{"id":3863,"date":"2020-07-05T06:42:00","date_gmt":"2020-07-05T04:42:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3863"},"modified":"2020-07-06T06:42:53","modified_gmt":"2020-07-06T04:42:53","slug":"eine-musikalische-sternschnuppe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/07\/05\/eine-musikalische-sternschnuppe\/","title":{"rendered":"Eine musikalische Sternschnuppe"},"content":{"rendered":"\n<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 006; EAN: 9 003643 980068<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-container-2 wp-block-gallery-1 wp-block-gallery columns-2 is-cropped\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"600\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225-1.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3865\" data-full-url=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225-1.jpg\" data-link=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?attachment_id=3865\" class=\"wp-image-3865\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225-1.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225-1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"600\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225b.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3866\" data-full-url=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225b.jpg\" data-link=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?attachment_id=3866\" class=\"wp-image-3866\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225b.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225b-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0225b-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Sechs Jahre schlummerten die Aufnahmen dieser CD in den Archiven, bevor sie nun endlich das Licht des Tages erblicken und somit einen vollkommen unbekannten Violinisten als einen der tiefgr\u00fcndigsten Musiker unserer Zeit pr\u00e4sentieren. Lucas Brunnert spielt Grundpfeiler der Literatur f\u00fcr Violine alleine von namhaften wie entdeckenswerten Meistern: umrahmt wird die CD von der symphonisch angelegten Sonate f\u00fcr Violine allein op. 12 von Eduard Erdmann und der zweiteiligen Phantasie von Heinz Schubert. Dazwischen erklingt das Pr\u00e4ludium op. 11 Nr. 2 von Edmund von Borck, Johann Sebastian Bachs Zweite Violinsolosonate a-Moll BWV 1003 und Paul Hindemiths Sonate op. 31 Nr. 2.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie eine Sternschnuppe erglimmt diese CD von Lucas Brunnert mit Aufnahmen vom Dezember 2014, setzt Ma\u00dfst\u00e4be und sollte das Geigenfirmament nicht unber\u00fchrt lassen, denn wir erleben hier einen Musiker von vollendeter Feinheit, Innigkeit und Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich erfuhr, dass diese CD erschienen ist, bestellte ich sie ohne Umschweife \u2013 denn tats\u00e4chlich h\u00f6rte ich Lucas Brunnert in den Jahren 2014 und 2015 mehrfach in ausnahmslos kleinen Konzerten am Tegernsee oder im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen. Deutlich erinnere ich mich an das erste Mal, als ich ihn h\u00f6rte: ich wurde gebeten, bei einem Konzert umzubl\u00e4ttern \u2013 die K\u00fcnstler kannte ich nicht. Als die beiden Musiker das erste St\u00fcck anstimmten, war ich wie in Trance, denn solch eine hingebungsvolle Spielweise, solch ein unsagbar herrliches Spiel hatte ich noch nie erlebt. Als Lucas Brunnert die Melodia aus Bart\u00f3ks Soloviolinsonate spielte, verga\u00df ich die Zeit, beim gemeinsam mit der Pianistin Ottavia Maria Maceratini musizierten Schubert vor Faszination fast das Umbl\u00e4ttern. Dieses musikalische Schl\u00fcsselerlebnis geht mir bis heute nach und auch die folgenden Konzerte der beiden Musiker oder von Lucas Brunnert alleine beeinflussen unaufh\u00f6rlich mein Spiel wie allgemein meinen Zugang zur Musik. Seit dem Sommer 2015 pl\u00f6tzlich gab es keine Konzertank\u00fcndigungen mehr von Lucas Brunnert, er war wie vom musikalischen Erdboden verschwunden \u2013 bis ich diese CD vor mir liegen sah. Das bizarre Layout mit den blanken Albuminformationen schwarz auf wei\u00df auf der Vorderseite und dem textlosen Graustufenbild eines ge\u00f6ffneten Autodachfensters auf der R\u00fcckseite irritiert, aber zieht auf eigenartige Weise die Blicke auf sich. Im umfangreichen Booklet mit dem umfassend informierenden wie ansprechenden Begleittext von Christoph Schl\u00fcren finden sich weitere Bilder des Titelfotografen Max Rossner, der zauberhafte Stillleben einer Autoreise dokumentierte, den Titel der CD illustrierend: \u201eGateway into the Beyond\u201c. Wer die abenteuerlichen Berichte Eduard