{"id":3970,"date":"2020-10-06T17:37:34","date_gmt":"2020-10-06T15:37:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3970"},"modified":"2020-11-21T20:17:43","modified_gmt":"2020-11-21T19:17:43","slug":"musica-viva-mit-coronakonformer-ensemblemusik-im-herkulessaal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/06\/musica-viva-mit-coronakonformer-ensemblemusik-im-herkulessaal\/","title":{"rendered":"Musica viva mit coronakonformer Ensemblemusik im Herkulessaal"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/02.10.2020_musica-viva-Konzert_c_Astrid-Ackermann32-800x600-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4050\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/02.10.2020_musica-viva-Konzert_c_Astrid-Ackermann32-800x600-1.jpg 800w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/02.10.2020_musica-viva-Konzert_c_Astrid-Ackermann32-800x600-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/02.10.2020_musica-viva-Konzert_c_Astrid-Ackermann32-800x600-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>\u00a9 Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Am Freitag, 2.10.2020 gab es um 18 bzw. 21 Uhr \u2013 wegen der Coronabestimmungen (L\u00fcften, Zeitbegrenzung f\u00fcr einzelne Programme etc.) \u2013 gleich zwei Konzerte der musica viva im M\u00fcnchner Herkulessaal; der erste Auftritt des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks am \u201eStammplatz\u201c seit der erzwungenen Pause. Es erklangen Werke von Yann Robin, Liza Lim, Morton Feldman sowie Giacinto Scelsi, Luciano Berio und Iannis Xenakis. Aufgrund der aktuellen Abstandsregeln w\u00e4hlte man sehr klug statt der gro\u00dfen Besetzung \u2013 u.a. mit einer geplanten Urauff\u00fchrung \u2013 Werke mit gerade f\u00fcr Neue Musik ja durchaus typischen, gr\u00f6\u00dferen Ensembles bis zu knapp 20 Spielern. Peter Rundel dirigierte (bis auf Berios \u201eNaturale\u201c) beide Programme. Als Solisten hatte man Antoine Tamestit (Viola) und Theo Nabicht (Kontrabassklarinette) eingeladen. &nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Selten scheint ein Konzert \u2013 zumal mit Neuer Musik \u2013 so passend zur aktuellen Situation in M\u00fcnchen. Die Freude, erstmals seit Ende Februar wieder das BRSO im Herkulessaal erleben zu d\u00fcrfen, weicht schon beim Einlass geh\u00f6riger Beklemmung. Auf Bewirtung oder gedruckte Programmhefte l\u00e4sst sich noch gut verzichten. Aber die Abst\u00e4nde im Publikum sind bei nur 200 erlaubten Zuschauern derart gro\u00df, dass sich wohl jeder wie auf einer einsamen Insel f\u00fchlen darf. So verdirbt man auch den notorischsten Konzertg\u00e4ngern einen Teil des Erlebnisses &#8211; fraglich, ob \u00fcberhaupt 200 Leute da waren. Trotz der wieder steigenden Infektionszahlen sollte man sich auch hier vielleicht trauen, klassische Musik wenigstens mit einer Publikumsdichte wie etwa in Salzburg zu genehmigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass auf der beengten B\u00fchne mit ihren klaustrophobischen Zug\u00e4ngen nur deutlich kleinere Besetzungen als gewohnt m\u00f6glich sind, sollte allerdings \u00fcberhaupt nicht st\u00f6ren. Im Gegenteil: So k\u00f6nnen die Mitglieder des BRSO beweisen, dass sie auch mit kleinen oder mittleren Besetzungen, f\u00fcr die typischerweise im Auftrag von auf Neue Musik spezialisierten Ensembles komponiert wird, souver\u00e4n zurechtkommen und trotz Abstandsregeln mit sichtlicher Freude sowohl geballte Klangintensit\u00e4t wie kammermusikalische Intimit\u00e4t realisieren k\u00f6nnen. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aus vulkanisch frisch aus dem Erdinneren ausgesto\u00dfenem Metall schmiedet Yann Robin (*1974) sein eruptives St\u00fcck <em>Art of Metal (I), <\/em>f\u00fcr (Metall)-Kontrabassklarinette und 17 Spieler. Eine unerh\u00f6rt energetische Musik, so fremdartig rau wie faszinierend, f\u00fcr die der Solist (toll: <em>Theo Nabicht <\/em>vom <em>Klangforum Wien<\/em>) enorm flexibel alle nur erdenklichen Spieltechniken \u2013 auch mit der Stimme hineinsingend bzw. -schreiend \u2013 erforscht, dabei st\u00e4ndig wie ein Getriebener von den ihn umgebenden Urgewalten bedr\u00e4ngt wird. Atemberaubende Steigerungswellen \u2013 und kein Wunder, dass Robin mit der mit diesem St\u00fcck begonnenen Trilogie international Erfolge feiert. Leider zeigen sich bei <em>Peter Rundel<\/em> mal wieder seine begrenzten F\u00e4higkeiten, mit Solisten eine ad\u00e4quate Klangbalance herzustellen. Der ungleiche \u201eKampf\u201c ist zwar durchaus Programm, aber das Ensemble deckt die \u2013 auch nicht gerade leisen \u2013 Effekte der Kontrabassklarinette \u00fcber weite Strecken gnadenlos zu: Bereits in der 6. Reihe ist der Solist kaum zu erahnen. Rundel wird