{"id":3856,"date":"2020-06-28T08:46:25","date_gmt":"2020-06-28T06:46:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3856"},"modified":"2020-06-28T08:46:27","modified_gmt":"2020-06-28T06:46:27","slug":"singende-tasten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/06\/28\/singende-tasten\/","title":{"rendered":"Singende Tasten"},"content":{"rendered":"\n<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 509; EAN: 4 260052 385098<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0223.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3857\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0223.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/N0223-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf der nunmehr neunten CD von Boris Bloch, die bei Ars Produktion Schumacher erscheint, widmet sich der Pianist der Musik Protr Iljitsch Tschaikowskis. Zentrum der Aufnahme ist der gro\u00dfe Zyklus \u201eDie Jahreszeiten\u201c op. 37bis, erg\u00e4nzend spielt er die Romante f-Moll op. 5, Natha-Valse op. 51\/4, Dumka op. 59, Momento lirico (Impromptu) op. post, Valse sentimental op. 51\/6, und das Wiegenlied op. 16\/1. Auf dem untersch\u00e4tzten sp\u00e4ten Zyklus der 18 St\u00fccke op. 72 h\u00f6ren wir die Nummern acht, Dialogue, und f\u00fcnfzehn, Un poco di Chopin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Tschaikowski teilt den Fluch vieler gro\u00dfer Symphoniker des sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, dass ihre nicht-symphonischen Werke recht stiefm\u00fctterlich behandelt werden \u2013 besonders oft ist es die Klaviermusik, die man vergisst oder deren Werk man untersch\u00e4tzt. Sibelius und Dvo\u0159\u00e1k geben nur zwei der prominenten Beispiele. Durch ihren reinen Ausdruck, die Leichtigkeit des Verst\u00e4ndnisses und angenehme Schlichtheit der Musik wurde sie gerne als \u201eSalonmusik\u201c oder dar\u00fcber hinaus gar als bedeutungslos abgestempelt \u2013 heute, wo wir dieses verheerende Fehlurteil erkennen, ist es bereits zu sp\u00e4t, denn die Musik hat zumindest hier in Deutschland keine Traditionslinie im gro\u00dfen Konzertsaal aufbauen k\u00f6nnen. Um die Vehemenz solch ablehnender Urteile zu unterstreichen, zitiere ich aus dem 1967 erstmals erschienenen Standardwerk \u201eHandbuch der Klavierliteratur zu zwei H\u00e4nden\u201c von Klaus Wolters (1926-2012): \u201eZwei Komponenten bestimmen Geist und Charakter von Tschaikowskys Kompositionen: die kraftvolle, herbe Vitalit\u00e4t seiner russischen Seele und die weichliche Sentimentalit\u00e4t sp\u00e4tromantischer Salonmusik. Leider ist diese zweite, h\u00f6chstens in kleinen Dosen noch genie\u00dfbare Komponente im ganzen Klavierschaffen Tschaikowskys bei weitem vorherrschend, soda\u00df man recht lange suchen muss, um in dem ziemlich umfangreichen Klavierwerk auf etwas einigerma\u00dfen Bemerkenswertes zu sto\u00dfen\u201c (Ausgabe von 1977). Noch herber geht Wolters gegen Dvo\u0159\u00e1k vor und die Klaviermusik von Sibelius zeige gar Passagen auf, die ihn \u201epeinlich ber\u00fchrt\u201c stimmen. Wer also (in Zeiten vor kostenloser und legaler Notendownloadseiten) auf der Suche war nach neuem Repertoire oder f\u00fcr Sch\u00fclerliteratur und in solch einem weitverbreiteten Standardwerk wie diesem st\u00f6berte, wird von Anfang an einen gro\u00dfen Bogen um diese Komponisten machen. Gl\u00fccklicherweise wird gerade Tschaikowski in Russland noch ausgiebig gepflegt und