{"id":3896,"date":"2020-08-02T09:48:41","date_gmt":"2020-08-02T07:48:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3896"},"modified":"2020-08-02T09:48:43","modified_gmt":"2020-08-02T07:48:43","slug":"ein-jahr-ein-instrument-viel-stilwelten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/08\/02\/ein-jahr-ein-instrument-viel-stilwelten\/","title":{"rendered":"Ein Jahr, ein Instrument, viel Stilwelten"},"content":{"rendered":"\n<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 308; EAN: 4 260052 383087<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/N0232.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3897\" width=\"333\" height=\"333\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/N0232.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/N0232-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/N0232-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Uta Weyand spielt ein Programm aus vier St\u00fccken, die alle im Jahr 1892 komponiert wurden \u2013 auf einem Steinway &amp; Sons aus dem eben diesem Baujahr. Sie beginnt in Frankreich mit Claude Debussys Nocturne, setzt ihre Reise fort nach Spanien zu Isaal Alb\u00e9niz, von dem sie drei St\u00fccke aus Cantos de Espana op. 232 spielt, und nach Norwegen zu Edvard Grieg, dessen Lyrische St\u00fccke op. 57 erklingen. Schlie\u00dflich erreicht sie \u00d6sterreich und pr\u00e4sentiert die dort komponierten Fantasien op. 116 von Johannes Brahms.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Projekt hat etwas Besonderes: vier unterschiedliche Werke aus dem gleichen Jahr auf einer CD zusammenzufassen und dazu noch gespielt auf einem Fl\u00fcgel aus dem gleichen Jahr. Dies holt nicht nur den Klang der damaligen Zeit zu uns ins Wohnzimmer, sondern zeigt auch auf, wie vielf\u00e4ltig und grundverschieden die einzelnen Musiktraditionen Ende des 19. Jahrhunderts ausarteten. Wer noch die Vorstellung einer linearen Musikgeschichtsf\u00fchrung vertritt, wird sp\u00e4testens durch diese CD vom Gegenteil \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Uta Weyand spielt einen Fl\u00fcgel aus dem Besitz von Alexander Friedrich Landgraf von Hessen (1863-1945), der sich noch immer im Schloss Fasanerie befindet, nun ein privates Museum im Besitz des Gro\u00dfneffen Rainer von Hessen. 2014 wurde das Instrument grundsaniert, wozu Weyand durch ein Benefizkonzert beitrug und im Rahmen dessen den Fl\u00fcgel kennenlernte und sich in seinen pr\u00e4zisen und gleichzeitig lyrisch-singenden Ton verliebte.<\/p>\n\n\n\n<p>1892: In diesem Jahr wurden erste Telefonleitungen von New York nach Chicago er\u00f6ffnet, die Zeit wurde synchronisiert, Fu\u00dfballclubs gegr\u00fcndet, Sherlock Holmes-Romane ver\u00f6ffentlicht. Dvor\u00e1k wurde nach New York berufen und arbeitete an seiner Symphonie aus der Neuen Welt, Rachmaninoff schrieb sein <em>Erstes Klavierkonzert<\/em>, Strauss seine <em>Macbeth<\/em>, Sibelius seinen <em>Kullervo<\/em>, Tschaikowski <em>Den Nussknacker<\/em> und <em>Jolanthe<\/em>, Leoncavallo <em>Pagliacci<\/em>, Rimski-Korsakov <em>Mlada<\/em> und Magnard <em>Yolande<\/em>. Es herrscht Aufbruchsstimmung in Politik wie Kultur, Altes steht neben Neuem, die Einfl\u00fcsse beginnen zu vermischen und Individualit\u00e4ten sch\u00e4len sich kontinuierlich mehr und mehr aus dem nur noch vereinzelt f\u00fcr zusammengeh\u00f6rig geglaubten Strom heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Debussy seine <em>Nocturne<\/em> komponierte, hatte er bereits mit seinen <em>Deux Arabesques<\/em> (1888-91) und der <em>Suite bergamasque<\/em> (1890) seinen Klavierstil begr\u00fcndet, der sich bald schon mit den <em>Images<\/em> (1894) festigen wird. Verglichen mit den anderen Beitr\u00e4gen dieser CD holt Ute Weyand am wenigsten aus diesem St\u00fcck heraus: es fehlt das \u201eParf\u00fcm\u201c, die Aura des Klangs, mit dem Debussy einen so verzaubern kann wie kein anderer \u2013 also die zartbesaitete Fragilit\u00e4t der Linie, die dennoch ausstrahlt und durch bebende Harmonien introvertiertes Volumen erh\u00e4lt. Technisch betrachtet wirkt die Gestaltung zu \u201ereal\u201c, zu robust und zu kernig im Anschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4zision und Feingef\u00fchl entwickelt Uta Weyand bei Isaac Alb\u00e9niz, aus dessen <em>Cantos de Espana<\/em> op. 232 sie drei