{"id":3922,"date":"2020-09-05T10:25:05","date_gmt":"2020-09-05T08:25:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3922"},"modified":"2020-09-06T19:12:36","modified_gmt":"2020-09-06T17:12:36","slug":"es-tut-gut-nach-einem-konzert-in-glueckliche-augen-zu-blicken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/09\/05\/es-tut-gut-nach-einem-konzert-in-glueckliche-augen-zu-blicken\/","title":{"rendered":"\u201eEs tut gut, nach einem Konzert in gl\u00fcckliche Augen zu blicken!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Die Pianistin Shoreena Tsintsabadze pflegt ein gesundes Bewusstsein f\u00fcr die Vielfalt der Welt. Es zahlt sich aus, an unterschiedlichen Orten zu leben und dabei zu wachsen. In Moskau geboren, zog es sie \u00fcber den Umweg der USA in die Heimat ihrer Familie, nach Georgien. Da wirkt sie seit Jahren am Aufbau eines Musiklebens tatkr\u00e4ftig mit &#8211; f\u00fcr diese idealistische K\u00fcnstlerin ein selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil einer internationalen Biografie! Zudem legt sie gerade ihre erste reine Solo-CD vor \u2013 mit Schumanns Symphonischen Etuden, Drei Intermezzi von Johannes Brahms sowie Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins Andanta spianato und Grande Polonaise brillante.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0237.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3923\" width=\"337\" height=\"337\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0237.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0237-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/N0237-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was genie\u00dfen Sie am meisten an Ihrer \u201eneuen\u201c Heimat in Georgien?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die N\u00e4he zu meiner Familie. Ich ich freue mich sehr darauf, hier in kultureller Hinsicht etwas aufzubauen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben in Moskau studiert und danach eine l\u00e4ngere Zeit in den USA verbracht. Was f\u00fcr Unterschiede zwischen den Kulturen haben Sie empfunden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich in Moskau gro\u00df geworden bin, kam bei mir der Wunsch auf, mich neu zu erfinden und mir neue Lebensmittelpunkte zu erschlie\u00dfen. Ich habe dann in den USA gelebt und studiert. Hier hat mich vor allem die Weltoffenheit der Menschen begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p>In die georgische Heimat meiner Familie zieht es mich aber schon lange. Hier gibt es viel aufzubauen und das Dasein als Musiker ist erst mal, vor allem \u00f6konomisch schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p>In Georgien werden Lehrt\u00e4tigkeiten in Musikschulen immer noch recht schlecht bezahlt. Aber daf\u00fcr fasziniert mich hier so vieles. Die Kultur in Georgien ist einzigartig. Wir haben eine eigene Schrift, Tanz und Musik sind auch v\u00f6llig anders als etwa im Nachbarland Armenien. Die Vielfalt der Kaukasusrepubliken untereinander ist extrem spannend. Es gibt aber auch viele Gemeinsamkeiten &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was m\u00f6chten Sie hier bewirken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte diesen Ort mit aufbauen und helfen, ihn zu wandeln: Ich f\u00fchle mich hier gebraucht. Hier f\u00fchle ich mich frei, kann meine eigenen Projekte gestalten. Auch gibt es viele bessere M\u00f6glichkeiten als Solist, weil der Markt nicht so umk\u00e4mpft ist. Damit werden die vergleichsweise schwierigen Lebensbedingungen f\u00fcr klassische Musiker aufgewogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte durch mein Beispiel vielen jungen Musikern in unserem Land zeigen, dass es nicht notwendig ist, Georgien f\u00fcr immer zu verlassen, um Konzertt\u00e4tigkeiten durchzuf\u00fchren und das zu tun, was man liebt. Trotz vieler Hindernisse