{"id":3877,"date":"2020-07-14T09:39:55","date_gmt":"2020-07-14T07:39:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3877"},"modified":"2021-02-11T17:21:59","modified_gmt":"2021-02-11T16:21:59","slug":"franzoesische-raritaeten-mit-einem-fantastischen-fruehwerk-von-boulez","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/07\/14\/franzoesische-raritaeten-mit-einem-fantastischen-fruehwerk-von-boulez\/","title":{"rendered":"Franz\u00f6sische Rarit\u00e4ten \u2013 mit einem fantastischen Fr\u00fchwerk von Boulez"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.573894; EAN: 7 47338947 6<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0228.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3878\" width=\"355\" height=\"355\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0228.jpg 900w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0228-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0228-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0228-768x768.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der niederl\u00e4ndische Pianist Ralph van Raat pr\u00e4sentiert \u00bbFranz\u00f6sische Klavier-Rarit\u00e4ten\u00ab, darunter einige erst sp\u00e4t aufgetauchte St\u00fccke von Debussy und Ravel, Messiaens \u00abLa Fauvette passerinette\u00bb sowie zwei Solonummern aus \u00abDes canyons aux \u00e9toiles\u00bb. H\u00f6hepunkt sind aber drei St\u00fccke von Boulez: Une page d\u2019\u00e9ph\u00e9m\u00e9ride, die fr\u00fchen 12 Notations und \u2013 als Ersteinspielung \u2013 Pr\u00e9lude, Toccata et Scherzo.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ralph van Raat<\/em> (Jahrgang 1978) hat sich mittlerweile als Spezialist f\u00fcr Neue Musik ein ziemlich beeindruckendes Repertoire erarbeitet und f\u00fcr Naxos schon etliche Alben eingespielt, darunter P\u00e4rt, Adams, Tavener und Rzewski. Auf der neuen CD widmet er sich noch recht unbekannten Werken von vier franz\u00f6sischen \u201eGro\u00dfmeistern\u201c der Klaviermusik: Debussy, Ravel, Messiaen und Boulez. Dennoch sind die hier vorgelegten St\u00fccke allesamt bereits auf CD erh\u00e4ltlich \u2013 bis auf eines: Pierre Boulez\u2018 <em>Pr\u00e9lude, Toccata et Scherzo<\/em>, ein Fr\u00fchwerk (1944), das der Komponist nie ver\u00f6ffentlicht hat, das aber bereits an der Schwelle zu seinen \u201eoffiziellen\u201c St\u00fccken steht und den Rezensenten hier restlos begeistern konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben wir zun\u00e4chst bei Boulez: Die nur Monate sp\u00e4ter entstandenen, knappen \u2013 insgesamt ~ 10-min\u00fctigen \u2013 <em>Douze Notations<\/em> zeigen einen radikalen Stilwandel, verk\u00fcrzt: eine Hinwendung von Sch\u00f6nberg und Messiaen zu Webern. Jedes St\u00fcck hat genau 12 Takte und alle benutzen dieselbe Zw\u00f6lftonreihe. Van Raats Darbietung deutet die Musik als Abfolge von kontrastierenden Charakterst\u00fccken, klanglich kultiviert, mit intelligentem Pedalgebrauch und Sinn f\u00fcr \u201esch\u00f6ne\u201c Wendungen. Von der Radikalit\u00e4t und auch Rauigkeit, die etwa <em>Pi-Hsien Chen<\/em> oder <em>Pierre-Laurent Aimard<\/em> hier immer zelebrieren, distanziert er sich aber anscheinend ganz bewusst. Daf\u00fcr gelingt ihm bei <em>Pr\u00e9lude, Toccata et Scherzo <\/em>\u2013 mit 27 Minuten immerhin so umfangreich wie die 2. bzw. 3. Sonate \u2013 ein echter Premieren-Kracher. Die Musik ist derart mitrei\u00dfend virtuos und l\u00e4sst, besonders in der Toccata, schon den <em>echten <\/em>Boulez aufblitzen, dass man staunt, warum der Komponist dieses erstklassige Werk dem Publikum so lange vorenthalten hat \u2013 bis er es von Ralph van Raat h\u00f6rte. Boulez\u2018 letztes Klavierst\u00fcck <em>Une page d\u2019\u00e9ph\u00e9m\u00e9ride <\/em>ist mehr als ein \u201eAlbumblatt\u201c \u2013 schade jedoch, dass Naxos die etwas \u00e4lteren <em>Incises <\/em>auf einen gesonderten Digital-Download (10 Minuten f\u00fcr 8 Euro ?!?) ausgelagert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Man h\u00e4tte stattdessen besser einen der Solo-S\u00e4tze aus Messiaens vielleicht gro\u00dfartigstem Orchesterwerk <em>Des canyons aux \u00e9toiles<\/em> weglassen k\u00f6nnen. Nicht, dass van Raat <em>Le Cossyphe d\u2019Heuglin<\/em> und <em>Le Moqueur polyglotte <\/em>weniger gut spielte \u2013 auch hier hat er seinen eigenen, typisch klangsch\u00f6nen Zugang f\u00fcr die eigenartigen Vogelkl\u00e4nge. Trotzdem entfalten diese beiden S\u00e4tze erst im gro\u00dfen Kontext ihre wahre Bedeutung. Lohnenswert auf alle F\u00e4lle die erst 2012 entdeckte <em>La Fauvette passerinette<\/em>, gewisserma\u00dfen eine Zugabe zum gro\u00dfangelegten <em>Catalogue d\u2019oiseaux<\/em>. Die \u201eSp\u00e4tentdeckungen\u201c von Debussy und Ravel sind nat\u00fcrlich interessant, aber dennoch nur etwas f\u00fcr den enzyklop\u00e4dischen Sammler: Ravels <em>Menuet <\/em>ist lediglich eine Petitesse, Debussys <em>Les Soirs illumin\u00e9s par l\u2019ardeur du charbon<\/em> war ein Geschenk an seinen Kohlenh\u00e4ndler im strengen Winter 1917, das an \u00e4hnlich betitelte St\u00fccke aus den <em>Pr\u00e9ludes <\/em>ankn\u00fcpft, die <em>\u00c9tude retrouv\u00e9e <\/em>ist die \u2013 dann verworfene \u2013 Erstfassung der Et\u00fcde <em>Pour les arp\u00e8ges compos\u00e9s<\/em>. Ralph van Raat gestaltet dies so, dass die historischen Zusammenh\u00e4nge sofort evident werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Erstklassig dargebotene Seltenheiten, die mancher vielleicht trotzdem schon kennt. Aber allein wegen Boulez\u2018 <em>Pr\u00e9lude, Toccata et Scherzo <\/em>wird diese Scheibe dann doch ein absolutes Muss f\u00fcr jeden Freund moderner Klaviermusik. Da war Naxos mal wieder schneller als die Konkurrenz\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Juli 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.573894; EAN: 7 47338947 6 Der niederl\u00e4ndische Pianist Ralph van Raat pr\u00e4sentiert \u00bbFranz\u00f6sische Klavier-Rarit\u00e4ten\u00ab, darunter einige erst sp\u00e4t aufgetauchte St\u00fccke von Debussy und Ravel, Messiaens \u00abLa Fauvette passerinette\u00bb sowie zwei Solonummern aus \u00abDes canyons aux \u00e9toiles\u00bb. 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