{"id":3918,"date":"2020-09-01T22:31:38","date_gmt":"2020-09-01T20:31:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3918"},"modified":"2020-09-01T22:31:41","modified_gmt":"2020-09-01T20:31:41","slug":"spanische-flut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/09\/01\/spanische-flut\/","title":{"rendered":"Spanische Flut"},"content":{"rendered":"\n<p>Nimbus Records, NI 1711; EAN: 0 710357 171123<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0236.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3919\" width=\"359\" height=\"359\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0236.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0236-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0236-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Auf vier CDs spielt der englische Pianist Martin Jones Klaviermusik von Isaac Alb\u00e9niz: Champagne Waltz, Estudio Impromptu op. 56, die Sonate Nr. 5 op. 87, Suite Espa\u00f1ola op. 47, Rapsodia Esp<\/em><em>a\u00f1ola op. 70, Pavana op. 83, Tango aus op. 165, Cantos d\u2019espa\u00f1a op. 232, La vega aus \u201cDie Alhambra\u201d, Espa\u00f1a Souvenirs, das Prelude aus Azulejos (vom Pianisten vervollst\u00e4ndigt), Navarra (ebenso vom Pianisten vervollst\u00e4ndigt) sowie das vierb\u00e4ndige Werk Iberia.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Warum spielen heute so wenige Pianisten Alb\u00e9niz? Schlie\u00dflich geh\u00f6rte er nicht nur zu den au\u00dferordentlichsten Pianisten seiner Zeit, dessen Werdegang sich wie ein musikalischer Abenteuerroman lie\u00dft, sondern gilt als stilpr\u00e4gender Komponist, dessen Iberia zu einem Leitbild der spanischen Musik avancierte und ebenso als eines der schillerndsten Werke des sogenannten Impressionismus z\u00e4hlt. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Fehlen im heutigen Repertoire sind zweierlei: 1) Den fr\u00fchen Kompositionen wird oftmals unbegr\u00fcndet ihre Wertigkeit abgetan, indem sie abwertend als \u201eSalonkompositionen\u201c bezeichnet werden, da sie leicht ins Ohr gehen und aufgeweckt munteren Charakter besitzen. Dabei \u00fcbersieht man gerne, dass auch Meister wie Chopin oder Liszt im Grunde Salonkomponisten waren und Verst\u00e4ndlichkeit nicht gleichzusetzen ist mit Bedeutungslosigkeit. 2) Das zweifelsohne grandiose Sp\u00e4twerk mit Iberia als Gipfelpunkt wird gekennzeichnet von einer ma\u00dflosen Verfeinerung, die in einer Flut aus Vorzeichen, Artikulationsbezeichnungen und Dynamikangaben bis zum f\u00fcnffachen Pianissimo oder Fortissimo m\u00fcndet. Somit muss sich der Pianist mehr mit dem blo\u00dfen Lesen als mit der tats\u00e4chlich technischen Bew\u00e4ltigung befassen, bevor er musikalisch in die tiefgr\u00fcndigen Klangwelten eindringt. Bei kaum einem anderen Komponisten glaube ich mehr, dass bei Entschlackung an Vortragsbezeichnungen und Vorzeichen Pianisten eher bereit w\u00e4ren, dieses Unterfangen auf sich zu nehmen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die vorliegende Box pr\u00e4sentiert das Schaffen des Spaniers auf eindrucksvolle Weise von den hinrei\u00dfend leichtf\u00fc\u00dfigen Fr\u00fchwerken \u00fcber die folkloristisch inspirierten Weisen bis hin zu den sinnierenden Sp\u00e4twerken in schillernder Farbigkeit und einer Bildlichkeit, wie sie ansonsten nur Debussy erreichte. \u00dcberrascht war ich von der jugendlich-ambitionierten Klaviersonate Nr. 5 (von den acht Sonaten \u00fcberdauerten nur die Nummern 3-5), die mit ausgewogener Aggressivit\u00e4t und monumentalen Wuchtigkeit Zeugnis f\u00fcr Alb\u00e9niz\u2018 pianistischen F\u00e4higkeiten ablegt. In der Zusammenstellung f\u00e4llt auf, wie vielseitig sich Alb\u00e9niz von der spanischen Folklore hat inspirieren lassen und wie umfangreich diese in sein Werk Einzug fand.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Leichtf\u00fc\u00dfig und doch bewusst geht Martin Jones an die Klavierwerke des Spaniers heran, besticht durch feinf\u00fchlig markantes Spiel, das tats\u00e4chlich an die Gitarre erinnert, f\u00fcr die viele von Alb\u00e9niz\u2018 Werken transkribiert wurden. Jones besitzt einen bemerkenswert ausgeh\u00f6rtes Pianissimo mit zahllosen Schattierungen und Abstufungen bis nahe an die Unh\u00f6rbarkeit. Technisch bleibt er \u00fcberlegen, wobei lediglich die Pausen vor den Spr\u00fcngen aufsto\u00dfen: dem f\u00e4llt nat\u00fcrlich das ber\u00fchmte Asturias zum Opfer. Zudem nuscheln manche rasanten Passagen, dass man die einzelnen Elemente der Musik nicht mehr wahrnimmt, so in Cad\u00edz. So vielseitig der Anschlag von Jones doch ist, so bleibt er doch meist monochrom, was gerade im Bezug auf die Gesamtspieldauer von vier Stunden erm\u00fcdend wirkt: dem Forte fehlt das Volumen, dem Pian(issim)o der \u201eDuft\u201c, der zart und doch bestimmt Farben und Bilder in uns hervorruft und mit einem einzigen Ton bereits verzaubern kann. Mit anderen Worten fehlt es an orchestraler oder vokaler Imagination des Pianisten, den Klang von seinem Instrument zu abstrahieren, um so erst den Zauber entstehen zu lassen, der diese vieldimensional inspirierte Musik ausmacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, September 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nimbus Records, NI 1711; EAN: 0 710357 171123 Auf vier CDs spielt der englische Pianist Martin Jones Klaviermusik von Isaac Alb\u00e9niz: Champagne Waltz, Estudio Impromptu op. 56, die Sonate Nr. 5 op. 87, Suite Espa\u00f1ola op. 47, Rapsodia Espa\u00f1ola op. 70, Pavana op. 83, Tango aus op. 165, Cantos d\u2019espa\u00f1a op. 232, La vega aus &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/09\/01\/spanische-flut\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Spanische Flut<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[1272,3261,2704],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3918"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3918"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3920,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3918\/revisions\/3920"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}