{"id":3962,"date":"2020-10-01T17:51:10","date_gmt":"2020-10-01T15:51:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3962"},"modified":"2020-10-07T19:21:10","modified_gmt":"2020-10-07T17:21:10","slug":"gehobener-liederschatz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/01\/gehobener-liederschatz\/","title":{"rendered":"Gehobener Liederschatz"},"content":{"rendered":"\n<p>Audax Records; ADX 13722; EAN: 3770004137220<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DC1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3964\" width=\"318\" height=\"282\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Adriana Gonz\u00e1lez (Sopran) und I\u00f1aki Encina Oy\u00f3n (Klavier) heben mit der Einspielung s\u00e4mtlicher M\u00e9lodies des Komponistenehepaares Robert Dussaut und H\u00e9l\u00e8ne Covatti einen bislang unbeachtet gebliebenen Liederschatz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt gl\u00fccklicherweise immer wieder vor, dass sich irgendwo eine Schublade auftut und wertvolle Musik preisgibt. Seit mehreren Jahren widmet sich der Dirigent und Pianist I\u00f1aki Encina Oy\u00f3n der Erforschung und Ver\u00f6ffentlichung des musikalischen Nachlasses von Robert Dussaut (1896\u20131969) und H\u00e9l\u00e8ne Covatti (1910\u20132005). Seine Freude dar\u00fcber, auf die Werke des Pariser Komponistenehepaares gesto\u00dfen zu sein, schl\u00e4gt lebhaft aus dem umfangreichen Einf\u00fchrungstext, mit dem er die hier vorliegende Gesamteinspielung des Liedschaffens beider ausgestattet hat. Um es gleich vorneweg zu sagen: Die St\u00fccke sind durchaus dazu angetan, diese Freude auf den H\u00f6rer \u00fcberspringen zu lassen. Und interessiert nimmt man zur Kenntnis, dass dieser CD weitere folgen sollen, um auch die \u00fcbrige Musik Dussauts und Covattis umfassend zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4ngere Zeit schien es um die beiden sehr still geworden zu sein, doch sollte man sich davon nicht t\u00e4uschen lassen. Liest man ihre Lebensl\u00e4ufe, so merkt man schnell, dass Dussaut und Covatti nicht irgendwelche Unbekannten gewesen sind, sondern anerkannte Akteure des franz\u00f6sischen Musiklebens ihrer Zeit, die in respektablen \u00c4mtern am Pariser Conservatoire wirkten. Dussaut hatte dort einst als Sch\u00fcler von Widor, d&#8217;Indy und Busser studiert. 1924 gewann er den Prix de Rome, und unterrichtete ab 1936 selbst an seiner ehemaligen Ausbildungsst\u00e4tte. Au\u00dferdem war er Violinist im Orchester der Pariser Oper und betrieb akustische Forschungen, deren Ergebnisse er in zwei B\u00fcchern festhielt. Zu seinen Werken z\u00e4hlen f\u00fcnf Opern, zwei Symphonien, ein Streichquartett und ein Klavierquintett. H\u00e9l\u00e8ne Covatti war geb\u00fcrtige Griechin und kam mit 15 Jahren nach Paris, wo sie am Conservatoire bei Roger-Ducasse Komposition studierte. Sp\u00e4ter erhielt sie dort eine Professur f\u00fcr Klavier. Ihre Violinsonate, die allem Anschein nach ihr Hauptwerk ist und auch als Bratschensonate existiert, wurde auf Empfehlung Arthur Honeggers preisgekr\u00f6nt. Auf die Geschichte des musikalischen Avantgardismus hat sie insofern Einfluss genommen, als dass sie es war, die ihren Klaviersch\u00fcler Iannis Xenakis an die Kompositionsklasse von Olivier Messiaen empfahl. Im eigenen Schaffen blieb sie dagegen, wie ihr Mann, der Tradition verpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Traditionsverbundenheit zeigt sich in den Liedern der Ehepartner auf durchaus verschiedene Art, was wohl vor allem daran liegt, dass es sich bei den St\u00fccken ausschlie\u00dflich um Fr\u00fchwerke ihrer Sch\u00f6pfer handelt. Dussaut, 14 Jahre \u00e4lter als seine Frau, kn\u00fcpft stilistisch nahtlos an die Liedkunst des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts an. Seine ersten Kompositionen schrieb er noch als Zeitgenosse Faur\u00e9s, zu einer Zeit, als Chausson und Massenet noch in lebendiger Erinnerung waren. Auch Debussy ist nicht spurlos an ihm vor\u00fcbergegangen, wie man in <em>La nymphe de la source<\/em> h\u00f6ren kann. Formal ist dieser schmale Bestand von 14 Ges\u00e4ngen durchaus abwechslungsreich. Jedem St\u00fcck gibt der Komponist seine individuelle Gestalt. Er komponiert nicht einfach an seinen Texten entlang, sondern nimmt sie zum Anlass, poetische Szenen daraus zu gestalten. Besonders vorteilhaft zeigt sich Dussauts Formungskunst in den l\u00e4ngeren St\u00fccken, wie dem die CD er\u00f6ffnenden <em>Je d\u00e9die \u00e0 tes pleurs<\/em>, in dem er aus einem Vorhaltsmotiv heraus eine gro\u00dfe Steigerung entfaltet und auf ganz nat\u00fcrliche Weise zum Anfang zur\u00fcckfindet; der <em>Hymne \u00e0 la lumi\u00e8re<\/em>, deren Klavierbegleitung ein Wechselnotenmotiv abwechslungsreich durchf\u00fchrt; <em>Adieux \u00e0 l&#8217;\u00e9tranger<\/em>, das die schmerzliche Abschiedsstimmung durch wiederholten Wechsel zwischen fl\u00fcssig bewegter und rezitativischer Musik deutlich macht. Klanglich h\u00f6chst reizvoll ist <em>Les deux m\u00e9n\u00e9triers<\/em>, in dem der Komponist das Gitarrenspiel der durchs Totenreich reitenden Spielm\u00e4nner zum Anlass nimmt, eine vierh\u00e4ndige Klavierbegleitung zu schreiben (I\u00f1aki Encina Oy\u00f3n wird hierbei von Thibaud Epp unterst\u00fctzt).