sich an diesem Abend zum Gl\u00fcck noch grandios steigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aus Australien stammende <em>Liza Lim <\/em>(*1966) ist mit ihrer Musik immer auch politisch \u2013 oft, wie im zwei Jahre alten, f\u00fcnfs\u00e4tzigen St\u00fcck <em>Extinction Events and Dawn Chorus <\/em>werden performanceartig szenische Elemente eingeflochten. So kommt Konzertmeister <em>Anton Barakhovsky<\/em> \u2013 er spielt hier entschlossen und virtuos die Hauptrolle \u2013 nach Gekratze aus dem Off im 1. Satz <em>Anthropogenic debris<\/em> demonstrativ raschelnd mit einer gro\u00dfen Plastikplane aufs Podium: die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Verzerrung anf\u00e4nglich plakativer Naturlaute (Vogelstimmen, vielleicht auch Walges\u00e4nge). Wichtig im gesamten St\u00fcck: kleine Waldteufel (Reibetrommeln) f\u00fcr alle Spieler, wohl die Personifizierung geschundener Natur. Der 4. Satz <em>Transmission <\/em>schildert gar den vergeblichen Versuch des Sologeigers, einem rudiment\u00e4ren Streichinstrument \u2013 kleine Trommel zum Waldteufel umfunktioniert \u2013 musikalisches Material beizubringen. Am Schluss dann \u2013 der Herkulessaal ist jetzt in fahles, gr\u00fcnes Licht getaucht \u2013 eine Welt aus Ger\u00e4uschen am Rande des wahrnehmbaren Klangspektrums; die Menschheit scheint nun bereits \u00fcberwunden. Die Mahnung dieser Komposition ist selbsterkl\u00e4rend.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 21 Uhr bringt das BRSO dann zwei quasi Klassiker: Giacinto Scelsis <em>I presagi <\/em>von 1958 (UA erst 1987) und Iannis Xenakis\u2018 <em>Jalons <\/em>(1986). Beide tragen apokalyptische Z\u00fcge und geb\u00e4rden sich wie Schwesterst\u00fccke zu riesig besetzten Orchesterwerken mit beachtlicher Zerst\u00f6rungswut. So wirken die <em>Presagi <\/em>\u2013 f\u00fcr 8 Blechbl\u00e4ser, Saxofon und Schlagzeug \u2013 tats\u00e4chlich wie eine Vorahnung von <em>Uaxuctum<\/em>, das den Untergang einer archaischen Kultur thematisiert: entsprechend irritierende, immer mikrotonal belebte Kl\u00e4nge, be\u00e4ngstigend und sch\u00f6n zugleich. <em>Jalons <\/em>\u00fcbertr\u00e4gt die Katastrophen von <em>Jonchaies <\/em>gekonnt auf eine 15er-Besetzung, emotional und in der komplexen Architektur des Materials erstaunlich verwandt. Dazu kommt hier ein f\u00fcr Xenakis v\u00f6llig ungewohntes Element: Wenn die chaotischen Klangmassierungen \u00fcberm\u00e4chtig zu werden drohen, greift die Harfe mit wenigen, glasklaren und beinahe schlichten Wendungen wie ein <em>deus ex machina <\/em>ein, steht f\u00fcr eine Ordnung h\u00f6herer Dimension. Beide St\u00fccke \u2013 Xenakis mit dem BRSO war immer schon ein Highlight \u2013 gelingen den Musikern unter dem nun extrem konzentriert agierenden und organisch mitgehenden Dirigenten in der Tat umwerfend; das Gl\u00fccksgef\u00fchl \u00fcber diese Glanzleistung strahlt am Schluss aus den Augen aller Mitwirkenden \u2013 und der minutenlange Applaus des irgendwie leer erscheinenden Saales klingt \u00fcberraschend gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Da schon zwei der obigen Werke hintereinander ohne eine \u2013 coronabedingt untersagte \u2013 Pause kaum auszuhalten w\u00e4ren, gibt <em>Antoine Tamestit <\/em>mit seiner Bratsche jeweils dazwischen Balsam auf die Seele. Feldmans <em>The Viola in My Life 2,<\/em> mit 6 weiteren Spielern, erreicht unmittelbare Transzendenz mit gewohnt reduzierten Mitteln: heute eine echte Wohltat.<\/p>\n\n\n\n<p>Berios <em>Naturale <\/em>ist eine vorbildlich respektvolle Auseinandersetzung mit sizilianischer Folklore \u2013 neben der Viola h\u00f6rt man einf\u00fchlsam eingesetztes Schlagzeug und vom Band die Stimme eines der letzten traditionellen, regionalen B\u00e4nkels\u00e4nger. Die Viola darf dennoch vielschichtig agieren, oft t\u00e4nzerisch \u2013 fantastisch der Abschnitt, wo mit Pizzicati eine Gitarre imitiert wird. Tamestit macht sein Instrument hier, fast etwas ungewohnt, \u00fcberwiegend zum Tr\u00e4ger von Gl\u00fccksgef\u00fchl: Sch\u00f6nheit und F\u00fclle seines Klanges sind Weltklasse \u2013 seine \u00fcberragende Pr\u00e4senz ist einfach zauberhaft. Den m\u00f6chte man bitte noch \u00f6fter h\u00f6ren!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 4. Oktober 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag, 2.10.2020 gab es um 18 bzw. 21 Uhr \u2013 wegen der Coronabestimmungen (L\u00fcften, Zeitbegrenzung f\u00fcr einzelne Programme etc.) \u2013 gleich zwei Konzerte der musica viva im M\u00fcnchner Herkulessaal; der erste Auftritt des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks am \u201eStammplatz\u201c seit der erzwungenen Pause. 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