{"id":3852,"date":"2020-06-24T08:23:31","date_gmt":"2020-06-24T06:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3852"},"modified":"2020-06-24T08:23:34","modified_gmt":"2020-06-24T06:23:34","slug":"im-spiegel-destruktiver-selbsterkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/06\/24\/im-spiegel-destruktiver-selbsterkenntnis\/","title":{"rendered":"Im Spiegel destruktiver Selbsterkenntnis"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 2.110657; EAN: 7 47313 56575 7<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0222.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3853\" width=\"382\" height=\"541\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0222.jpg 424w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0222-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 382px) 100vw, 382px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>In Bild und Ton erleben wir die tiefgr\u00fcndige Darstellung Alexander von Zemlinskys Oper \u201eDer Zwerg\u201c (Libretto: Georg C. Klaren) durch den Regisseur Tobias Kratzer, im M\u00e4rz 2019 in der Deutschen Oper Berlin programmiert, gefilmt von G\u00f6tz Filenius und erschienen bei Naxos. Als Prolog pr\u00e4sentiert Kratzer Sch\u00f6nbergs \u201eBegleitmusik zu einer Lichtspielscene\u201c op. 34. Dort spielen Adelle Eslinger-Runnicles und Evgeny Nikiforov die Liebesaff\u00e4re zwischen Alma Schindler und Alexander von Zemlinsky nach, teilen sich parallel den solistischen Klavierpart des Werks. Die Hauptrollen in \u201eDer Zwerg\u201c \u00fcbernehmen Elena Tsallagova (Donna Clara), Emily Magee (Ghita) und Philipp Jekal (Don Estoban). Der Zwerg selbst wird von David Butt Philip gesungen und parallel stumm von Mick Morris Mehnert gemimt. Weitere Rollen spielen Flurina Stucki (Erste Zofe), Amber Fasquelle (Zweite Zofe), Maiju Vaahtoluoto (Dritte Zofe), So Young Park (Das erste M\u00e4dchen) und Kristina H\u00e4ger (Das zweite M\u00e4dchen). Es spielt das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles und es singt der Chor der Deutschen Oper Berlin unter Jeremy Bines.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zemlinskys Oper <em>Der Zwerg<\/em> werden gewisse autobiographische Elemente zugeschrieben: So sehe sich der Komponist selbst in der Rolle des ungestalten Hauptcharakters, der nie wirklich ernst genommen wird und sich vor der Selbsterkenntnis fl\u00fcchtet. Bekr\u00e4ftigt wird dies durch den Librettisten Georg C. Klaren, der angibt, Zemlinskys Pers\u00f6nlichkeit in die Partie hineingeschrieben zu haben. Ob sich der Komponist nun als Schicksalsgenosse des Zwergs sieht oder nicht, \u00e4ndert jedoch nichts daran, dass diese Oper zu den pers\u00f6nlichsten und aufsch\u00fcrfendsten Werken des Sch\u00f6nberg-Lehrers geh\u00f6rt. Zemlinsky bleibt oft au\u00dfenvor in der Wiener Traditionslinie, da seine Musik zu modern ist f\u00fcr eine Zuordnung zu den gro\u00dfen Romantikern, aber doch verwurzelt in der Tonalit\u00e4t, sodass auch die Fortschrittler ab einem gewissen Punkt nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Sie hat etwas Schw\u00e4rmerisches, Tr\u00e4umendes, das \u00fcber lange Zeit schweben kann, ohne festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu versprechen. Die kantable Linienf\u00fchrung gibt den Ma\u00dfstab f\u00fcr Zemlinsky Kompositionsweise, die auch in rein instrumentalen Werken oder Passagen die menschliche Stimme zum Vorbild nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen viel diskutierten Teil aus Zemlinskys Leben bringt Regisseur Tobias Kratzer im Prolog szenisch auf die B\u00fchne, f\u00fcr den er musikalisch Sch\u00f6nbergs <em>Begleitspielmusik zu einer Lichtspielscene<\/em> op. 34 unterlegte. Laut Kratzer h\u00f6re man Zemlinskys Musik anders nach der effektvolleren, dissonanteren Musik seines prominentesten Sch\u00fclers \u2013 zumal nach diesem Werk, dessen abstrakte Programmbeschreibung \u201eDrohende Gefahr, Angst, Katastrophe\u201c auch auf <em>Den Zwergen<\/em> passt. Die Lichtspielszene wurde nie