{"id":3868,"date":"2020-07-08T10:13:10","date_gmt":"2020-07-08T08:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3868"},"modified":"2020-07-08T10:13:14","modified_gmt":"2020-07-08T08:13:14","slug":"giltburgs-reise-beginnt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/07\/08\/giltburgs-reise-beginnt\/","title":{"rendered":"Giltburgs Reise beginnt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Lauf des Jahres 2020 will Boris Giltburg alle 32 Beethovensonaten einstudieren und aufnehmen \u2013 das Ergebnis erscheint auf neun digitalen Alben, zudem auf Video, welches auf YouTube einzusehen ist. Pers\u00f6nliche Einf\u00fchrungstexte, Gedanken und Impressionen der Probenarbeit liegen auf der Website <\/em><a href=\"http:\/\/www.beethoven32.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>www.beethoven32.com<\/em><\/a><em> in deutscher wie englischer Sprache vor. Frisch erschien die erste CD-Auskopplung mit den drei Sonaten op. 2.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3869\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-1536x1536.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0226-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Unterfangen ist ein gewaltiges: Im Laufe diesen Jahres studiert Boris Giltburg alle der insgesamt 32 umfangreichen wie anspruchsvollen Klaviersonaten Ludwig van Beethovens ein, 23 davon sind ihm bislang v\u00f6llig neu. Dabei legt er zu Beginn ein gewaltiges Tempo vor, studierte die ersten sieben Sonaten binnen weniger Wochen ein, die drei Sonaten op. 10 brachte er innerhalb von neun Tagen vom \u00dcbebeginn zur Aufnahme. Er begleitet dieses Projekt auf seinem Blog <a href=\"http:\/\/www.beethoven32.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.beethoven32.com<\/a>, der auf Englisch und Deutsch gelesen werden kann, h\u00e4lt uns so stets auf dem Laufenden und verleiht dem Ganzen eine pers\u00f6nliche, ansprechende und zutiefst menschliche Note, die seine eigene Verliebtheit in die Notenwelt Beethovens unterstreicht. Urspr\u00fcnglich h\u00e4tte die hier vorliegende erste Alben-Auskopplung ohne Label bereits im Mai erscheinen sollen, nun nahm sich allerdings Naxos des Projekts an, brachte vergangenen Freitag die erste digitale CD heraus (<a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/album\/5SDvPRM2xytIBOT3FtAh81\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">anzuh\u00f6ren hier<\/a>) und wird die gesammelten Aufnahmen kommendes Jahr als CD-Box in den Handel bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Sonaten op. 2 w\u00e4hlte Beethoven mit besonderer Bedacht, markierten sie schlie\u00dflich nach den drei Trios op. 1 den Beginn seines publizierten Schaffens: so mussten sie direkt ein Zeichen setzen, von Anfang an die Einzig- und Neuartigkeit seines Stils zur Schau stellen. Als Widmungstr\u00e4ger dient der prominente Lehrer Beethovens, Joseph Haydn.<\/p>\n\n\n\n<p>Bislang genoss ich die Aufnahmen Boris Giltburgs mit Vorsicht, da mir schien, die unb\u00e4ndige technische Potenz des Pianisten unterminiere bisweilen die musikalische Substanz. Giltburg \u00fcberraschte immer wieder durch tiefe Empfindungen, lie\u00df aber dann doch oft die Finger sprechen und nicht unbedingt das innige Verst\u00e4ndnis. Umso mehr \u00fcberrascht der Pianist nun mit seiner Beethovendarbietung, denn er empfindet, was er spielt, und vermittelt dies so frei und unverbindlich an den H\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schreibt selbst in seinem Blog, dass die <em>Erste Sonate<\/em> auch der gr\u00f6\u00dften Herausforderung entspricht, da sie schlie\u00dflich die Erste sei und so alle Erwartungen zu erf\u00fcllen habe. Bei