Einspielungen dieser CD entstanden wie auch die der Symphonien zu verschiedenen Zeitpunkten von 2017 bis 2019. Allgemein geraten sie durch die eins\u00e4tzigen Formen noch stringenter und kompakter als die umfangreichen, mehrs\u00e4tzigen Symphonien. Gerade aus dem <\/em><em>Chant fun\u00e8bre<\/em><em> kitzelt Fabrice Bollon auch noch den letzten Rest an Innigkeit heraus. In der <\/em><em>Suite d\u2019orchestre dans le style ancien<\/em><em> sticht der lebendige und frische Charakter hervor, den die Freiburger mit subtil historisierender Spielweise unterstreichen, bei der parallel Platz bleibt f\u00fcr das musikgeschichtlich Aktuelle. Die knappen S\u00e4tze erscheinen pr\u00e4gnant und geb\u00fcndelt, in sich einheitlich abgeschlossen. Den \u00fcberschw\u00e4nglichen Charakter nimmt Bollon auch in die <\/em><em>Ouverture<\/em><em> mit, h\u00e4lt die Form streng geschlossen und wandelt grazil auf dem schmalen Grad zwischen \u00dcbermut und Haltung. Freier gestaltet er da die beiden Hymnen in ihrem erz\u00e4hlerischen Charakter, deren \u201eGeschichten\u201c man als H\u00f6rer gut nachvollziehen kann. Den <\/em><em>Chant fun\u00e8bre<\/em><em> nimmt Bollon mit den Freiburgern tats\u00e4chlich als ausgewachsenen Gesang voll hinrei\u00dfender Melodik, wobei er besonders ein absteigendes Motiv hervorhebt, welches das gesamte Werk durchzieht und den ausweglosen Zug in die Tiefe symbolisiert. Mit warmen Orchesterfarben, sonorem Klang und echtem Gef\u00fchl gelingt hier eine der stimmigsten Magnard-Aufnahmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/em><strong><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.574084; EAN: 7 47313 40847 4 Nachdem Fabrice Bollon mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg bereits die vier Symphonien Alb\u00e9ric Magnards bei Naxos herausbrachte (8.574083 &amp; 8.574082 &#8211; die insgesamt vierte Gesamtaufnahme nach Plasson, Ossonce und Sanderling), erscheinen nun die f\u00fcnf Einzelwerke f\u00fcr Orchester: Suite d\u2019orchestre dans le style ancien op. 2, Chant fun\u00e8bre op. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/06\/17\/durch-und-durch-ein-orchesterkomponist\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Durch und durch ein Orchesterkomponist<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[3344,427,426],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3846"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3846"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3848,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3846\/revisions\/3848"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}