gedreht, doch die dahinterstehenden Ideen lassen sich ebenso auf ein B\u00fchnenschauspiel \u00fcbertragen, wie hier geschehen: Alexander von Zemlinsky tritt in Kratzers Regie selbst auf die B\u00fchne und umwirbt seine Klaviersch\u00fclerin Alma Schindler, w\u00e4hrend sie abwechselnd am Instrument den anspruchsvollen Solopart von Sch\u00f6nbergs Orchesterst\u00fcck spielen. Die B\u00fchne wird ganz im Stil des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts gehalten, abgesehen von Almas strahlend rosafarbenem Gewand ist alles in Graustufen gehalten und gibt dem Geschehen den Charakter eines fr\u00fchen Films.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Kontrast dazu bietet die B\u00fchne in der Oper selbst. Sie erscheint schlicht, aufger\u00e4umt und geradlinig, stellt einen in wei\u00df get\u00fcnchten Saal mit B\u00fcsten gro\u00dfer Komponisten an der Wand einer Galerie dar. An der R\u00fcckwand prunkt eine Orgel und der Saal selbst ist f\u00fcr ein kleines Orchester bestuhlt. Die Kost\u00fcme der Darsteller geben sich ebenfalls einfach, aber aussagekr\u00e4ftig: Die Infantin tr\u00e4gt ein Glitzerkleid, dass ihre Kindlichkeit unterstreicht, der Zwerg kommt im Abendgewand und die Partyg\u00e4ste erscheinen als illustre bunte Gesellschaft, wobei die Spiegelsymbolik sich in Handykameras transformiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Chorszene wirkt das Zusammenspiel zwischen Orchestergraben und B\u00fchne noch etwas dick aufgetragen, das allzu schw\u00e4rmerisch Aufbegehrende mag zwar den Instrumenten, weniger aber den Stimmen schmeicheln. Doch spielen sich die Mitstreiter schnell aufeinander ein, so dass es gelingt, die Stimmen glitzernd \u00fcber dem dicht orchestrierten Instrumententeppich zu platzieren. Es ist der 18. Geburtstag von Donna Clara (Elena Tsallagova), der Infantin von Spanien, und die Gratulantinnen \u00fcbersch\u00fctten sie mit Anerkennung und Lobpreisung ihrer Sch\u00f6nheit, respektieren dabei wenig die Ordnung im hergerichteten Festsaal oder den traditionellen Ablauf der Festivit\u00e4t. Schon zu Beginn festigt sich so das Bild einer unreifen, verw\u00f6hnten und oberfl\u00e4chlichen Prinzessin, die allerdings so auch teils unerf\u00fcllbaren Erwartungen ausgesetzt ist und diesen nur durch Passivit\u00e4t begegnen kann. Der Haushofmeister Don Estoban (Philipp Jekal) z\u00e4hlt den Zofen die Geschenke auf, welche die Infantin erhalten soll: neben all m\u00f6glichen Prachtst\u00fccken auch einen Zwerg, ein guter S\u00e4nger, doch h\u00e4sslich missraten in der Gestalt. Doch er wisse nichts von seiner Deformation und sehe sich als stolzen Helden. Der Bariton Philipp Jekal zieht den H\u00f6rer mit sonorer und vollt\u00f6nender Stimme in seinen Bann, verleiht dem Don Estoban Gelassenheit und Verst\u00e4ndnis. Damit der Zwerg seine Gestalt nicht zu sehen bekommt, sollen alle Spiegel geblendet werden \u2013 beziehungsweise werden den G\u00e4sten die Handys abgenommen. Der Zwerg tritt ein, zeigt sich als selbstbewusster Recke, der aber in seinem angestimmten \u201eLied von der blutenden Orange\u201c gewisserma\u00dfen sein eigenes Schicksal besingt, was den H\u00f6rer (auf wie vor der B\u00fchne) stutzig macht. Die Infantin macht sich einen Spa\u00df daraus, dem Zwerg nach dem Lied die Hand einer Hofdame seiner Wahl zu versprechen \u2013 dieser jedoch w\u00e4hlt sie selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Regisseur Tobias Kratzer gelingt ein meisterlicher Wurf mit der Darstellung des Zwergs: Er stellt ihn parallel als kleinw\u00fcchsigen Schauspieler (Mick Morris Mehnert) und gro\u00dfgewachsenen S\u00e4nger (David Butt Philip) dar. Anf\u00e4nglich bleibt die Stimme am Rande des Geschehens und synchronisiert den Schauspieler nur, doch immer mehr tritt er ebenso in das Geschehen ein und etabliert sich schlie\u00dflich als gleichberechtigter Darsteller. Kratzer spielt mit dieser doppelten Instanz, die Selbst- und Fremdwahrnehmung illustriert: denn umso mehr sich die Infantin doch auf den Zwerg einl\u00e4sst, umso