{"id":3882,"date":"2020-07-17T15:42:36","date_gmt":"2020-07-17T13:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3882"},"modified":"2020-07-17T15:42:40","modified_gmt":"2020-07-17T13:42:40","slug":"repertoirewert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/07\/17\/repertoirewert\/","title":{"rendered":"Repertoirewert"},"content":{"rendered":"\n<p>Kaleidos, KAL 6348-2; EAN: 4 260164 634824<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0229.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3883\" width=\"292\" height=\"262\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0229.jpg 800w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0229-300x269.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/N0229-768x688.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Weltersteinspielungen h\u00f6ren wir auf der neuesten CD des Duos Joanna Sachryn und Paul Rivinius: die beiden Musiker spielen die Zweite Cellosonate a-Moll op. 172 und die Serenade op. 109 von Ferdinand Hiller sowie die Cellosonate D-Dur op. 29 von Anton Urspruch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Lebzeiten waren sie beide gefeierte Komponisten und P\u00e4dagogen, doch nach ihrem Tod verblasste ihr Ruhm ohne erkennbare Gr\u00fcnde. Dieses Schicksal teilen sich zahllose gro\u00dfe Musiker, die zum gr\u00f6\u00dften Teil bis heute in der Versenkung schlummern. Den Wert derer Werke erkennend, machen sich immer wieder Musiker daran, die Komponisten wiederzuentdecken und in Konzert wie Aufnahme an die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Ein lobenswertes wie oft musikalisch lohnenswertes Unterfangen! Freilich bleibt es oftmals bei kurzlebigen Renaissancen und die Komponisten verschwinden ebenso schnell im Schatten, wie sie daraus hervorstiegen; andere hingegen feierten so ihr wohlverdientes Comeback auf die gro\u00dfen Konzertb\u00fchnen: so unter anderem Walter Braunfels, Friedrich Gernsheim und John Foulds.<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend f\u00fcr einen bleibenden Erfolg der wiederentdeckten Werte ist allerdings eine ad\u00e4quate Auff\u00fchrung. Manch einem Werk wurde eine schlechte oder auch nur mittelm\u00e4\u00dfige Auff\u00fchrung zum Verh\u00e4ngnis, da der H\u00f6rer bei ihm unbekannter Literatur den Mangel an Verst\u00e4ndnis dem Werk und nicht den Musikern zuschreibt. So blieben beispielsweise die Symphonien Tiessens und Erdmanns nach ihrer Aufnahme durch den \u201eErsteinspielungs-J\u00e4ger\u201c Israel Yinon vollkommen unverstanden, obgleich es sich zweifelsohne ausnahmslos um Meisterwerke handelt, wie bei einem Blick in die Partituren erkennbar wird. Die Liste der auf diese Weise vertanen Chancen ist endlos und kann erschreckend regelm\u00e4\u00dfig erweitert werden. So auch mit dieser CD.<\/p>\n\n\n\n<p>Vollkommen verst\u00e4ndnislos stehen die Musiker vor allem Hillers gro\u00df angelegter <em>Zweiter Cellosonate<\/em> op. 172 gegen\u00fcber, die sich in ihrem teils fl\u00e4chig weiten Gestus mit langen Notenwerten auch nicht auf den ersten Blick erschlie\u00dft. Der kontaktfreudige Hiller kannte Komponisten und Musiker verschiedenster Traditionen, lernte bei Hummel, traf Beethoven, Schumann, Chopin, Liszt, Berlioz, Mendelssohn und Meyerbeer, unterrichtete seinerseits Bruch, Humperdinck und Gernsheim, war also mit s\u00e4mtlichen Stilen seiner Zeit vertraut und wusste, sie geschickt in seinen Werken zu verschmelzen, um Eigenes zu schaffen. Die d\u00fcster sich aufb\u00e4umende, effektgeladene <em>Zweite Cellosonate<\/em> pr\u00e4sentiert sich als eigenwilliges, aber substanzgeladenes Werk, das den H\u00f6rer grummelnd umherschleift und erst im Finale durch vers\u00f6hnliche Stimmungen erl\u00f6st. Sachryn und Rivinius fl\u00fcchten sich in \u00fcberschnelle Tempi und lassen die weitschweifenden Melodien detaillos unausgestaltet. Als H\u00f6rer versteht man in dieser Aufnahme nichts von der Durchf\u00fchrungsgabe Hillers oder allein schon von den melodi\u00f6sen Inspirationen in fein abgeschmeckter Harmonisierung. Das Klavier verschluckt teils gar die Cellostimme, was erlebbaren Kontrapunkt unterminiert und manch thematisch wichtigen Einsatz \u00fcbert\u00f6nt. Halt bieten nur rasche Virtuosit\u00e4ten und Effektspielereien. In der <em>Serenade<\/em> op. 109 tritt die Lyrik als Ankerpunkt in den Vordergrund, woran sich die ausf\u00fchrenden Musiker gem\u00e4chlicher voranhangeln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten gelingt die <em>D-Dur-Sonate<\/em> op. 29 von Anton Urspruch, dessen Emotionalit\u00e4t, Kantabilit\u00e4t und Reinheit des Ausdrucks Sachryn und Rivinius besser in die H\u00e4nde spielen. Zwar st\u00f6ren auch hier teils unausgewogenes Zusammenspiel und ein gewisser Drang nach vorne, doch vermitteln die Musiker immerhin die Grundcharakteristika und feinen Stimmungen des Werks. Anders als bei Hiller wird f\u00fcr die Wiederentdeckung Urspruchs mittlerweile organisiert geeifert und die Anton Urspruch-Gesellschaft e.V. realisierte bereits mehrere Konzertprojekte und CD-Aufnahmen. Urspruch darf tats\u00e4chlich auch als einer der f\u00fchrenden Romantiker seiner Zeit gelten: er vereinte vollendetes Formverst\u00e4ndnis mit lyrisch-inniger Ausdrucksweise, konnte ungezwungen die Kontraste maximieren und widerstandlos zwischen den Extrema changieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaleidos, KAL 6348-2; EAN: 4 260164 634824 Weltersteinspielungen h\u00f6ren wir auf der neuesten CD des Duos Joanna Sachryn und Paul Rivinius: die beiden Musiker spielen die Zweite Cellosonate a-Moll op. 172 und die Serenade op. 109 von Ferdinand Hiller sowie die Cellosonate D-Dur op. 29 von Anton Urspruch. 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