Erdmanns von seinen Italienreisen mit dem Auto kennt (nachzulesen in: Begegnungen mit Eduard Erdmann), wird sogleich auch den unscheinbaren Bezug zum musikalischen Programm entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn steht direkt ein weltersteingespieltes Werk f\u00fcr Violine solo mit unvorstellbarem Gehalt (bei Genuin Classics erschien das Werk nur wenige Wochen fr\u00fcher \u2013 jedoch sp\u00e4ter aufgenommen \u2013&nbsp; mit Judith Ingolfsson, die allerdings trotz ebenfalls intuitivem wie ersp\u00fcrtem Spiel weit weniger in den Noten entdeckte als Lucas Brunnert). Beinahe symphonisch mutet diese Sonate op. 12 von Eduard Erdmann an, die mit einem mysteri\u00f6s freitonalen Motiv beginnt, Cis\u201c-Dis\u2018-Gis-E\u2018-C\u201c-Fis\u2018, aus welchem sich ein gewaltiger Kosmos entfaltet voll organischer Entwicklung und tiefgreifend emotionalen Kontrasten. Die Sonate gilt als sperrig und spr\u00f6de, gar als unzug\u00e4nglich \u2013 welch ein Fehlurteil! Die Tatsache ist, dass sich wohl die Geiger nicht ad\u00e4quat mit der freien Tonalit\u00e4t samt ihrer enormen Spannungen auseinandergesetzt haben. So handelt in der fr\u00fcher erschienen Aufnahme Judith Ingolfsson das Anfangsmotiv als simple Melodie ab, ohne dass viel davon bei uns h\u00e4ngenbleibt; bei Lucas Brunnert nehmen wir nun die einzelnen Bez\u00fcge von Ton zu Ton wahr, verstehen beim H\u00f6ren die trotz der Abw\u00e4rtsbewegung expansive Kraft von Cis\u201c nach Dis\u2018, die leichte Entspannung zum Gis und den unerwartet extrem nach innen gerichtete Zug hoch zum E\u2018. Und so exerziert der Violinist die gesamte Sonate durch, wobei er sich nicht blo\u00df auf solche Mikrobez\u00fcge st\u00fctzt, sondern gleicherma\u00dfen im Gro\u00dfen korreliert und Beziehungen sucht. Das Werk macht Sinn, von vorne bis hinten, vom Detail bis zum Ganzheitlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Edmund von Borck und Heinz Schubert fielen beide im Zweiten Weltkrieg. Der Name von Borck ist heute h\u00f6chstens noch mit einem stumpfen Lexikoneintrag verkn\u00fcpft, er habe das erste Saxophonkonzert geschrieben, welches 1932 von Sigurd Rasch\u00e8r uraufgef\u00fchrt wurde. Seine Musik bezaubert durch ihre himmlische Klangsprache in strahlender Tonalit\u00e4t und voll subtiler Detailverliebtheit. Anders als von Borck kommt die Musik Heinz Schuberts nach und nach ans Licht, sp\u00e4testens durch die Renaissance seines Idols Heinrich Kaminski, von dem immer mehr Werke eingespielt und verlegt werden. Kaminski wie Schubert z\u00e4hlen zu den bedeutenden Kontrapunktikern der Epoche nach Bruckner. Beide wurden w\u00e4hrend der Herrschaft der Nationalsozialisten aufgef\u00fchrt, obgleich sie sich beide nicht den Forderungen der Partei unterwarfen: W\u00e4hrend von Borcks Tonsprache deutlich zu modern war f\u00fcr das Regime, stellte Schubert sich als Dirigent teils offen gegen das Auff\u00fchrungsverbot von u.a. Kaminski. Anfang 1944 wurde von Borck eingezogen und starb in Nettuno beim Einfall der Alliierten; Heinz Schubert stand bis zur Emigration Furtw\u00e4nglers unter dessen Schutz, wurde aber zum letzten Aufgebot eingezogen und kam bei einer Verteidigungsschlacht ums Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die zeitlose Musik von Bach muss nichts gesagt werden, Lucas Brunnert l\u00e4sst sie in aller Schlichtheit und grenzenloser Reinheit aufbl\u00fchen, beschert uns so ganz besondere Momente mit diesem Werk aus dem Standardrepertoire, welche so nur selten erlebt werden k\u00f6nnen. Auch Hindemiths beide Solosonaten d\u00fcrfen mittlerweile gl\u00fccklicherweise zum Standardrepertoire z\u00e4hlen und mit der hier zu h\u00f6renden Zweiten schafft Brunnert eine Referenzaufnahme. Das ansonsten doch oft kahl wirkende St\u00fcck erh\u00e4lt unter dem feinen Strich des jungen Geigers ein neues Farbgewand, spr\u00fcht f\u00f6rmlich Funken und entsteht in aller Lebendigkeit. Die fast durchgehende Einstimmigkeit wird zum durchdringenden Gesang, der den Raum erf\u00fcllt. Sarkastisch brodelt das Pizzicato-Scherzo und mit den Variationen \u00fcber \u201eKomm lieber Mai und mache\u201c triumphiert der Komponist so ausgewogen und formal perfektioniert, dass er m\u00fchelos selbst neben dem Genie Mozart bestehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 006; EAN: 9 003643 980068 Sechs Jahre schlummerten die Aufnahmen dieser CD in den Archiven, bevor sie nun endlich das Licht des Tages erblicken und somit einen vollkommen unbekannten Violinisten als einen der tiefgr\u00fcndigsten Musiker unserer Zeit pr\u00e4sentieren. 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