mehr wendet sie sich dem \u201estattlichen\u201c Zwerg der Fremdwahrnehmung zu, geht sie wieder auf Distanz, so sieht sie den \u201eKleingewachsenen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im gro\u00dfdimensionierten Duett zwischen Infantin und Zwerg wird aus dem drohenden Unheil sichere Gewissheit, das tragische Ende ist nicht mehr abzuwenden. Der Zwerg gesteht der Infantin seine Liebe und im Spiel erwidert sie zumindest ansatzweise seine Zuneigung. Immer weiter steigert sich diese Szene, in welcher die Infantin mal auf den Kleingewachsenen zugeht, dann aber doch stets zur\u00fcckweicht. Als sie zu weit geht und dem Zwerg offenkundige Hoffnung macht, erkennt sie den Fehler, schreckt zur\u00fcck und bittet ihre Lieblingszofe Ghita, dem Zwerg sein Spiegelbild zu pr\u00e4sentieren. Auch musikalisch avanciert das Duett zu einem H\u00f6hepunkt. Elena Tsallagova begeistert durch ihren klaren, verspielten Sopran; ihr gelingt eine facettenreiche Ausgestaltung der Partie zwischen unschuldiger Begeisterung, kalter Zur\u00fcckweisung und mehr oder minder unbewusster B\u00f6sartigkeit im Spiel mit ihrem Geschenk. David Butt Philip entledigt sich allen gespielten Affekts und stellt einen vielschichtigen, zutiefst menschlichen Zwerg dar, dem man von der ersten Sekunde an glaubt und mit ihm mitfiebert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Ghita nun dem Zwerg \u2013 es spielt Philip \u2013 sein Spiegelbild vorh\u00e4lt, sieht dieser darin nur seinen b\u00f6sen Widersacher, dessen Antlitz er bereits aus einer geschliffenen Klinge oder poliertem Besteck kennt. Doch nun tritt dieser aus seiner Welt heraus, steht in G\u00e4nze vor ihm; und er stellt nach und nach fest, dass er die gleichen Klamotten tr\u00e4gt und sich gleich bewegt, nur vollkommen anders aussieht. Auf der B\u00fchne wird hierzu eine verspiegelte Wand heruntergelassen. Ghita will ihm das Leid der Selbsterkenntnis ersparen oder zumindest so leicht wie m\u00f6glich machen, in ihrer \u00dcberforderung platzt sie allerdings zuletzt mit der ungesch\u00f6nten Wahrheit heraus. Als der Zwerg schlie\u00dflich alleingelassen wird, wechselt die Beleuchtung und durch den Spiegel wird sein wahres Ich \u2013 dargestellt von Mehnert \u2013 sichtbar. In einer pr\u00e4zise choreografierten Szene muss der Zwerg sein wahres Ich erkennen, woran er zugrunde geht: im Kratzers Inszenierung erw\u00fcrgt das Selbstbild das Fremdbild. Entr\u00fcckt fleht er in seinem letzten Atemzug die Infantin an, ihn doch zu lieben: \u201eSag mir, dass es nicht wahr ist. Sage, dass ich sch\u00f6n bin.\u201c Die Infantin bewahrt ihre K\u00e4lte und spricht nur: \u201eGeschenkt und schon verdorben, das Spielzeug zum achtzehnten Geburtstag.\u201c Nach der Spiegelszene wei\u00df der Zuschauer noch nicht recht, was man von Ghita halten solle, nun in der letzten Szene beweist sie ihre gute Seele, ruft beim Anblick des sterbenden Protagonisten zun\u00e4chst \u201eMein Zwerg!\u201c und res\u00fcmiert zuletzt: \u201eGott hat ein armes Herz gebrochen, es war sch\u00f6n.\u201c So sehen wir sie pl\u00f6tzlich als Gegenpart der Infantin, was sich schon zuvor auch stimmlich zeigt: Mit ihrem warmen und vollen Sopran kontrastiert Emily Magee die Infantin und vervollst\u00e4ndigt gewisserma\u00dfen ihre Partie, um zusammen menschlichen Facettenreichtum des Charakters zu erhalten. Wie ein Nachruf fleht der Zwerg \u201eGib mir die wei\u00dfe Rose\u201c und der Vorhang schlie\u00dft unter einem ersch\u00fctternd dissonanten Orchestertutti, der alles kulminieren l\u00e4sst und bewusst aus dem eigenen Stil heraustritt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 2.110657; EAN: 7 47313 56575 7 In Bild und Ton erleben wir die tiefgr\u00fcndige Darstellung Alexander von Zemlinskys Oper \u201eDer Zwerg\u201c (Libretto: Georg C. Klaren) durch den Regisseur Tobias Kratzer, im M\u00e4rz 2019 in der Deutschen Oper Berlin programmiert, gefilmt von G\u00f6tz Filenius und erschienen bei Naxos. 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