St\u00fccke spielt, von welchen eigentlich nur das Pr\u00e9lude 1892 ver\u00f6ffentlicht wurde \u2013 es ist bekannter in der Version f\u00fcr Gitarre mit dem Titel <em>Asturias<\/em>. <em>C\u00f3rdoba<\/em> und <em>Seguidillas<\/em> wurden erst 1898 hinzugef\u00fcgt. Das Werk zieht seine Einfl\u00fcsse aus der spanischen Folklore und wurde vom Komponisten in seinem unverkennbaren Individualstil gesetzt, den man heute dem Impressionismus zuordnet \u2013 haupts\u00e4chlich wohl, da die franz\u00f6sischen Impressionisten eine Vorliebe f\u00fcr Spanien entwickelten und die Form-, Rhythmus und Harmoniemodelle \u00fcbernahmen. Weyand gelingen vor allem die unscheinbaren Kontraste zwischen den rhythmisch vorw\u00e4rtstreibenden und den singenden Passagen, allgemein beh\u00e4lt sie die Contenance, sich nicht von der gewaltigen Energie dieser St\u00fccke hinfortschwemmen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei S\u00e4ulen von Griegs Musik sind 1) die Folklore, 2) die romantische Tradition von Schumann, Mendelssohn und Gade (zumindest dessen hochinspiriertes Fr\u00fchwerk) sowie 3) die moderne Harmonik, welche er wie kaum ein anderer Komponist pr\u00e4gte. Letzteres mag vielen wunderlich erscheinen, da man Grieg in das Klischee eines vertr\u00e4umt-romantischen Lyrikers zw\u00e4ngt, welches ihm in keiner Weise entspricht: Debussy und Ravel bekundeten beide offen, die Einfl\u00fcsse Griegs w\u00fcrden in jedem ihrer Werke wirken. Bestes Beispiel ist das hier zu h\u00f6rende St\u00fcck <em>Illusion<\/em>, welches mit einem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Akkord ansetzt, welches sich erst sp\u00e4ter als Dominante entpuppt. In den <em>Lyrischen St\u00fccken<\/em> op. 57 widmet er sich besonders seiner musikalischen Herkunft, widmet zwei St\u00fccke seinem einstigen Lehrer Nils W. Gade (<em>Gade<\/em> und <em>Geheimnis<\/em>, welches in der leicht versteckten Tonfolge G-A-D-E liegt) und kehrt sich in <em>Entschwundene Tage<\/em> und <em>Heimweh<\/em> seiner norwegischen Heimat zu, die er durch stilisierte Volksmusik anklingen l\u00e4sst, wobei diese beide Male nur als vergangener Traum erscheint. In diese leichte, angenehme und doch vorw\u00e4rtsgewandte Musik taucht Uta Weyand besonders tief ein. Gerade die Volksmusikankl\u00e4nge bestechen durch ihr unwirkliches Erscheinen; die Tasten singen f\u00f6rmlich die Melodien mit, w\u00e4hrend auch die komplexen harmonischen Fortschreitungen verst\u00e4ndlich erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz zuhause ist Uta Weyand dann bei Brahms, dessen <em>Fantasien<\/em> op. 116 bestehend auf drei wilden <em>Capricci<\/em> und vier gem\u00e4\u00dfigteren <em>Intermezzi<\/em> sie an den Schluss dieser CD setzte. Hier herrschen herbere Kontraste und virtuoses Spiel vor, die Musik steht mit beiden Beinen auf der Erde und negiert den tr\u00e4umerischen Stil, den die zuvor erklingenden Werke je auf ihre Weise verfolgen. Mit robustem, nicht aber harten Ton bew\u00e4ltigt Weyand diese Musik, elegant und doch energiegeladen wie eine L\u00f6win holt sie Ausdruck und Kernigkeit aus dem historischen Instrument heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ars Produktion Schumacher, ARS 38 308; EAN: 4 260052 383087 Uta Weyand spielt ein Programm aus vier St\u00fccken, die alle im Jahr 1892 komponiert wurden \u2013 auf einem Steinway &amp; Sons aus dem eben diesem Baujahr. Sie beginnt in Frankreich mit Claude Debussys Nocturne, setzt ihre Reise fort nach Spanien zu Isaal Alb\u00e9niz, von dem &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/08\/02\/ein-jahr-ein-instrument-viel-stilwelten\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Jahr, ein Instrument, viel Stilwelten<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[1024,388,322,23,1272,337,3668],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3896"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3896"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3896\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3898,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3896\/revisions\/3898"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3896"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3896"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3896"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}