so schwappt seine Solomusik immer wieder auch zu uns her\u00fcber und wir werden jedes Mal von neuem erstaunt, welche Sch\u00e4tze dort zu finden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahreszeiten bestehen aus zw\u00f6lf Charakterst\u00fccken, denen nachtr\u00e4glich je ein Motto untergeschoben wurde. Tschaikowski gab den Monaten beinahe schicksalstr\u00e4chtige Bedeutung und arbeitete penibel genau die jeweiligen Charakteristika seiner Beziehung zu ihnen heraus. So entstanden zutiefst pers\u00f6nliche Momentaufnahmen, die wie musikalische Tagebucheintragungen anmuten, von zeitloser Sch\u00f6nheit und allerinnigstem Gef\u00fchl, dessen Purit\u00e4t verbl\u00fcfft. Pianistisch ansprechend gibt sich besonders die Dumka op. 59 (ein Volkstanz, den wir vor allem durch Dvo\u0159\u00e1ks ber\u00fchmtes Trio kennen) durch ihre schnellen Wechsel und ausgelassenen Stimmungen. Kompositorisch \u00fcberragen die beiden Ausz\u00fcge der St\u00fccke op. 72: dieser Umfangreiche Zyklus stellt wohl die Spitze von Tschaikowskis Klavierschaffen dar, und doch wird er beinahe nie in G\u00e4nze aufgef\u00fchrt. Augenzwinkernd k\u00f6nnen die beiden darin enthaltenen Stilkopien betrachtet werden, die Schumann bzw. Chopin verehrend ver\u00e4ppeln, tiefgr\u00fcndig hingegen St\u00fccke wie der hier zu h\u00f6rende Dialog in seiner sinnenden Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Charakterisiert kann das Spiel von Boris Bloch vor allem durch den Wohlklang seines Anschlags werden; sanfte, singende Tongebung macht seine Darbietungsweise aus. Dies allein gibt Bloch bereits eine Sonderstellung an seinem Instrument, dessen weitgehend kontaktlose Tonerzeugung die meisten doch mehr oder weniger dazu verleitet, unbeteiligt oder gar mechanisch zu spielen. Gerade die sentimentalen, ruhigen St\u00fccke erhalten so einen packenden Impetus, der den H\u00f6rer am Geschehen teilhaben l\u00e4sst. Doch auch die rascheren St\u00fccke seien nicht zu vernachl\u00e4ssigen, denn hier brillieren die L\u00e4ufe nicht nur, sondern singen und besitzen so eine viel farbigere und tragf\u00e4higere Linienf\u00fchrung. Um diese Klanglichkeit aufrechtzuerhalten, opfert Bloch teils einige wichtige Anweisungen im Notentext wie anschwellende Dynamik (besonders im Januar) oder ganze Nebenstimmen (bei Un poco di Chopin ersichtlich). In der Gro\u00dfform der Dumka op. 59 verliert sich der Fluss teils im Moment, trefflich gelingen daf\u00fcr die raschen \u00dcberg\u00e4nge zwischen den kontrastierenden Abschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten der Aufnahmen dieser CD entstanden \u00fcbrigens als Livemitschnitte eines Gedenkkonzerts 2018 zum 125. Todestag des Komponisten: acht Nummern der Jahreszeiten, die Romanze, der Natha-Valse und Dumka entstammen dieser Auff\u00fchrung; genauere Angaben der Studioaufnahmen bleiben uns vorenthalten. Zwar k\u00f6nnen die Konzertmitschnitte auf tontechnischer Ebene bei weitem nicht mit dem tontechnisch enormen Standard mithalten, der die Ars Produktion ausmacht, doch vom spieltechnischen Aspekt aus unterstreicht dies die Einmaligkeit des Moments und Blochs emotionalen wie geistigen Fokus auf die Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 509; EAN: 4 260052 385098 Auf der nunmehr neunten CD von Boris Bloch, die bei Ars Produktion Schumacher erscheint, widmet sich der Pianist der Musik Protr Iljitsch Tschaikowskis. 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