dieser Sonate habe ich das Gef\u00fchl, Giltburg musste sich erst in diese Welt einleben und warm werden mit dem Stil des noch jugendlich \u00fcberschw\u00e4nglichen Beethovens, der beinahe Mozart\u2019schen Witz und Haydn\u2019sche Gelassenheit verstr\u00f6mt. So erscheint dieses Erstlingswerk bereits etwas zu romantisch, tr\u00e4umerisch und entsprechend nicht ganz dem Umfeld entsprechend, in das sie komponiert wurde. Dieses Werk ben\u00f6tigt noch die Klarheit und Pr\u00e4zision, die Ausgewogenheit der Klassik, sollte noch nicht zu sehr in die rauschhafte, ger\u00e4uschlastige und \u00fcberbordende Gef\u00fchlswelt des lebenserfahreneren Beethovens eintauchen. Daf\u00fcr wundert es, dass Giltburg auch Durchf\u00fchrung und Reprise des Kopfsatzes wiederholt: diese Praxis macht sp\u00e4testens ab dem mittleren Haydn keinen Sinn mehr, geschweige denn bei Beethoven. Daf\u00fcr trieb uns die Durchf\u00fchrung zu weit hinfort und die Schlusswirkung ist zu final, um dann erneut diese Reise zu durchleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitaus gelungener pr\u00e4sentiert sich da die<em> A-Dur-Sonate Nr. 2<\/em> in ihrer wankelm\u00fctigen Leichtigkeit, die voller subtiler Gefahren steckt und den Pianisten aufs Glatteis legen will. Hier gelingt Giltburg die Unbeschwertheit und eine gewisse Keckheit, mit der Beethoven bewusst provoziert. Das Lento appassionato k\u00f6nnte die Melodie noch etwas weiter zum Tragen bringen, ansprechend geben sich daf\u00fcr die Kontraste zwischen den einzelnen Ebenen und die formale Gestaltung. Beim lebhaft-verspielten Scherzo bl\u00fcht Giltburg endg\u00fcltig auf und steigert sich sogar noch in dem h\u00f6llisch-virtuosen Rondo-Finale, das f\u00fcr die Zeit technisch neue Ma\u00dfst\u00e4be setzt. Unbek\u00fcmmert und munter rast der Pianist durch die horrend schwierigen Umspielungen des Themas, gibt ihnen dabei melodischen Stellenwert und zeigt Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Musik in ihrer klassischen Leichtigkeit und k\u00fchnen Fortschrittlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die pianistische Meisterschaft setzt Giltburg in der <em>Dritten Sonate C-Dur<\/em> fort, ein wahres Klavierkonzert ohne Orchester. Teils k\u00f6nnte die von Beethoven minuti\u00f6s ausgefeilte Dynamik noch w\u00f6rtlicher genommen, die Unterschiede zwischen pp, p, mp, mf, f und ff noch mehr an die Oberfl\u00e4che gebracht werden. Giltburg rei\u00dft uns mit durch den nach vorne ziehenden Sog der T\u00f6ne, die hier bereits herber werdenden Kontraste und harmonischen Finessen, die wir deutlich zu Geh\u00f6r bekommen. Im Kopfsatz \u00fcberzeugt vor allem der lange Aufbau am Ende der Reprise in Richtung einer Kadenz. Im Adagio bringt der Pianist alle Innigkeit und Z\u00e4rtlichkeit zum Vorschein, die in ihm steckt, bezaubert durch die Fl\u00e4chigkeit und langsame Metamorphose. Das Allegro nimmt er in abenteuerlicher Geschwindigkeit, bleibt dennoch durchsichtig und sprudelt f\u00f6rmlich \u00fcber im Trio. Das Finale wird zum freudigen Kehraus, pr\u00e4sentiert sein technisches K\u00f6nnen und seine manuelle Leichtigkeit auf atemberaubende Weise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Mai\/Juli 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Lauf des Jahres 2020 will Boris Giltburg alle 32 Beethovensonaten einstudieren und aufnehmen \u2013 das Ergebnis erscheint auf neun digitalen Alben, zudem auf Video, welches auf YouTube einzusehen ist. Pers\u00f6nliche Einf\u00fchrungstexte, Gedanken und Impressionen der Probenarbeit liegen auf der Website www.beethoven32.com in deutscher wie englischer Sprache vor. 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