kann man alles erreichen, wenn man an sich glaubt und sich jeden Tag Schritt f\u00fcr Schritt seinem Ziel n\u00e4hert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2015 haben wir die \u201eYoung Musicians International Association of Georgia\u201c gegr\u00fcndet. Es geht darum, fl\u00e4chendeckend die vielen jungen Talente zu f\u00f6rdern, Wettbewerbe ins Leben zu rufen, Festivals zu gr\u00fcnden. Besonders stolz sind wir auf die \u201eMusic International Summer Academy\u201c und nat\u00fcrlich auf unser \u201eGeorgian Youth Symphony Orchestra\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich arbeite jetzt mit viel Energie daran, ein Netzwerk aus F\u00f6rderern und Sponsoren aufzubauen. Dieses Jahr haben wir einen Zuschuss der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr ein neues Projekt &#8222;Opera Past&#8220; erhalten. All dies ist viel harte Arbeit, aber auch ein gro\u00dfes Geschenk, dies \u00fcberhaupt tun zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es klingt fast so wie eine kulturelle Gr\u00fcnderzeitstimmung. Genie\u00dfen Sie das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, alles f\u00fchlt sich neu und unverbraucht an. Es tut so gut, nach jedem Konzerte in so viele gl\u00fcckliche Augen zu blicken. St\u00e4ndig werden dabei neue Freundschaften geschlossen; das ist ein fruchtbarer N\u00e4hrboden f\u00fcr Netzwerke. Wir haben bereits ein Festival ins Leben gerufen, welches in einer der sch\u00f6nsten Regionen dieses Landes stattfindet. Im Idealfall finden Konzerte \u00fcberall im Lande Verbreitung, wodurch es am besten gelingen w\u00fcrde, Talente in den jeweiligen Regionen aufzusp\u00fcren und damit unsere Projekte zu bereichern. Wir arbeiten sogar schon mit drei weiteren L\u00e4ndern zusammen, n\u00e4mlich Serbien, Montenegro und die Niederlande. Wir hoffen sehr und sind sogar \u00fcberzeugt, dass sich bald mehr L\u00e4nder anschlie\u00dfen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lassen Sie uns \u00fcber die neue CD sprechen. Sie haben sich f\u00fcr den Dreh Ihres Promovideos ja sogar in die Stadt, in der Robert Schumann lebte, begeben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war schon ein besonderes Gef\u00fchl, in der Heimatstadt von Robert Schumann zu sein. Aber es st\u00f6rte gewisserma\u00dfen einen Mythos. So vieles Alte ist in der Stadt D\u00fcsseldorf durch den Krieg zerst\u00f6rt und neu gebaut worden. Es sieht kaum noch nach einer Stadt mit solch einer Historie aus, von einigen wenigen Dingen abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"&quot;Klavier Romantik&quot; from  Shorena Tsintsabadze\" width=\"604\" height=\"340\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/a0Io0kzrRcQ?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was war Ihre Intention, Schumann, Brahms und Chopin auf einer CD zu integrieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte drei verschiedene charakteristische Werke aus einer Epoche miteinander verbinden. Die drei Komponisten sind so unterschiedlich, aber rangieren doch auf einer gemeinsamen Augenh\u00f6he, um die romantische Idee zu idealisieren. Da strahlen Ideale in unsere Gegenwart hinein \u2013 in eine Zeit, in der sie nicht mehr in dieser Form da sind!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nicht mehr da? Hat nicht jeder Mensch ganz tiefe Empfindungen, die sich durch eine solche Musik wecken lassen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Musik kann das. Deswegen machen wir das ja. Musik hilft uns, zu \u00fcberleben in diesen Routinen des Alltags. Wenn Sie mich fragen, ob man die kompositorischen Elemente dieser drei Komponisten vergleichen kann, w\u00fcrde ich ja sagen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Aber die Idee dahinter bleibt gleich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schumann nannte seine Etuden erst \u201epathetisch\u201c. Danach strich er diesen Untertitel und w\u00e4hlte das Attribut \u201esinfonisch\u201c.