{"id":3859,"date":"2020-07-01T09:20:41","date_gmt":"2020-07-01T07:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3859"},"modified":"2020-07-01T09:20:47","modified_gmt":"2020-07-01T07:20:47","slug":"symbiose-zweier-traditionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/07\/01\/symbiose-zweier-traditionen\/","title":{"rendered":"Symbiose zweier Traditionen"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.573871; EAN: 7 47313 38717 5<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0224.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3860\" width=\"318\" height=\"318\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0224.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0224-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0224-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 318px) 100vw, 318px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Peter Szilvay dirigiert das Kristiansand Symphony Orchestra mit den beiden Symphonien des norwegischen Komponisten Eivind Groven. Die Erste Symphony op. 26 entstammt dem Jahr 1937 und wurde 1950 revidiert, sie tr\u00e4gt den Beinamen \u201eInnover viddene\u201c (Zu den Hochebenen \u2013 oft \u00fcbersetzt als: Zu den Bergen). Die Zweite Symphonie op. 34 hei\u00dft \u201eMidnattstimen\u201c (Mitternachtsstunde) und wurde in den Jahren 1938-43 komponiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eivind Groven zieht seine Inspiration aus der Volksmusik. Mit ihr wuchs er auf und erlernte schon fr\u00fch die Hardingfele (Hardangerfiedel), eines der wichtigsten norwegischen Nationalinstrumente: Sie \u00e4hnelt einer Violine, doch besitzt vier Resonanzsaiten, die unter den Spielsaiten liegen und Bordunkl\u00e4nge mitschwingen lassen. Das Notenlesen brachte Groven sich selbst bei und er begann, folkloristische Melodien nach Geh\u00f6r niederzuschreiben. So durchdrungen vom Geist der Volksmusik wurde sie auch Ausgangspunkt seiner Kompositionen: zwar zitierte er meist nicht w\u00f6rtlich, doch lehnte er seine Melodien und Formen deutlich an das Nationalgut an (\u00e4hnlich machte dies im \u00dcbrigen auch Harald S\u00e6verud, der wohl als bedeutendster Symphoniker des Landes gelten darf). Auf melodiescher Ebene f\u00fchrte dies zu eing\u00e4ngig pr\u00e4gnanten Themen, von denen eines sogar dem Rundfunk als Erkennungssignal diente. In Kombination aus der klassischen Sonatensatzform und der asymmetrischen Form der norwegischen Volkst\u00e4nze, <em>Sl\u00e5tter<\/em>, schuf Groven ganz eigene Modelle, in denen auch die subtilen vor allem rhythmisch veranlagten Variationsm\u00f6glichkeiten der nordischen Volkst\u00e4nze zum Tragen kommen, die jedoch laut Groven auch gewisse Verbindung zur Musik Bachs aufweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den naturt\u00f6nigen Weisen aus der Folklore gew\u00f6hnte sich Grovens Ohr nat\u00fcrlich an die reine Stimmung, weshalb ihn die gleichschwingende Stimmung der Tasteninstrumente st\u00f6rte. (1861 f\u00fchrte Andreas Werckmeister verschiedene M\u00f6glichkeiten der Stimmung ein, damit auf einem Tasteninstrument transponiert werden kann und eine eingestellte Stimmung nicht nur f\u00fcr eine Tonart ihre volle G\u00fcltigkeit besitzt. Durch Bach wurde die \u201eWohltemperierte Stimmung\u201c ber\u00fchmt, die ihn veranlasste, Pr\u00e4ludien und Fugen in allen Tonarten zu schreiben, darin weit zu modulieren und enharmonisch umzudeuten \u2013 was nun alles auf einem Instrument spielbar wurde. Heute verwenden wir die gleichschwebende Stimmung, in der jede Taste den gleichen Schwindungsabstand zu ihren Nachbarn hat: die Abweichungen vom Naturton geben sich kaum zu erkennen und erm\u00f6glichen es, zu allen Tonzentren gleicherma\u00dfen zu modulieren.) Groven konzipierte und baute eine Orgel, die beim Spielen ein Umstimmen erm\u00f6glicht und somit auf Naturt\u00f6nen basiert werden kann, wof\u00fcr er selbst vom Bach-Spezialisten und Nobelpreistr\u00e4ger Albert Schweizer in den h\u00f6chsten T\u00f6nen gelobt wurde. Bis heute setzte sich diese Art der