{"id":4025,"date":"2020-10-30T09:27:00","date_gmt":"2020-10-30T08:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=4025"},"modified":"2020-12-07T13:19:36","modified_gmt":"2020-12-07T12:19:36","slug":"klavierlieder-von-schostakowitsch-in-perfektion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2020\/10\/30\/klavierlieder-von-schostakowitsch-in-perfektion\/","title":{"rendered":"Klavierlieder von Schostakowitsch in Perfektion"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.574031; EAN: 7 4731340317 2<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schostakowitsch-Gritskova-Prinz-Naxos-1024x1015.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4026\" width=\"445\" height=\"441\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schostakowitsch-Gritskova-Prinz-Naxos-1024x1015.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schostakowitsch-Gritskova-Prinz-Naxos-300x298.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schostakowitsch-Gritskova-Prinz-Naxos-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schostakowitsch-Gritskova-Prinz-Naxos-768x762.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Schostakowitsch-Gritskova-Prinz-Naxos.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Das Liedschaffen Dmitri Schostakowitschs spielt bislang, verglichen etwa mit Auff\u00fchrungszahlen seiner Symphonien oder Streichquartette, eher eine untergeordnete Rolle. Wie vielf\u00e4ltig aber gerade seine Klavierlieder \u2013 oft von ihm selbst auch als \u201eRomanzen\u201c bezeichnet \u2013 sind, beweist die kluge Auswahl von 20 Werken durch die beiden mittlerweile perfekt aufeinander abgestimmten K\u00fcnstlerinnen Margarita Gritskova (Mezzosopran) und Maria Prinz (Klavier), die gerade auf Naxos erschienen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schostakowitschs Klavierlieder haben im Westen wenig Bekanntheit erlangt. Das mag zum einen daran liegen, dass gerade hier perfekte russische Diktion gefordert ist, die bei uns nicht zum Standard in der Gesangsausbildung geh\u00f6rt. Zum anderen hat der Komponist zahlreiche Lieder orchestriert, sodass sich so eher mal ein paar davon in Symphoniekonzerten unterbringen lassen. Daher ist sein Liedschaffen \u2013 auch in der Aufmerksamkeit des Publikums \u2013 leider unterbelichtet geblieben; v\u00f6llig zu Unrecht, wie die \u00e4u\u00dferst \u00fcberlegte und gelungene Zusammenstellung der seit Jahren zum Ensemble der Wiener Staatsoper geh\u00f6renden, russischen Mezzosopranistin Margarita Gritskova mit ihrer aus Bulgarien stammenden Klavierpartnerin Maria Prinz, die ebenfalls in Wien lehrt, beweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Puristen d\u00fcrften sich zun\u00e4chst an der Tatsache st\u00f6ren, dass hier absichtsvoll darauf verzichtet wurde, einen der gr\u00f6\u00dferen Zyklen, etwa die <em>Michelangelo-Gedichte <\/em>op. 145, oder auch nur einzelne Opuszahlen mit vielleicht einer Handvoll Liedern komplett zu bringen. Aber nur so kann man in einer knappen Stunde einen \u2013 weitgehend chronologisch angeordneten \u2013 Abriss der Vielf\u00e4ltigkeit von Schostakowitschs Kunstliedern, sowohl was die h\u00f6chst unterschiedlichen Textdichter(innen), als auch das breite stilistische Spektrum betrifft, darbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man findet also von Krylows simpler Kinderfabel <em>Libelle und Ameise<\/em> [Track 1] \u00fcber die wortkarge Wucht alter japanischer Dichtkunst \u2013 <em>Vor dem Selbstmord<\/em> (Otsuno Odzi, 7. Jhdt.)