{"id":3913,"date":"2020-08-24T09:36:32","date_gmt":"2020-08-24T07:36:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3913"},"modified":"2020-09-10T10:43:00","modified_gmt":"2020-09-10T08:43:00","slug":"ein-rach-marathon-konzert-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/08\/24\/ein-rach-marathon-konzert-1\/","title":{"rendered":"Ein Rach-Marathon (Konzert 1)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der ungarische Pianist J\u00e1nos Bal\u00e1zs spielt an zwei aufeinanderfolgenden Tagen alle vier Klavierkonzerte plus der Paganini-Rhapsodie von Sergei Rachmaninoff. Begleitet wird er dabei durch die Ungarische Nationalphilharmonie (Nemzeti Filharmonikus Zenekar) unter Charles Olivieri-Munroe. Die Konzerte finden am 18. Und am 19. August 2020 jeweils in der Budapester Liszt-Akademie statt, k\u00f6nnen aber auch online mitverfolgt werden. Das erste Konzert umfasst die Klavierkonzerte Nr. 1 in fis-Moll op. 1 und Nr. 2 in c-Moll op. 18 sowie die deutlich sp\u00e4ter komponierte Rhapsodie \u00fcber ein Thema von Paganini f\u00fcr Klavier und Orchester op. 43.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0239-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3933\" width=\"262\" height=\"393\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0239-683x1024.jpg 683w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0239-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0239-768x1151.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0239.jpg 854w\" sizes=\"(max-width: 262px) 100vw, 262px\" \/><figcaption>Bal\u00e1zs J\u00e1nos \u00a9 Attila Kleb<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Durch die anhaltenden Beschr\u00e4nkungen des Kulturlebens aufgrund der Corona-Pandemie erhalten wir nach wie vor eine gewaltige Auswahl an Onlinekonzerten aus aller Welt. Unter diesen stach ein Programm hervor, das alleine aufgrund der pianistischen Potenz bemerkenswert erscheint: der Pianist J\u00e1nos Bal\u00e1zs spielt alle Werke f\u00fcr Klavier und Orchester von Sergei Rachmaninoff an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Auch wenn ich digitale Konzerte \u2013 allgemein alle aufgenommene oder gestreamte Musik \u2013 f\u00fcr nur einen schwaches Abbild des eigentlichen Liveerlebnisses halte, so weckte dieser Marathon doch meine Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Klavierkonzerte und die Paganini-Rhapsodie umspannen das Schaffen Sergei Rachmaninoffs beinahe vollst\u00e4ndig: das erste Konzert komponierte er 1891 im Alter von 18 Jahren, das vierte von 1926 revidierte er 1941, zwei Jahre vor seinem Tod. Sie bilden nicht nur seinen kompositorischen Werdegang nach, sondern d\u00fcrfen zweifelsohne als seine gelungensten Werke der gro\u00dfen Form gelten. Die vier symphonisch angelegten Klavierkonzerte pr\u00e4sentieren nat\u00fcrlich in erster Linie den Pianisten und \u00fcberw\u00e4ltigen durch eine nicht enden wollende Schichtung klaviertechnischer H\u00f6chstleistungen. Gleichzeitig aber erkunden sie das Zusammen- und Wechselspiel zwischen Solist und Orchester auf jede erdenkliche Weise und fassen sie zusammen in funktionierend symphonische Gebilde. Sie alle eint ein melancholisches Moll und eine subjektiv weltschmerzende Aura, die durch geballte Emotionalit\u00e4t und Sinnlichkeit ausgedr\u00fcckt wird, voll im orchestralen wie im pianistischen Satz und immer wieder zu gewaltigen Ausbr\u00fcchen kulminierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Konzertabend begann mit dem fr\u00fchesten der Konzerte, der Nummer 1 Opus 1 in fis-Moll. Dieses auch nach der Revision von 1917 formal noch nicht g\u00e4nzlich ausgereifte Werk ist das wildeste der Konzerte, ungest\u00fcm in seiner Art und expressiv in seiner Aussage. J\u00e1nos Bal\u00e1zs zeigt sich als leidenschaftlicher, involvierter Pianist, der tief in die Affektwelt der Musik eindringt und voll in ihr aufgeht. Besonders sticht sein melodisches Gesp\u00fcr hervor, das die horrenden Virtuosit\u00e4ten in den Hintergrund treten lassen, wof\u00fcr er jedes Thema und jedes Motiv einzeln herausmei\u00dfelt. Im Mittelsatz kommt die Zweistimmigkeit des Klaviersatzes gut zum Tragen, wodurch ein hinrei\u00dfender