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu ihrem Mann hat H\u00e9l\u00e8ne Covatti, abgesehen von dem einzeln stehenden <em>Je t&#8217;ai dit oui<\/em>, ihre Lieder zu Zyklen gruppiert, einen dreiteiligen (<em>Daphn\u00e9<\/em>) und einen vierteiligen (<em>M\u00e9lodies grecques<\/em>). Interessanterweise existieren beide auch in gleichberechtigten Fassungen f\u00fcr Violine und Klavier. In den 1930er Jahren entstanden, geh\u00f6ren sie auch stilistisch einer sp\u00e4teren Zeit an als Dussauts Lieder. Die Klavierstimme erinnert wiederholt daran, dass die Musik Ravels f\u00fcr die Komponistin ein vertrauter Umgang gewesen sein muss. Im Durchschnitt fasst sich Covatti k\u00fcrzer, nur zwei ihrer Lieder sind l\u00e4nger als drei Minuten (bei Dussaut sind es mehr als die H\u00e4lfte), aber es ist eine souver\u00e4ne Miniaturistin, die wir am Werke finden! Wenn sie in <em>L&#8217;audacieuse s\u00e9r\u00e9nade<\/em> aus den <em>M\u00e9lodies grecques<\/em> zun\u00e4chst das Klavier einen kecken Walzer, der aus dem Takt kommt, intonieren, dann die Singstimme ohne Begleitung anheben l\u00e4sst, mit beiden geradtaktig fortsetzt, den Gesang wieder unbegleitet l\u00e4sst und schlie\u00dflich zum Walzer zur\u00fcckkommt, der sich in eine Art stille Verkl\u00e4rung aufl\u00f6st \u2013 und das alles in anderthalb Minuten \u2013 darf man eine solch dichtgedr\u00e4ngte Ereignisfolge auf so kleinem Raum getrost als bemerkenswert herausstellen. Covattis Begabung, mit wenigen T\u00f6nen dem H\u00f6rer ein pr\u00e4gnantes Bild vors innere Auge zu stellen, l\u00e4sst sich besonders sch\u00f6n an <em>Marine<\/em> aus den <em>Daphn\u00e9<\/em>-Liedern nachvollziehen, einer Schilderung von Land und Leuten der bretonischen K\u00fcste, in der ein kurzes Motiv mit der sanften Entschiedenheit leicht anbrandender Wellen ritornellartig wiederkehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur ein Teil der Lieder Dussauts wurde zu seinen Lebzeiten ver\u00f6ffentlicht, die Lieder Covattis blieben s\u00e4mtlich bis zu ihrem Tode ungedruckt. Th\u00e9r\u00e9se Dussaut, Tochter des Komponistenpaares und selbst Pianistin (von ihr liegen \u00fcbrigens sch\u00f6ne Aufnahmen Ravelscher und Rameauscher Klavierwerke vor), ist es zu danken, diesen Schatz sorgf\u00e4ltig aufbewahrt zu haben. Dass I\u00f1aki Encina Oy\u00f3n die Sopranistin Adriana Gonz\u00e1lez f\u00fcr die Ersteinspielung gewinnen konnte, ist ein Gl\u00fccksfall. Weite Melodieb\u00f6gen spannt sie mit der gleichen Gewandtheit, mit der sie den rezitativischen Stellen Leben einhaucht, und erfreut allgemein durch eine frische und kraftvolle Stimme. Encina Oy\u00f3n ist ihr ein gewissenhafter Begleiter. An manchen Stellen, wenn das Klavier nur Folgen langer Akkorde oder m\u00e4\u00dfig bewegte Begleitfiguren spielt, h\u00e4tte er allerdings den melodischen Verlauf deutlicher herausarbeiten k\u00f6nnen, denn Melodien, nur in sehr einfacher Form, finden sich in diesen M\u00e9lodies auch dort.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen l\u00e4sst sich aber feststellen, dass hier echte Bereicherungen des franz\u00f6sischen Liedrepertoires in ansprechenden Auff\u00fchrungen dargeboten worden sind. Hervorheben muss man auch die liebevolle Ausstattung mit ausf\u00fchrlichem Begleittext (in f\u00fcnf Sprachen) und s\u00e4mtlichen Liedtexten. Auf weitere Entdeckungen aus dem Hause Dussaut-Covatti darf man gespannt sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Norbert Florian Schuck, Oktober 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Audax Records; ADX 13722; EAN: 3770004137220 Adriana Gonz\u00e1lez (Sopran) und I\u00f1aki Encina Oy\u00f3n (Klavier) heben mit der Einspielung s\u00e4mtlicher M\u00e9lodies des Komponistenehepaares Robert Dussaut und H\u00e9l\u00e8ne Covatti einen bislang unbeachtet gebliebenen Liederschatz. Es kommt gl\u00fccklicherweise immer wieder vor, dass sich irgendwo eine Schublade auftut und wertvolle Musik preisgibt. 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