Orgel allerdings nicht durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden <em>Symphonien<\/em> z\u00e4hlen neben dem <em>Klavierkonzert<\/em> zu den gr\u00f6\u00dften Erfolgen in Grovens Schaffen, daneben schrieb er noch einige Orchesterwerke, zahlreiche Vokalwerke zumeist mit Klavierbegleitung, Klavier- und Orgelst\u00fccke sowie Werke f\u00fcr die Hardingfele. Die <em>1. Symphonie<\/em> komponierte er 1937 und reichte sie bei einem Wettbewerb des norwegischen Radios ein, die nach Pausenzeichen und Erkennungssignalen f\u00fcr ihre Station suchten: in beiden Kategorien gewann Eivind Groven. Nach der Urauff\u00fchrung der <em>2. Symphonie<\/em> revidierte Groven sein Erstlingswerk, l\u00f6ste den dritten und vierten Satz (<em>Springar<\/em> und <em>Gangar<\/em>) heraus \u2013 er arbeitete sie sp\u00e4ter in seine <em>Symphonischen Sl\u00e5tter<\/em> ein \u2013 und expandierte das \u00fcbriggebliebene Material, das er in vier S\u00e4tze organisierte. Ein Jahr nach Abschluss der ersten Fassung der <em>Ersten Symphonie<\/em> machte sich Groven direkt an die <em>Zweite<\/em>, die er nun dreis\u00e4tzig konzipierte, worin eine noch engere Symbiose der klassischen volksmusikalischen Formen durchgef\u00fchrt wurde. Der Titel \u201eMitternachtsstunde\u201c soll laut Komponist nachdr\u00fccklich nicht programmatisch verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die reiche Orchestration der Symphonien l\u00e4sst nat\u00fcrlich die kontinentalen Einfl\u00fcsse nicht abstreiten und doch gelingt es Groven, gro\u00dfe Werke im Geist der Folklore anzulegen. Obgleich sich die Musik durch modale Tonvorr\u00e4te und einige eigenwillige Harmonien von den romantischen Symphonien absetzt, so wirkt ihre Tonsprache doch in keine Note modern oder vorw\u00e4rtsgewandt. Groven setzt auf Sch\u00f6nklang, auf organische Verl\u00e4ufe und auf die Verst\u00e4ndlichkeit seiner Musik, wodurch seine Werke \u00e4u\u00dferlich zwar nicht aufbegehren, daf\u00fcr jedoch den H\u00f6rer erfreuen und zwei dissoziierte Traditionslinien zwanglos zusammenschwei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Volumin\u00f6s und expansiv l\u00e4sst uns das Kristiansand Symphony Orchestra unter Peter Szilvay diese beiden Symphonien erleben. Spielerisch und freundlich gehen die Musiker an die Symphonien heran, lassen die Themen strahlen und die Klangf\u00fclle erbl\u00fchen. Die Spielfreude wird durchh\u00f6rbar. Den Orchesterklang h\u00e4lt Szilvay kompakt geb\u00fcndelt, er vermeidet \u00fcberm\u00e4\u00dfige Kontraste, l\u00e4sst statt dessen die Musik grazil transformieren und flie\u00dfen, was den Vorstellungen Grovens sowohl seitens Bach als auch seitens der Sl\u00e5tterformen sicherlich entsprechen d\u00fcrfte. In Erinnerung bleibt besonders das Blech, welches golden und sanftm\u00fctig gl\u00e4nzt und f\u00fcr einzigartige Momente sorgt, wie man sie auf diese Weise sonst nur von Sibelius kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Zeit, wo die zentraleurop\u00e4ischen L\u00e4nder sich in Modernit\u00e4ten verstricken und immer engstirnigere Ideale verfolgen, bewahrten sich die n\u00f6rdlichen L\u00e4nder stilistische Freiheit, Offenheit und umfassende Akzeptanz. So verwundert es zwar nicht, dass viele der dortigen Komponisten nie \u00fcber die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden, wo sie teils bis heute als unzeitgem\u00e4\u00df abgestempelt werden, doch sorgt dies auch f\u00fcr eine unendliche F\u00fclle an ansprechenden, inspirierten und vor allem einmaligen Personalstilen, von denen viele noch zu entdecken sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.573871; EAN: 7 47313 38717 5 Peter Szilvay dirigiert das Kristiansand Symphony Orchestra mit den beiden Symphonien des norwegischen Komponisten Eivind Groven. Die Erste Symphony op. 26 entstammt dem Jahr 1937 und wurde 1950 revidiert, sie tr\u00e4gt den Beinamen \u201eInnover viddene\u201c (Zu den Hochebenen \u2013 oft \u00fcbersetzt als: Zu den Bergen). 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