{"id":4022,"date":"2020-10-28T07:54:00","date_gmt":"2020-10-28T06:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4022"},"modified":"2020-10-21T19:01:25","modified_gmt":"2020-10-21T17:01:25","slug":"aeusserst-empathisch-vorgetragene-klaviermusik-von-thomas-ades","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/28\/aeusserst-empathisch-vorgetragene-klaviermusik-von-thomas-ades\/","title":{"rendered":"\u00c4u\u00dferst empathisch vorgetragene Klaviermusik von Thomas Ad\u00e8s"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574109; EAN: 7 4731341097 2<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/TNL-Ades-Klavierwerke-Han-Chen-Naxos-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4023\" width=\"454\" height=\"450\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/TNL-Ades-Klavierwerke-Han-Chen-Naxos-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/TNL-Ades-Klavierwerke-Han-Chen-Naxos-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/TNL-Ades-Klavierwerke-Han-Chen-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/TNL-Ades-Klavierwerke-Han-Chen-Naxos-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/TNL-Ades-Klavierwerke-Han-Chen-Naxos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Den Gro\u00dfteil des bisherigen Solo-Klavierwerks von Thomas Ad\u00e8s (*1971) hat der aus Taiwan stammende Pianist Han Chen auf Naxos eingespielt. Das Spektrum reicht von der opulent-virtuosen Konzertparaphrase \u00fcber \u201ePowder Her Face\u201c \u00fcber zwei Auseinandersetzungen mit der Musik Dowlands und drei sehr britischen Mazurken bis zum minimalistischen \u201eSouvenir\u201c aus der Filmmusik zu \u201eColette\u201c (2018).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der immer kontrovers diskutierte englische Komponist Thomas Ad\u00e8s wurde vor zwanzig Jahren von einigen F\u00f6rderern \u2013 namentlich Sir Simon Rattle \u2013 zu einer der gr\u00f6\u00dften Hoffnungen der britischen Musik hochstilisiert. Ein <em>enfant terrible<\/em> ist er irgendwie \u00fcber die Jahre geblieben; vieles schwankt allerdings zwischen Innovation \u2013 besonders interessant Rhythmik und geschickte \u00dcberlagerung verschiedener Zeitschichten \u2013 und purem Eklektizismus. Neben drei zu Recht gelobten Opern, zahlreichen Orchesterwerken und Kammermusik \u2013 u.a. einem intrikat komplexen Klavierquintett \u2013 hat der begabte Pianist immer auch f\u00fcr sein eigenes Instrument komponiert, zuletzt etwa ein sehr publikumswirksames Klavierkonzert f\u00fcr Kirill Gerstein, das seit vorigem Jahr eigentlich um die ganze Welt touren sollte, was lediglich coronabedingt unterbrochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>An die gro\u00dfen Opernparaphrasen Liszts, Thalbergs oder des Briten Ronald Stevenson ankn\u00fcpfend, schrieb Ad\u00e8s 2009 ein entsprechendes Werk \u00fcber seine erste Oper <em>Powder Her Face. <\/em>Das ist fast schon altmodische, hochvirtuose Klavieropulenz, die unter den H\u00e4nden des jungen, aus Taiwan stammenden Han Chen, der in New York u.a. an der Juilliard School studierte (auch bei der gro\u00dfartigen Ursula Oppens), pr\u00e4chtig ger\u00e4t: Da wird ein 15-Mann-Orchester gekonnt auf den Fl\u00fcgel \u00fcbertragen, der zugleich singen darf. Diese Bearbeitung macht einfach Spa\u00df, ist \u2013 bei insgesamt 17 Minuten L\u00e4nge \u2013 durchgehend spannend, klanglich abwechslungsreich und kurzweilig (es gibt davon auch eine neuere Fassung f\u00fcr zwei Klaviere). Erfreulich, wie eine alte Tradition so am Leben erhalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Am modernsten wirkt vielleicht das dreis\u00e4tzige St\u00fcck <em>Traced Overhead <\/em>(1996): Mit unterschiedlichsten Texturen werden mehrere Ebenen von \u201eVertikalit\u00e4t\u201c erforscht. Auch wieder pianistisch h\u00f6chst anspruchsvoll, gelingt es Han Chen mit gro\u00dfer Raffinesse, hier fantastische Klangr\u00e4ume quasi transzendieren zu lassen \u2013 wer Ad\u00e8s\u2018 Orchesterwerke kennt, wird gerade diese Komposition als typisch f\u00fcr seine musikalische Ideenwelt zu sch\u00e4tzen wissen. Ganz anders wieder die beiden, etwas lang geratenen St\u00fccke <em>Still Sorrowing <\/em>und <em>Darknesse Visible<\/em>, die sich avantgardistisch mit der Musik <em>John Dowlands <\/em>auseinandersetzen; ersteres benutzt in der Mittellage abged\u00e4mpfte Saiten, letzteres transformiert ein Lautenst\u00fcck durch extreme Dynamik und Lagenspreizungen. Sehr eigenwillig sind auch die drei <em>Mazurkas <\/em>f\u00fcr Emanuel Ax, die mit sp\u00e4tromantischen Erwartungen spielen, aber schnell in Unvorhergesehenes m\u00fcnden, das durchaus britischen Humor erkennen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Blanca Variations <\/em>\u00fcber ein sephardisches Volkslied waren ein Pflichtst\u00fcck-Beitrag zum <em>Clara Haskil Wettbewerb<\/em> 2016 \u2013 hier steht allerdings nicht \u00e4u\u00dferliche Brillanz im Vordergrund, sondern differenziertes klangliches Ausleuchten der gesamten Klaviatur mit allen Resonanzeffekten. Mit dem <em>Souvenir <\/em>\u2013 aus Ad\u00e8s\u2018 erster Filmmusik zu <em>Colette <\/em>(2018) \u2013 kann der Rezensent nun gar nichts anfangen: Unertr\u00e4glich z\u00e4h versucht der Komponist die Belastbarkeit von ein paar Terzen auszuloten, die simpelste Harmoniefolgen bilden und sieben Minuten fast die Zeit anzuhalten scheinen \u2013 aber auch diese reine Provokation verweist klar auf Vorbilder wie <em>Erik Satie. <\/em>Han Chen erweist sich bei allen Werken als technisch bombensicher und intellektuell \u00fcberlegener Interpret mit klarer \u00dcbersicht: toller Zugriff bei den energischen Passagen, nuancenreich und klangsch\u00f6n da, wo die Musik auch mal romantisch vertr\u00e4umt oder zumindest mit nostalgischer Geste daherkommt \u2013 und bei besagtem <em>Souvenir<\/em> l\u00e4sst der Pianist den H\u00f6rer schlie\u00dflich eiskalt ausbluten. Eine insgesamt total \u00fcberzeugende Einspielung, die mit Ad\u00e8s\u2018 eigenen Klavierdarbietungen problemlos mithalten kann. Diesem vielversprechenden Pianisten, der bereits mit Liszt und Anton Rubinstein gl\u00e4nzen konnte, darf man nun ruhig noch schwereres Repertoire zutrauen: vielleicht Elliott Carter?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574109; EAN: 7 4731341097 2 Den Gro\u00dfteil des bisherigen Solo-Klavierwerks von Thomas Ad\u00e8s (*1971) hat der aus Taiwan stammende Pianist Han Chen auf Naxos eingespielt. 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