{"id":3987,"date":"2020-10-09T10:18:00","date_gmt":"2020-10-09T08:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3987"},"modified":"2020-10-07T21:50:18","modified_gmt":"2020-10-07T19:50:18","slug":"gehalt-gegen-geschwindigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/09\/gehalt-gegen-geschwindigkeit\/","title":{"rendered":"Gehalt gegen Geschwindigkeit"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Ivanov-Liszt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3988\" width=\"468\" height=\"468\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Ivanov-Liszt.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Ivanov-Liszt-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Ivanov-Liszt-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 468px) 100vw, 468px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Pianist Martin Ivanov spielt die ersten f\u00fcnfzehn Ungarischen Rhapsodien S 244 von Franz Liszt f\u00fcr Gramola ein. Dies ist die erste Gesamteinspielung des Zyklus seit mehr als vier Jahren \u2013 die 30 Jahre sp\u00e4ter komponierten Rhapsodien Nr. 16 bis 19, die auch stilistisch vollkommen von den ersten f\u00fcnfzehn getrennt erscheinen, lie\u00df der Pianist in seiner Aufnahme aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren wandelte sich die Anschauung auf einige der gro\u00dfen Klavierst\u00fccke von Franz Liszt, beispielsweise auf seine Reihe an Ungarischen Rhapsodien, die er gr\u00f6\u00dftenteils auf geh\u00f6rtes oder in Quellen gelesenes Material von Zigeunermusik errichtete. Bislang wurden die St\u00fccke aufgrund ihrer immensen technischen Anforderungen und dem effektgeschw\u00e4ngerten Gestus wie Zirkusnummern behandelt und von den gro\u00dfen Virtuosen als Showst\u00fccke heruntergerast, um die pianistische Potenz zu demonstrieren. Nun machte vor allem die neue Notenausgabe von Istvan Stel\u00e9nyi und Zolt\u00e1n G\u00e1rdonyi darauf aufmerksam, \u201edass bei der Ausf\u00fchrung trotz der erforderlichen Virtuosit\u00e4t niemals reine technische Bravour vorherrschen sollte\u201c, sondern die Werke eine poetische Substanz innehaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rhapsodien in ihrer Gesamtheit aufzunehmen hat dennoch vor allem archivarische und nicht zyklische Zwecke, denn sie sind einander im Geiste wie im Duktus doch zu \u00e4hnlich und damit zu wenig kontrastreich, um aneinandergereiht ihre Einzelwirkung zu entfalten: der Eindruck verwischt in Gleichf\u00f6rmigkeit. Dabei gibt es einige wahre Sch\u00e4tze unter den St\u00fccken zu entdecken und manch eine der Rhapsodien (auch jenseits der ber\u00fchmten Nr. 2) birgt melodische und harmonische Reicht\u00fcmer, die mehr Pianisten aussch\u00f6pfen sollten. Andere sind dann aber doch recht oberfl\u00e4chliche Gebilde, die mehr durch die Geschwindigkeit als durch den Gehalt Geltung erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu bedauern bleibt, dass sich Ivanov gegen die letzten vier der Ungarischen Rhapsodien entschied, die Liszt etwa 30 Jahre nach den ersten f\u00fcnfzehn komponierte. Diese haben nicht mehr die Leichtigkeit und Unbeschwertheit der fr\u00fcheren inne, sondern zeigen auch die Schattenseiten auf, sind daher umso schwieriger auch musikalisch zu bew\u00e4ltigen. Daf\u00fcr belohnen sie mit Tiefgang, der bei den fr\u00fcheren Werken oft noch nicht so ausgereift war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leitbilder, die Ivanov f\u00fcr seine Liszt-Aufnahmen nennt, divergieren: W\u00e4hrend Vladimir Horowitz durch subtile Detailgebung wahre Magie entlockt und Glenn Gould durch seine skurrile Art vollkommen eigenwillige Nuancen freigibt, drischt Gy\u00f6rgy Cziffra die Werke erbarmungslos herunter, stets bem\u00fcht, immer schneller und lauter zu h\u00e4mmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was beim Spiel von Martin Ivanov ins Auge sticht, ist eine pers\u00f6nliche, aufrichtige und eigenst\u00e4ndige Note, die sein Musizieren durchdringt. Allein dies macht ihn zu einem Musiker, den man sich merken sollte und von dem hoffentlich noch Gro\u00dfes erwartet werden kann. Ivanov h\u00e4lt sich pr\u00e4zise an die kritische Ausgabe und stellt sich so in den Dienst dieser Werke, die in der Vergangenheit durch eine Vielzahl an Ausgaben, Ver\u00e4nderungen und \u00dcberspitzungen verst\u00fcmmelt wurden. Besonders fein geht der Pianist mit dem Rubato um, welches er trefflich zur Melodiegestaltung einsetzt, ohne es \u00fcberzustrapazieren. An manchen H\u00f6hepunkten geht es zwar doch mit ihm durch und er verf\u00e4llt ins Rasen oder zieht dem sch\u00f6nen Ton eine effektreichere Darbietung vor \u2013 doch ist dies nur ein kleines Manko in einer farbenreichen und forschenden Aufnahme dieser St\u00fccke, die in ihrer Gesamtheit nur selten zu h\u00f6ren sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Pianist Martin Ivanov spielt die ersten f\u00fcnfzehn Ungarischen Rhapsodien S 244 von Franz Liszt f\u00fcr Gramola ein. 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