Kontrapunkt entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Finale des ersten Konzerts wie den Beginn der danach erklingenden Paganini-Rhapsodie nimmt der Pianist gewagt schnell und kann durch den so entstehenden Sog triumphieren, wenngleich so viele Details unh\u00f6rbar rasch an uns vorbeihuschen. Gerade bei den Variationen \u00fcber Paganinis urspr\u00fcnglich f\u00fcr Solovioline geschriebenes Capriccio Nr. 24 entsteht durch das Tempo eine d\u00fcstere, beinahe gespenstisch anmutende Atmosph\u00e4re, welche das folgende \u201eDies Irae\u201c-Zitat f\u00f6rmlich heraufbeschw\u00f6rt. Die Rhapsodie op. 43 stellt das Klavier vollst\u00e4ndig gleichberechtigt neben das Orchester und sorgt so f\u00fcr eine g\u00e4nzlich andere Rollenverteilung: oftmals spielt das Klavier nur einzelne T\u00f6ne oder begleitende Passagen, ordnet sich teils gar dem Orchester unter und \u00fcberl\u00e4sst diesem manch einen der sch\u00f6nsten Einf\u00e4lle. Hier bl\u00fcht die ungarische Nationalphilharmonie unter Charles Olivieri-Munroe am meisten auf, w\u00e4hrend es die Konzerte nur recht pflichtbewusst begleitet. Aus dem Orchesterapparat \u00fcberzeugen besonders das Solohorn und die Fagotte.<\/p>\n\n\n\n<p>Getr\u00fcbt wird die erste Konzerth\u00e4lfte durch das Fehlen des Piano- und Pianissimobereichs sowohl im Klavier als auch im Orchester. Die Dynamik spielt sich haupts\u00e4chlich im Forte ab, wodurch viele der in die Partitur geschriebenen Kontraste und Wechselspiele fehlen, manch eine Wirkung sich gar nicht entfalten kann. Dies macht sich derart kontinuierlich und ausnahmslos bemerkbar, dass es auch nicht auf die schw\u00e4rmerische Ader der Musik geschoben werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesbez\u00fcglich besser erscheint die zweite H\u00e4lfte mit dem zweiten und wohl bekanntesten der Klavierkonzerte. Das c-Moll-Konzert ist pure Hochromantik, \u00fcberbordende Emotion und reine Ausdrucksgewalt; es wird durchzogen von hinrei\u00dfenden Melodien, die im Falle des Mittelsatzes sogar bis in die Popul\u00e4rmusik vordringen, dessen Thema von Eric Carmen f\u00fcr den Song All by Myself aufgegriffen wird. In eben diesem Mittelsatz zeigt Jan\u00f3s Bal\u00e1zs enorme Tragf\u00e4higkeit seiner Melodien und kann die Spannung \u00fcber weite Strecken halten. Bis an die Grenzen des physikalisch M\u00f6glichen geht er durch seine Tempowahl im Beginn des Finals, welches nach anf\u00e4nglicher Unsicherheit umso fulminanter wirkt. Im Kopfsatz verschmilzt er wie sonst nur in der Pagagnini-Rhapsodie mit dem Orchester und moduliert gemeinsam mit seinen Mitstreitern die herben Kontraste bis zum fulminanten H\u00f6hepunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem er die einzelnen Akzentuierungen als Melodien ausarbeitet, gelingen Bal\u00e1zs ganz neue Einblicke in die horizontale Achse der Klavierparts, die von den meisten Pianisten unbeachtet bleiben oder im Wust der Noten einfach nicht geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen. Formal gliedert Bal\u00e1zs durch Hervorheben statt Abrunden der kadenzierenden Bindeelemente und setzt so bewusst die einzelnen Abschnitte voneinander ab. Immer wieder macht er auf kleine Details aufmerksam, die ich so noch nie in dieser Musik wahrgenommen habe und das allgemeine Bild dieser Werke erg\u00e4nzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Zugabe gibt es \u2013 als w\u00e4ren die drei horrend anspruchsvollen Konzertst\u00fccke noch nicht genug \u2013 eine hoch virtuose Paraphrase \u00fcber die \u201eTritsch-Tratsch\u201c-Polka von Johann Strauss Sohn durch Gy\u00f6rgy Cziffra. Ein kleines wie abgedrehtes St\u00fcck, das Jan\u00f3s Bal\u00e1zs nach all der geladenen Gef\u00fchlsgewalt angenehm n\u00fcchtern spielt, dabei wie bereits gewohnt am oberen Tempolimit des M\u00f6glichen: aus Wiener Gelassenheit mache Ungarisches Temperament.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, August 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ungarische Pianist J\u00e1nos Bal\u00e1zs spielt an zwei aufeinanderfolgenden Tagen alle vier Klavierkonzerte plus der Paganini-Rhapsodie von Sergei Rachmaninoff. 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