&nbsp; Sind das f\u00fcr Sie auch unterschiedliche Qualit\u00e4ten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Anfang wollte Schumann sie pathetisch nennen wegen der Tiefe und Ernsthaftigkeit ihrer Tonsprache. Pathetisch hat ja auch etwas Wertendes, deswegen hat er wohl nach einer treffenderen Definition gesucht. Robert Schumann war von Grund auf ein Sinfoniker. Er hat in seinen Partituren von jedem einzelnen Instrument eine Klangvorstellung. Dar\u00fcber gibt es viele Zeugnisse aus seiner Zeit als Kapellmeister.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00e4rbt Schumanns orchestrale Klangvorstellung auf Sie als Pianistin ab?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke immer sehr orchestral. Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsinstrument fragt, w\u00fcrde ich sagen, es ist das Orchester. Das Klavier ist mein Beruf, aber ich liebe jedes Instrument im Orchester. Trotzdem w\u00fcrde ich keine Dirigentin sein wollen: Ich wei\u00df, dass ich daf\u00fcr nicht der Typ bin. Also imaginiere ich alle Orchesterinstrumente, wenn ich die sinfonischen Etuden spiele. Aber mich regt hier nicht nur die Idee der Instrumente an; Schumann war ja nicht nur ein au\u00dferordentlicher Komponist, sondern ebenso ein gro\u00dfer Denker und liebevoller Ehepartner, Vater und vieles mehr. Er vereint in seinem Wesen so viel, etwa so, wie ein Maler die Farben auf einem Bild. Aber Musik kann noch viel differenzierter die tiefsten menschliche Regungen wieder geben. Es ist \u00fcberliefert, dass Schumann immer auf ganz verschiedene Weise gespielt hat. Ich versuche, mich mit meinem eigenen Denken und Spielen dieser Variabilit\u00e4t anzun\u00e4hern. Dadurch kommen immer mehr M\u00f6glichkeiten und Facetten ins Spiel und deswegen ist es unm\u00f6glich, immer genau gleich zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcber Ihre Interpretation von Johannes Brahms Intermezzi schrieb ein Kritiker, sie w\u00e4hren sehr lebensbejahend und gar nicht so jenseits-gewandt wie es f\u00fcr den sp\u00e4ten Brahms gesagt wird. Wie finden sie dieses Urteil?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Lebensbejahende zum Ausdruck bringen, war mir ein gro\u00dfes Anliegen. Brahms ruhte sehr stark in sich selbst, was sich in den Intermezzi widerspiegelt. Obwohl die St\u00fccke recht kurz sind, leben&nbsp; viele Erinnerungen und Pr\u00e4gungen aus der Vergangenheit. So klingt ein reiches Leben; das ist schon ein gewisser Kontrast zu Robert Schumann. Dessen Motto war bekanntlich: Frei aber einsam. Brahms hat es ge\u00e4ndert, so dass diese Parole f\u00fcr ihn lautete: \u201eFrei aber gl\u00fccklich\u201c, und auf keinen Fall einsam. Schumann war ein viel komplizierterer Charakter, introvertiert im Leben und extrovertiert in der Musik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was m\u00f6chten Sie Ihrem Publikum vermitteln?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jeder, der in ein Konzert geht, erwartet ein neues Erlebens und keine Kopie von bereits Vorhandenem. Deswegen ist es jeden Tag immer wieder eine neue Erfahrung, mein Repertoire zu spielen. Ich erfinde mich einfach gerne neu. Aus diesem Grund mag ich es gar nicht so sehr, meine alten Aufnahmen zu h\u00f6ren. Das sind Momentaufnahmen von etwas Vergangenem.<\/p>\n\n\n\n<p>[<strong>Interview mit Stefan Pieper<\/strong>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pianistin Shoreena Tsintsabadze pflegt ein gesundes Bewusstsein f\u00fcr die Vielfalt der Welt. Es zahlt sich aus, an unterschiedlichen Orten zu leben und dabei zu wachsen. In Moskau geboren, zog es sie \u00fcber den Umweg der USA in die Heimat ihrer Familie, nach Georgien. 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