[Track 2] \u2013, ein Shakespeare-Sonett, die Romantik Lermontows bzw. Puschkins, Volkspoesie aus Griechenland und Spanien, bis zum grandios selbstironischen <em>Vorwort zu meinen gesammelten Werken und eine kurze Bemerkung zu diesem Vorwort <\/em>(1966) [Track 19] eine umwerfende F\u00fclle v\u00f6llig unterschiedlicher Sujets. Und gerade dadurch, dass hier der Komponist immer wieder neue Wege findet, dieser Diversit\u00e4t gerecht zu werden, erkennt der H\u00f6rer einmal mehr Schostakowitschs Ernsthaftigkeit und Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarita Gritskovas Timbre entzieht sich einer einfachen Festlegung, denn sie kann ungemein viel mit ihrer Stimme machen. Schon die ersten beiden Lieder (s.o.) \u00fcberraschen: Wirkt Gritskova bei der Kinderfabel fast wie ein leichter Sopran, kann sie schon beim <em>Selbstmord<\/em> einerseits fast (!) opernhaft aufdrehen \u2013 wobei sie nie in die Unart vieler ihrer russischen Kolleginnen verf\u00e4llt, mit zu viel Vibrato die Intonation zu zerst\u00f6ren. Da zeigt sich dann auch, dass sie in der Tat ein Mezzo ist, mit enormer Tiefe, ohne zwangsl\u00e4ufig ins Brustregister gehen zu m\u00fcssen. Wie ihr immer kultiviertes und der jeweiligen Situation stets angemessenes, angenehmes Vibrato, benutzt sie auch erstere Technik nur, um zu charakterisieren \u2013 etwa die ironischen Momente in den beiden Glikberg-<em>Satiren<\/em> aus op.109. Ansonsten kann sie glaubhaft bedrohlich wirken, charmant kokettieren usw.; f\u00fcr jede Situation findet sie sensibel die richtigen Farben, bei \u00fcberragender Textverst\u00e4ndlichkeit und optimaler Phrasierung \u2013 eine S\u00e4ngerin, die ihre au\u00dferordentlichen M\u00f6glichkeiten punktgenau einzusetzen wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatten Gritskova\/Prinz vor einem halben Jahr mit ihrer belobten Prokofjew-CD praktisch keine echte Konkurrenz, ist diese bei Schostakowitsch zumindest hochrangig \u2013 etwa Elena Zaremba mit einigen Orchesterliedern unter Neeme J\u00e4rvi. Maria Prinz erweist sich aber als wirklich kongeniale Begleiterin. Der \u2013 nicht nur optisch \u2013 oft ausged\u00fcnnt wirkende Klaviersatz t\u00e4uscht; um Schostakowitsch zu verstehen, muss man andauernd zwischen den Zeilen lesen. Die Ausdruckskraft versteckt sich in oft kleinsten Details: differenzierter Dynamik, Akzenten, konsequent umgesetzter Phrasierung. Prinz hat sich das minuti\u00f6s erarbeitet und beide K\u00fcnstlerinnen werfen sich in perfekter Einigkeit mit offensichtlichem Spa\u00df andauernd die B\u00e4lle zu \u2013 einfach mitrei\u00dfend! Vergleicht man z.B. op. 109, Nr. 2 <em>\u201eFr\u00fchlingserwachen\u201c <\/em>mit der Aufnahme von Galina Wischnewskaja und Mstislaw Rostropowitsch, so wird man entt\u00e4uscht sein, wie monochrom diese klingt, wie oberfl\u00e4chlich \u201evirtuos\u201c ihr Mann die Begleitung herunternudelt, und wie opernhaft schrill der Schluss ger\u00e4t \u2013 nicht wirklich ausdrucksstark. Auf der vorliegenden CD gehen Gritskova\/Prinz die Sache ruhiger an, bringen aber sehr viel mehr Farben und eine \u00fcberzeugende Steigerung \u2013 immer schwebt dar\u00fcber der unvergleichliche Hauch von Ironie, wie man ihn bei Schostakowitsch erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tolle: Dies gef\u00e4llt ausnahmslos bei allen 20 Nummern der CD in ihrer erstaunlichen Vielschichtigkeit; dazu liefert der Bayerische Rundfunk auch noch eine perfekte Studio-Aufnahmetechnik. Und Naxos druckt im Booklet s\u00e4mtliche Texte \u2013 dreisprachig; hier wurde also nicht, wie mittlerweile leider \u00fcblich, gespart. Diese in jeder Hinsicht \u00fcberaus gelungene Einspielung macht einfach Freude und verdient somit eine ungetr\u00fcbte Empfehlung: nicht nur f\u00fcr Schostakowitsch-Fans, die mal \u00fcber den Tellerrand schauen wollen, sondern f\u00fcr alle Freunde des russischen Kunstliedes \u2013 weiter so!<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichsaufnahme (op. 109): Galina Wischnewskaja, Mstislaw Rostropowitsch (live in Moskau, 1967, Melodiya 74321 53237 2)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2020]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.574031; EAN: 7 4731340317 2 Das Liedschaffen Dmitri Schostakowitschs spielt bislang, verglichen etwa mit Auff\u00fchrungszahlen seiner Symphonien oder Streichquartette, eher eine untergeordnete Rolle. 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